Fragwürdige Allianz der Kulturen

Allen Unkenrufe über Defizite in Fragen der Menschen- und Minderheitenrechte zum Trotz rückt der Beginn der Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei immer näher. Den Erkenntnissen der EU-Kommission zufolge könnten sie schon im Frühsommer – noch unter der österreichischen EU-Präsidentschaft – beginnen. Zeit, um außerhalb umstrittener Themen (Zypern, Einfluß der Militärs) Pluspunkte zu sammeln, heißt es aus diesem Grunde in Ankara. Und so kam der Konflikt um die Mohammed-Karikaturen wohl gerade zur rechten Zeit für den vormals als Islamist geltenden Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Der selbsternannte „islamische Demokrat“ wollte ein Beispiel geben und verhielt sich entsprechend besonnen. Er kritisierte die Zeitungen, die die dänischen Karikaturen nachgedruckt hatten – für eine derartige kulturelle Arroganz gebe es keine Rechtfertigung -, rief die Muslime in der Welt zu Friedfertigkeit auf und bot die Türkei als Vermittler zwischen islamischer und westlicher Welt an. Parallel richtete er ein Schreiben an zahlreiche Staats- und Regierungschefs, in dem er angesichts der beispiellosen „Polarisierung“ von seinen aufrichtigen Bemühungen um Versöhnung und Integration sprach: „Es ist unser größtes Ziel, selbst einen einzigartigen Beitrag zu leisten, um das Menschheitsideal ‚Einheit in Vielfalt‘ zu erreichen. Unsere Initiative für eine ‚Allianz der Kulturen‘ und unsere entschlossenen Schritte, Vollmitglied der Europäischen Union zu werden, sind alle auf die Erfüllung dieses Ideals gerichtet.“ Statt Huntingtons Kampf der Kulturen also eine friedfertige „Allianz der Kulturen“, in deren Mittelpunkt die Türkei steht. Der Traum eines türkisches Idealbildes: als fruchtbare Symbiose eines muslimischen Staates mit laizistischen und demokratischen Grundfesten die Aufmerksamkeit des Westens zu erwirken und zugleich den islamischen Ländern als ein vorbildliches „Modell“ zu erscheinen. Die Frage ist nur, ob die Türkei diesen hehren Vorsätzen auch genügen kann. Der Grat zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist schmal. Als Land zwischen den Welten ist sie stets gefährdet, selbst von den Zerwürfnissen von Moderne und islamischer Tradition zerrissen zu werden. Zwar versucht Präsident Erdogan das türkische Modell erfolgreich und stabil erscheinen zu lassen. Doch die Gefahren sind groß. So bewarfen türkische Demonstranten in der Hauptstadt das französische Konsulat zwar „nur“ mit Eiern. Doch konnte die Polizei, wie der türkische Sender NTV berichtete, dann doch einen Sturm auf das Gebäude verhindern. Nicht verhindern konnte die Polizei allerdings den Mord an dem katholischen Priester Andrea Santoro in dessen Kirche an der türkischen Schwarzmeerküste. Die türkische Führung zeigte sich entsetzt und sprachlos. Doch diese Sprachlosigkeit nährte die Zweifel an der Geradlinigkeit. Hat der 16jährige Täter vor seiner Tat „Allahu akbar“ (Gott ist der Größte) gerufen und somit offenbart, daß der Fundus an islamistischer und antichristlicher Gewalt in der Türkei größer ist als erwartet? Führten ihn mafiöse Strukturen zu dem Priester, der auch einigen christlichen Frauen aus Osteuropa geholfen hatte, der in der Türkei blühenden Prostitution und dem grassierenden Menschenhandel zu entkommen? Die Beantwortung dieser Fragen könnte Ungemach für Ankara bedeuten. Doch auch aus anderer Richtung fällt Schatten auf das Angebot der türkischen Vermittlerrolle. Die arabisch-islamische Welt ist seit der osmanischen Epoche nicht gut auf die Türkei zu sprechen. Zwar blickt man mit Interesse auf das Modell einer islamischen Regierung – mehr aber auch nicht. Denn allein die traditionelle Zusammenarbeit der Türkei mit den USA und die enge Zusammenarbeit mit Israel lassen das Interesse an einer türkischen Vermittlerrolle auf den Nullpunkt sinken. Im Gegensatz dazu ist der Westen, allen voran die EU begeistert von der Türkei und ihrer Funktion als „Brücke zwischen den Zivilisationen“. Folglich forderte der CDU-Außenpolitiker Volker Rühe gegenüber der Bild als Konsequenz aus dem Streit um die Karikaturen den schnellen Beginn der Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei. Denn just der EU-Beitritt der Türkei sei „der entscheidende Schlag gegen den drohenden Kampf der Kulturen“. Ministerpräsident Recep T. Erdogan: Für die „Einheit in Vielfalt“ Foto: Picture-Alliance / dpa

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