Das Ergebnis steht schon vorher fest

Am 17. September wird in Transnistrien, der abtrünnigen Ostprovinz der Republik Moldau, ein Referendum abgehalten, das gemäß geltenden Verträgen nur dann stattfinden dürfte, wenn das Land sich mit Rumänien wiedervereinigen wollte. Doch eine „großrumänische Wiedervereinigung“ steht derzeit überhaupt nicht zur Debatte. Rumänien ist mit seinem für 2007 geplanten EU-Beitritt beschäftigt, und die kommunistische Regierung der Moldau in Kischinew (Chişinău/Kischinjow) unter Vladimir Voronin ist – im Gegensatz zur schwachen konservativ-christlichen Opposition – bislang gegen eine Vereinigung. Obwohl das Referendum eigentlich eine widerrechtliche Veranstaltung ist, steht das Ergebnis schon im voraus fest: Die Bevölkerung wird mit vermutlich großer Mehrheit für die Trennung von der Moldau-Republik stimmen, um dann in einem zweiten Schritt den Beitritt zur Russischen Föderation zu beschließen. Damit würde – nach dem nördlichen Ostpreußen (Oblast Kaliningrad) – eine zweite russische Exklave entstehen. Diesmal allerdings nicht im Ostseeraum, sondern zwischen der Moldau und der Ukraine. Nach der „Erdgas-Erpressung“ durch Rußland vom letzten Winter (JF 3/06) würde Kiew mit einer weiteren geopolitischen Konstellation konfrontiert. Das zwischen Dnister (Nistru/Dnjestr) und Südlichem Bug gelegene Gebiet von Transnistrien hat im vergangenen Jahrhundert eine wechselvolle und tragische Geschichte gehabt. Das Fürstentum Moldau wurde 1859 mit der Walachei vereint, 1861 der Staat Rumänien proklamiert. Die im 19. Jahrhundert mehrheitlich von Rumänen – aber auch vielen Juden, Deutschen, Russen, Ukrainern und Bulgaren – bewohnte Region Bessarabien war bis 1917 ein Gouvernement des Russischen Zarenreiches. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel das Land zwischen Pruth (Râul Prut) und Dnister an das Königreich Rumänien. Transnistrien hingegen wurde Teil der Sowjet-Ukraine. 1924 entstand im Rahmen der Ukrainischen Sowjetrepublik die Moldauische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik (MASSR) mit der zentral am Fluß Kodyma gelegenen Hauptstadt Balta (deren Nordteil einst zum Königreich Polen und deren Südteil einst zum Osmanischen Reich gehörte). 1929 wurde das weiter südlich gelegene Tiraspol zur Hauptstadt. Nachdem 1939 im Rahmen des Molotow-Ribbentrop-Paktes die rumänische Provinz Bessarabien an die Sowjetunion fiel, wurden 1940 etwa zwei Drittel der MASSR mit der rumänischen Provinz Bessarabien zur Moldauischen Sowjetrepublik vereinigt. Die ansässigen etwa 93.000 Volksdeutschen wurden 1940 fast alle (mit der Donauflotte) „heim ins Reich“ geholt – darunter auch die Eltern von Bundespräsident Horst Köhler. Zehntausende andere Bewohner Bessarabiens wurden als „antisowjetische Elemente“ nach Sibirien deportiert. Die mehrheitlich von Slawen und Juden bewohnten Teile der MASSR um Balta kamen zur Sowjet-Ukraine. Unterdessen verbündete sich Rumänien unter Marschall Ion Antonescu mit dem Deutschen Reich. Im Rahmen des Angriffs auf die Sowjetunion („Fall Barbarossa“) wurde auch eine Teilnahme der rumänischen Streitkräfte vereinbart. Diese sollten zunächst bis zum Dnister marschieren. Angesichts der Siege im Sommer 1941 ließ Antonescu die rumänische Armee an der Seite der Wehrmacht aber weitermarschieren – bis Stalingrad. Als „Siegprämie“ erhielt Rumänien das gesamte Gebiet zwischen Dnister und Südlichem Bug. Das damalige rumänische „Transnistria“ umfaßte damit auch die Hafenstadt Odessa. Vor Kriegsbeginn lebten mehrere hunderttausend Juden in dem Gebiet, ab 1941 wurden weitere Hunderttausende aus Bessarabien, der Bukowina und der Ukraine hierher deportiert – ein Großteil von ihnen kam durch Seuchen und Hunger bis 1944 um, ein wenig bekanntes Kapitel des Krieges. 1945 wurde die Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik „wiederbelebt“. Etwa zwei Drittel der Bevölkerung sprachen damals Rumänisch, aber im Gegensatz zu den Balten mußten sie ihre Sprache nun mit dem kyrillischen Alphabet schreiben, Russisch wurde erste Amtssprache. Die sowjetische Politik forcierte im Rahmen ihrer Industriepolitik die Ansiedlung von Russen und anderen Völkern der Sowjetunion. Nach der Implosion der Sowjetunion proklamierte die Moldau 1991 ihre staatliche Unabhängigkeit und führte als Staatssprache wieder das Rumänische ein. Als dann auch noch eine Wiedervereinigung mit Rumänien „drohte“ – die allerdings nur von einer Minderheit angestrebt wurde -, erklärte sich Transnistrien, wo weit über zwei Drittel keine Rumänen sind, für unabhängig. 1992 folgte ein kurzer Bürgerkrieg, in dem die Moldauer unterlagen. Die Sezessionisten hatten die seit Sowjetzeiten in der Region stationierte 14. Armee hinter sich. Im Juni 1992 übernahm der russische General Alexander Lebed (später Sicherheitsberater von Präsident Boris Jelzin und von 1998 bis zum suspekten Absturz seines Mi8-Hubschraubers 2002 Gouverneur der sibirischen Region Krasnojarsk) deren Kommando. Jelzin unterschrieb zwar ein völkerrechtlich bindendes Dokument, in dem er den Abzug der russischen Truppen zusagte, diese Verpflichtung blieb bis heute unerfüllt. Zur Zeit sollen aber nur noch etwa 1.400 russische Soldaten in Transnistrien stationiert seien. Zusätzlich kompliziert wurde die Frage des Truppenabzugs durch die Tatsache, daß noch aus dem Zweiten Weltkrieges Tausende Tonnen Artilleriemuniton in Transnistrien lagerten und vor sich hin rotteten. Die Regierung in Tiraspol widersetze sich systematisch dem Abtransport dieser Bestände sowie anderer Ausrüstungen der früheren Sowjetarmee. Eine der Paradoxien der „prorussischen“ Sezession Transnistriens ist die Bevölkerungsstruktur. In Transnistrien leben bis heute mehr Ukrainer als Russen. Deswegen ist es auch verständlich, daß die Ukraine – selbst unter dem prorussischen Ministerpräsidenten Viktor Janukowitsch – schon vorab erklärt hat, daß sie kein Ergebnis des „Referendums“ anerkennen werde. Damit stellt sich Janukowitsch an die Seite des moldauischen Präsidenten Vladimir Voronin – früher ein KP-Apparatschik, inzwischen moldauischer Patriot. In den neunziger Jahren kursierten von westlichen Nachrichtendiensten lancierte Berichte, denen zufolge die gesamte Tiraspoler Regierungsmannschaft – allen voran Igor Smirnow – fingierte Lebensläufe veröffentlicht habe. Die meisten seien ehemaligen Offiziere der Geheimdiensteinheit Omon, die sich unter Gorbatschow am Massaker vor dem Gebäude des litauischen Fernsehens beteiligt hätten und danach flüchten mußten. Beweise dafür gibt es zwar nicht, aber das unter Stalin stark indu-strialisierte Ostufer des Dnister (Stahl-, Leder-, Möbelindustrie) wird tatsächlich von einer wenig salonfähigen, korrupten und kriminellen Clique regiert, die Transnistrien faktisch in einen europäischen Brennpunkt des Waffen- und Drogenschmuggels verwandelt hat. Daher müßte die moldauische Führung – trotz aller wirtschaftlichen Verluste – eigentlich glücklich sein, die verkommene Region endlich loszuwerden, zumal auch historisch gesehen das Ostufer des Dnister nie zur rumänischen Provinz Bessarabien gehört hatte. Fotos: Präsident Smirnow (r.): Unabhängigkeit, anschließend Beitritt des Landes zur Russischen Föderation, Transnistrien und Moldawien: Bis 1991 eine Sowjetrepublik

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