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Bombenterror in Bombay

Nun hat also auch Indien seine „al-Qaida“-Zelle in Kaschmir. Deren Gründung wurde zwar erst zwei Tage nach den Bombenanschlägen in Bombay ausgerufen und ist somit durchaus geeignet, den Verdacht zu nähren, das augenblicklich als Weltfeind erster Kategorie firmierende Terrornetzwerk bestehe zu einem Gutteil aus Trittbrettfahrern nach dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung. Die sieben Bomben (eine achte wurde glücklicherweise vor der Detonation entdeckt), die am Abend des 11. Juli in mehreren Pendlerzügen der 17-Millionen-Wirtschaftsmetropole Mumbai (bis 1995 Bombay) zur Hauptberufsverkehrszeit gezündet wurden, 179 Menschen töteten und 770 weitere teils schwer verletzten, kamen trotzdem nicht aus heiterem Himmel. Indien, das im Frühjahr dieses Jahres von US-Präsident George W. Bush zum Verbündeten auf Augenhöhe geadelt und als Atommacht faktisch anerkannt worden ist, steht vor einer neuen Dimension des Terrors und muß mit dem Ausbruch blutiger innerer Konflikte rechnen. Seit 1993 suchen sich islamische Terroristen ihre Ziele in Indiens größter Metropole an der „schönen Bucht“, von der sie ihren Namen hat. Vor dreizehn Jahren hatten mehrere Bomben in Bombay 257 Tote und über 1.100 Verletzte gefordert. Zehn Jahre später hatten zwei Autobomben weitere 52 Menschen getötet. 2001 und 2005 wurde die Hauptstadt Neu-Delhi zum Ziel islamistischer Angriffe, 2002 wurde ein Tempel im Staat Gujarat attackiert, im März dieses Jahres traf ein Doppelanschlag die Stadt Benares. Der Schuldige stand für die indischen Machthaber in der Regel ohne viel Federlesens fest – die Drahtzieher wurden regelmäßig in Pakistan vermutet. Im Vergleich zu früheren Anschlägen fiel die Reaktion nach dem neuesten Blutbad von Bombay anfänglich zurückhaltend aus. Westliches Lob für diese „Besonnenheit“ kam jedoch verfrüht: Die harte Kritik an der Islamischen Republik Pakistan folgte auf dem Fuße, Premier Manmohan Singh beschuldigte Pakistan der „Mithilfe“, indische Zeitungen erklärten den pakistanischen Geheimdienst zum Strippenzieher des Anschlags. Unverzüglich erklärte Singh den Kaschmir-Friedensprozeß mit dem Nachbarn Pakistan über die geteilte Provinz für gefährdet und appellierte an die „nationale Geschlossenheit“ der Inder. Um solcher Appelle willen kommt der indischen Regierung die Schuldzuweisung an Pakistan nicht ungelegen, um von eigenen Problemen abzulenken. Pakistan hat daher nicht zufällig als erste ausländische Regierung die Anschläge scharf verurteilt. Der als Militärdiktator regierende Präsident Pervez Musharraf hat sich zwar 2004 gegenüber Indien im Zuge des Entspannungsprozesses verpflichtet, anti-indischen Terrorgruppen das Handwerk zu legen. Bereits 2002, als er sich dem US-Anti-Terror-Krieg anschloß, hatte er die 1993 gegründete indisch-kaschmirische Terrororganisation Lashkar-e-Taiba („Armee der Reinen“) verboten, die von seinem Land und von Afghanistan aus operiert. Deren Handlungsfähigkeit hat das kaum eingeschränkt. Im mehrheitlich muslimischen indischen Teil Kaschmirs, der Provinz „Jammu und Kaschmir“, konzentriert sich der islamische Extremismus; seit 1989 kämpfen islamische Gruppen mit terroristischen Mitteln für die Unabhängigkeit und Wiedervereinigung Kaschmirs. Islamisten gibt es aber nicht nur in Kaschmir. Zwar sind über 80 Prozent der indischen Bevölkerung Hindus, aber immerhin 13,8 Prozent (rund 140 Millionen) sind Moslems. Das ist die weltweit drittgrößte muslimische Bevölkerung. Die Mehrzahl sind Sunniten, aber in Indien lebt auch die größte schiitische Bevölkerungsgruppe außerhalb des Iran. Lashkar-e-Taiba ist keineswegs automatisch für alle Anschläge verantwortlich; verschiedentlich, wie im Fall Benares, konnten lokale Islamistengruppen als Täter identifiziert werden. Ein Bindeglied zwischen den Kaschmir-Islamisten und anderen Gruppen ist die islamische Studentenbewegung SIMI, die 1977 im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh gegründet wurde und sich gern mit ihrer „al-Qaida“-Nähe brüstet. Indien schärfer im Visier des internationalen Terrors Auch der Fall Mumbai ist keineswegs so klar, wie Singh und seine Behörden vorgeben. Die wegen ihrer unzulänglichen Arbeit auch in der Presse kritisierten Geheimdienste haben außer ein paar abgehörten Telefonaten und flüchtigen Verdächtigen nichts in der Hand. Zahlreiche Indizien laufen in ganz andere Richtungen; so trägt der in Mumbai eingesetzte einfache Industriesprengstoff nicht die Handschrift von Lashkar-e-Taiba, sondern spricht eher für eine regionale Gruppe, die sich „al-Qaida“-Muster zum Vorbild genommen hat. Daß sich im eigenen Land unter den Augen der ineffektiven Geheimdienste ein Netzwerk einheimischer muslimischer Terrorgruppen gebildet haben könnte, liegt den Behörden schwer im Magen und erklärt die nervösen Reaktionen. Anknüpfungspunkte gibt es viele, einschließlich mächtiger islamischer Mafiagruppen gerade in Bombay. Der lokale Polizeichef wurde für seine Vermutung abgestraft, lokale Politiker könnten die Finger im Spiel gehabt haben. Auch ohne das angenommene Zutun kaschmirischer Extremisten hat sich im Raum Bombay das Klima zwischen Hindus und Muslimen in den letzten Monaten dramatisch verschärft, haben sich die wechselseitigen Gewalttaten und Übergriffe gesteigert. Die eigentliche Sprengkraft der Anschlagsserie dürfte wohl nicht in der Vergiftung der indisch-pakistanischen Beziehungen und der drohenden Eskalation des Kaschmir-Konflikts liegen. Die Attentate hatten Symbolcharakter: Gezielt wurden Wagen der ersten Klasse angegriffen; die Bomben richteten sich gezielt gegen die wohlhabenderen Angehörigen der prosperierenden Mittelschicht – und das in einer Zeit, da gerade bei den aufsteigenden Eliten in Mumbai die Unzufriedenheit darüber wächst, daß die politische und infrastrukturelle Entwicklung mit dem Wirtschaftswachstum nicht Schritt hält. Zwar zeigte sich die Börse in Mumbai kurzfristig unbeeindruckt und blieb im Plus. Mit dem näheren Heranrücken an die USA ist Indien schärfer ins Visier des internationalen Terrors geraten – und muß sich den wachsenden Klüften im eigenen Land stellen. Foto: Indische Regierungsanhänger verbrennen Musharraf-Puppe: Weiter ungelöster Kaschmir-Konflikt

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