Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Von Sympathisanten und willigen Helfern

Der Beschluß der Berliner SPD, ab dem siebten Schuljahr ein verbindliches Lehrfach „Wertekunde“ einzuführen, hat ein beachtliches Echo quer durch alle politischen und gesellschaftlichen Lager ausgelöst – weit über Berlin hinaus. Das Fach Religion wird aus dem regulären Stundenplan am Vormittag verdrängt werden, was faktisch auf die Abschaffung dieses Faches hinausläuft, denn sehr wenige Schüler dürften sich bereit finden, nachmittags freiwillig am Religionsunterricht teilzunehmen. In zahlreichen Erklärungen, Gutachten und Talkshows ist zu diesem Vorhaben teilweise sehr kritisch Stellung bezogen worden. Eine vom evangelischen und katholischen Bischof gemeinsam initiierte Zeitungsanzeige ist von namhaften, maßgebenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unterschrieben worden. Alles Notwendige zu diesem Thema ist also unter allen möglichen Gesichtspunkten gesagt worden – fast alles, wie man hinzufügen muß. Wenn eine große Berliner Tageszeitung in diesem Zusammenhang feststellt, daß sich in der Berliner SPD „heimlich, still und leise eine Wiedergeburt der Linken“ vollzogen habe, dann sollte man die Frage stellen, wer denn die Geburtshelfer dieser vermeintlichen Wiedergeburt waren. Selbstverständlich wird man zunächst an die Sozialisten aller Schattierungen denken. Man sollte dabei nur nicht ihre intellektuellen Sympathisanten und ihre allzu willigen Helfer in Politik, Gesellschaft und den Kirchen vergessen, die das Wesen des Sozialismus trotz aller Erfahrungen der Geschichte noch immer nicht begriffen haben. Dazu gehört das Grunddogma, daß die „Kritik der Religion die Voraussetzung aller Kritik ist“ (Karl Marx). Sie zielt darauf ab, die Religion aus dem öffentlichen Bewußtsein zu verdrängen, was nicht unbedingt offen und aggressiv geschehen muß, sondern eben auch „heimlich, still und leise“. Unter diesen Umständen konnte der in der DDR eingeleitete Prozeß der Entchristlichung unseres Volkes im Zuge des „langen Marsches durch die Institutionen“ der 68er weit voranschreiten. Man denke nur an die Ablehnung des Gottesbezugs in der europäischen Verfassung. Inzwischen wird man sich da und dort dieser ideologischen Zusammenhänge bewußt – aber wieder einmal zu spät. Man fühlt sich, bei aller Vorsicht vor Aktualisierungen philosophischer Aussagen, an Hegel erinnert: „Um noch über das Belehren, wie die Welt sein soll, ein Wort zu sagen, so kommt dazu ohnehin die Philosophie immer zu spät. … Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“ Prof. Dr. Klaus Motschmann lehrte Politikwissenschaften an der Hochschule der Künste in Berlin.

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