Joachim Kuhs

 

Symbole mit Licht oder Feuer begehrt

Shirin Nabi kommt aus Afghanistan und entstammt der größten ethnischen Gruppe des Vielvöl-kerstaats, den Paschtunen. Sie ist (oder war) eigentlich Lehrerin. Unter den Taliban war es für Frauen immer schwieriger geworden, einen Beruf auszuüben. Shirins Mädchenschule in Kabul war von den Taliban geschlossen, die Arbeit in einer der Untergrundschulen zu gefährlich geworden. Vor acht Jahren hat sie Afghanistan verlassen. In Bensberg bei Köln hat sie mit ihren Töchtern vorübergehend eine Bleibe gefunden. Für eine Initiative afghanischer Frauen macht sie „Schreibkram“ und Übersetzungen. Ihr Mann ist seit einem Jahr wieder zurück in der Heimat. Bei einer deutschen Hilfsorganisation, die von Kabul aus operiert, hat er Arbeit gefunden. Und auch sie will wieder zurück, „sobald es dort wieder aufwärts geht“. Als ich sie auf die afghanischen Parlamentswahlen anspreche, und darauf, daß sie am selben Tag wie die Wahlen zum Deutschen Bundestag abgehalten wurden, lächelt Shirin: „Auch wenn wir am selben Tag Wahlen hatten: So wie in Deutschland, so organisiert und so gut wird es in Afghanistan niemals werden – glaube ich.“ So wie Shirin Nabi blicken viele Afghanen auf Deutschland. Das hat nicht nur damit zu tun, daß es, beginnend schon im Ersten Weltkrieg, eine lange Phase ungetrübter deutsch-afghanischer Beziehungen gab. Sie hatten in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Nach einem Staatsbesuch in Berlin hatte Afghanistans König Amanullah das deutsche Vorbild für die Entwicklung seines Landes vor Augen: Im Rahmen einer zügig einsetzenden Zusammenarbeit kam es zum Beispiel zur Gründung einer deutschen Oberrealschule in Kabul. Auf deutsch und auf paschtunisch wurde (und wird) dort unterrichtet. Seit 80 Jahren ist die Amani-Schule die einzige höhere Schule im ganzen Land. Die Söhne der afghanischen Eliten, gleich welchen politischen Systems, gingen dort zur Schule, lernten Deutsch und machten Abitur. Der gute Ruf und das große Vertrauen, das Deutschland im Land am Hindukusch bis heute genießt, haben damit zu tun. Genauso stark ist im Bewußtsein vieler Afghanen präsent, daß der politische Prozeß, der mit der Parlamentswahl vom vergangenen Sonntag einen vorläufigen Höhepunkt gefunden hat, ebenfalls mit Deutschland verbunden ist – mit der Afghanistan-Konferenz vom Dezember 2001 auf dem Petersberg bei Bonn, initiiert und gefördert durch das Auswärtige Amt. Die Konferenz einigte sich damals auf eine Übergangsregierung unter dem Paschtunen Hamid Karsai. Er ernannte eine Provisorische Regierung, deren Minister, zu denen auch Kriegsfürsten des afghanischen Bürgerkriegs (oder ihre Strohmänner) gehören, in der Bevölkerung allerdings unbeliebt, verachtet oder verhaßt sind. Die „Große Ratsversammlung“ (Loya Jirga), ein traditionelles Männer-„Parlament“, in dem seit jeher alle möglichen gesellschaftlichen und religiösen Gruppen ewig lang debattieren, bestätigte Karsai im Jahr darauf als Staatspräsidenten. Wenn er nun auch Präsident war, reichte sein Machtbereich doch kaum über die Grenzen der Hauptstadt hinaus. Der Rest des Landes, das fast doppelt so groß wie Deutschland ist, wird in der Praxis nach wie vor von Stammesfürsten und „Warlords“ regiert. Zur Absicherung des Experiments begann schon 2002 eine Internationale Schutztruppe, die Isaf, mit einem relativ starken deutschen Kontingent, ihren sicher noch länger andauernden Einsatz in Kabul. Eine Internationale Geberkonferenz beschloß in Tokio Wiederaufbauhilfen in Milliardenhöhe. Sie sind bis heute der größte Haushaltsposten der Islamischen Republik Afghanistan. 2003 wurde die Ausdehnung des Isaf-Mandats auf die nordafghanische Stadt Kundus beschlossen. Seither sind auch auf diesem prekären Außenposten deutsche Soldaten stationiert. Die Wahlen vom Sonntag sollten nun der Startschuß für ein erstes Parlament des neuen Afghanistan sein. So wenig es sich um ein Parlament nach westlichen demokratischen Vorstellungen handeln kann, sind doch viele Hoffnungen der afghanischen Bevölkerung damit verbunden. Sie ist – bei allen bestehenden Schwierigkeiten – begierig auf Teilhabe an der Politik. Viele Hoffnungen auf die Befriedung des Landes, auf die Wiedererlangung der Souveränität und auf die Durchsetzung der Partizipation von Frauen am öffentlichen Leben sind damit verknüpft. Am Wahltag wurden sowohl das zentrale Parlament als auch die Provinzräte gewählt. Doch wie es nun weitergeht, liegt im dunkeln. Von den gut zwölf Millionen Afghanen, die sich für die Stimmabgabe registrieren ließen, gingen etwa 50 Prozent tatsächlich zur Wahl. 5.800 Kandidaten waren angetreten. Eine Flut von Namen, Gesichtern und Symbolen hat Afghanistan in den vergangenen Wochen überschwemmt. Ein besonderes Problem für die Wahl (und für das politische System überhaupt) ist das Analphabetentum. Zwei Drittel der Afghanen können weder lesen noch schreiben. Bei einer so gewaltigen Zahl von Kandidaten war es nicht einfach, ein entsprechendes Logo zu ergattern. Alle Symbole, die mit Licht oder Feuer zu tun haben, waren besonders begehrt – vielleicht ein Hinweis, wie lebendig das vorislamische, zoroastrische, indogermanische Erbe im heutigen Afghanistan noch ist. Die junge Demokratie Afghanistans hat auch noch andere Probleme. Ob sie nur Startprobleme sind oder doch eher strukturell, wird sich bald herausstellen. Parteien durften aufgrund von Karsais Wahlgesetz nicht antreten. In einem so zerrissenen, ethnisch zerklüfteten Land war die Befürchtung zu stark, daß sie sich überwiegend ethnisch oder religiös definiert hätten. Das Beispiel des sich gerade in seine natürlichen Bestandteile zerlegenden Irak stand den Machthabern wohl zu abschreckend vor Augen. Ohne Parteien, Fraktionen und Strukturen wird das neue Parlament eher einer althergebrachten Stammesversammlung ähneln als einem Abgeordnetenhaus westlicher Prägung. Es gibt noch kein Parlamentsgebäude, keine Arbeitsstruktur. Man weiß nicht einmal, wo die Abgeordneten aus allen Teilen Afghanistans während der Sitzungen in der Hauptstadt wohnen sollen. Ein Mitglied des „Forums der afghanischen Zivilgesellschaft“ erklärte sogar: „Es ist auch noch unklar, welche Aufgaben die Abgeordneten haben werden.“ Afghanistans Weg in die verordnete Demokratie steht also unter dunklen Wolken. Aber wenigstens hat man doch schon mal gewählt.

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