Joachim Kuhs

 

„Selbstverneinung führt ins Abseits“

Es ist gut, daß wir um die Toten anderer Länder trauern, die dem Krieg zum Opfer fielen, der von Deutschland ausgegangen war. Aber wir sollten dabei die eigenen Toten nicht übergehen, sollten ihrer gedenken, weil sie am meisten vergessen sind und, wenn wir uns nicht ihrer erinnern in einer kalten Welt, keine anderen Freunde haben“, mahnte schon Arnulf Baring vor 25 Jahren. Ja, er beklagte die harte Trauerlosigkeit in weiten Teilen unserer Gesellschaft über Jahrzehnte gegenüber den schuldlosen Opfern des eigenen Volkes.1 Ist das so? Und wenn ja, was sind die Ursachen? Geschichte wird seit den siebziger Jahren nicht mehr so dargestellt, wie es eigentlich gewesen ist, sondern so, wie es eigentlich gewesen sein müßte, um die in Ost und West gleichermaßen vertretene These vom „lrrweg der deutschen Nation“ zu rechtfertigen. Und je näher das endgültige Wegsterben der angeblichen Tätergeneration rückt, um so verzerrter, einseitiger wird der Blick auf die Vergangenheit und ihre Einschätzung. Geschichte wird zunehmend nach moralischen Maßstäben von heute beurteilt; und jede fanatisierte Moral „unterschlägt“, was nicht in das politisch gewünschte Bild paßt. Die Ergebnisse solch selektiver Betrachtungen sind bekannt. Sie münden in Schlagworten wie „Täter können nicht Opfer sein“ oder „Deutscher ist, wer zum Volk der Mörder gehört“.2 War dieses Phänomen der Selbstwertdefekte früher nur auf eine bestimmte gesellschaftliche Szene beschränkt, so muß leider festgestellt werden, daß dieses wenn auch in abgemilderter Form sich zum Massenphänomen ausgeweitet hat. Es sind Produkte überwiegend aus den Redaktionsstuben und von einer Generation, über die Altbundeskanzler Helmut Schmidt sagte: „Ich möchte, daß die Fakten bekannt und moralisch bewertet werden. Aber man schneidet sich den Erfolg völlig ab, wenn man die Kinder von 18 Millionen glauben läßt, ihre Eltern seien die Schuldigen und man selbst sei nun aufgeklärt, moralisch in Ordnung und wäre – hätte man damals gelebt – Widerstandskämpfer geworden.“3 Natürlich gibt es auch feinsinnige Fragestellungen, z.B.: „Ist unsere Trauer und das Erinnern an millionenfaches deutsches Leiden nicht doch eher ein Schlupfloch aus unserer Verantwortung, die uns aufgegeben ist?“ Beispiele dieser Art lassen sich beliebig ergänzen, und wir werden bestimmt im Vorfeld des 60. Jahrestages des Kriegsendes in Europa am 8. Mai 2005 mit weiteren Varianten der gleichen Geisteshaltung konfrontiert werden. Ich möchte diesen leider erfolgreichen Versuchen mediengesteuerter Bewußtseinsveränderung entgegenhalten: Wer unfähig oder unwillig ist, seine eigenen Toten und Entrechteten zu betrauern und ihnen zur Seite zu stehen, wird niemals ehrlichen Anteil nehmen am Leide anderer. Ein kaltes Herz ist gegen jedermann kalt! Vor einem Deutschland, das sich so verhält, vor einem solchen Deutschland müßten sich unsere Nachbarländer fürchten. So nötig es für uns Deutsche ist, sich mit dem finsteren Teil der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen und sich der Verantwortung dafür nicht zu entziehen, so nötig ist es ebenso, die faszinierenden positiven Seiten unseres Volkes wiederzuentdecken und den Mut zu gewinnen, stolz zu sein. Dieses Postulat beschränkt sich übrigens nicht allein auf uns Deutsche! Nur gibt es bei uns eine Besonderheit, nämlich die von bestimmten Kreisen gepflegte „kollektive Moralpathologie“. Doch Selbstverneinung führt ins Abseits! Sie lebt von Ausblendung, von selektiver Wahrnehmung. Ein Volk braucht Visionen für die Zukunft, und die gewährleisten nur die Wurzeln aus der jahrhundertelangen kulturellen Identität. Vergangenheit, so finster sie auch war – übrigens nicht nur in Deutschland – darf die Zukunft nicht verbauen! Deshalb darf Vergangenheit auch nicht einfach einem kollektiven Urteil – wie bei uns häufig zu hören – unterzogen werden! Ich denke nur daran, daß manche ernsthaft glauben, die Wurzeln des „Dritten Reiches“ über Bismarck bis zu Martin Luther freigelegt zu haben. Ein großer Mann, auf den ich später eingehen möchte, hat gesagt: „Die Deutschen sind auf diese Beweisführung mehr eingegangen, als sie es um ihrer Würde und um der Wahrhaftigkeit hätten tun sollen.“4 Es ist schon komisch: wenn Charles de Gaulle sagt „Man erkennt den Charakter eines Volkes auch daran, wie es nach einem verlorenen Krieg mit seinen Soldaten umgeht“, so löst das bei uns Hochachtung aus, weil uns zu solchen großen Worten häufig der Mut fehlt; dabei hat genau das gleiche der große preußische Historiograph Leopold von Ranke auch gesagt.5 Wahrscheinlich hat Charles de Gaulle Ranke nur zitiert, ohne ihn zu nennen. Wie auch immer, ob der eine oder andere – Charles de Gaulle ist uns eigentlich lieber! Warum wohl? Er ist kein Deutscher; er ist Franzose! Das macht das Ganze etwas neutraler, etwas objektiver! Es tut gut, von außen etwas Großes zu hören, das uns der eigene Kleinmut versagt. Dabei bräuchten wir weder den einen noch den anderen aus der Neuzeit bemühen! Schon der Rückgriff auf 2.500 Jahre belehrt uns in gleicher Weise! Dem großen griechischen Staatsmann und Militärbefehlshaber Themistokles nämlich wird der Satz zugeschrieben: „Die Kulturhöhe eines Volkes erkennt man daran, wie es mit seinen Soldaten und Gefallenen umgeht.“ Es wäre doch schön, hätten wir auch heute noch den Mut zu solch großen Worten! Doch die Realität sieht leider anders aus! Ich möchte diesen Gedanken vertiefen durch Verweis auf einen Mann, der im vergangenen Monat seinen 100. Geburtstag gehabt hätte, wäre er nicht im gleichen Monat vor 50 Jahren verstorben. Er wohnte nicht weit von hier, 20 Jahre lang in der Poschinger Straße 2. Er war überzeugter Christ und treibende Kraft im Bibelkreis höherer Schüler; die Stätte seines Wirkens war das Turmzimmer in der Steglitzer Lukaskirche. Im Krieg Leutnant der Flugabwehr (1. 2. 1943), Träger des EK II und des Flakkampfabzeichens. Ein Gymnasium, „sein Gymnasium“, trägt seit 1954 seinen Namen, genauso wie der Platz vor dem Steglitzer Rathaus. Ich spreche von Herrmann Ehlers, der mit 50 Jahren viel zu früh aus dem Leben gerissen wurde. Er wurde als Kronprinz, als denkbarer Nachfolger Konrad Adenauers, gehandelt. Er hat als einer der Baumeister des neuen Deutschlands um den Wert echten Geschichtsbewußtseins gewußt und noch wenige Monate vor seinem Tod (März 1954) jeglicher Traditionslosigkeit eine klare Absage erteilt: „Ein Volk beraubt sich der stärksten Antriebe und Kräfte, wenn es meint, ohne Anknüpfung an seine eigene Geschichte und Überlieferung sein Schicksal neu gestalten zu können. Es geht darum, in der echten Spannung zwischen der Bindung an die geschichtlichen Tatsachen und den Erfordernissen der Gegenwart und ihrer Erkenntnisse Staat und Volk zu bauen. Wenn diese Spannung gesehen wird, kommt ein Volk langsam zu der Erkenntnis der absoluten Größen, die sein Leben bestimmen und damit zu einer echten Ausrichtung seines politischen Handelns zwischen Vergangenheit und Zukunft.“6 Wer Traditionen und die Zeugnisse der Überlieferung zerstörte, der hatte nach seiner Überzeugung leichtes Spiel, „auch die anderen Bindungen, die überkommen sind, etwa die des Glaubens, auszuschalten“ , wie er Ende 1951 mit Blick auf das durch die SED gesprengte Berliner Stadtschloß bemerkte. Traditionen hatten für ihn ihr eigenes Gewicht und ihr eigenes Recht. Wo Geschichte zum politischen Herrschaftsinstrument und entsprechend zurechtgebogen wurde, sah er den „Teufel unmittelbar am Werk“. „Vaterlandsliebe und das Gefühl für nationale Würde“ hatten für Ehlers nichts mit Nationalismus und Fanatismus zu tun, sondern waren unaufgebbare Fundamente seines politischen Denkens und Handelns.7 Jawohl! „Vaterlandsliebe ist erweiterte Familienliebe.“ Diese Feststellung Marie von Ebner-Eschenbachs trifft den emotionalen Kern von Patriotismus. Wer dieses Feld den radikalen Kräften überläßt, handelt unverantwortlich. Liebe für das eigene Vaterland mit Respekt auch vor der eigenen Kultur, nicht nur vor der anderer Völker, und gleichermaßen eine Verfassung, die moralische, rechtliche, soziale und politische Regularien krisensicher verankert, sind unabdingbar für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Eine Volksgemeinschaft lebt erfolgreich nur auf Dauer, wenn sich die Menschen darin dafür einsetzen, Anteil daran nehmen, und bereit sind, dafür Verantwortung zu tragen. Vor 15 Jahren ist die Mauer gefallen. Menschen aus zweierlei Gesellschaftssystemen, aber einem Volk haben nach Jahrzehnten konsequentester staatlicher Trennung deshalb wieder zueinander gefunden, weil sie durch eine gemeinsame Kultur, auf die sie stolz sein durften, geprägt waren. Nur daraus konnte der Ruf „Wir sind ein Volk“ entstehen. Ja, wir sind ein Volk. Ein Volk allerdings mit noch immer massiven Selbstwertdefekten. Wir erleben, daß Gefallenendenkmäler geschändet – so auch schon hier geschehen -, geschliffen und, was ich für besonders perfide halte, „umgedeutet“ werden. Inzwischen werden auch Denkmäler für Deserteure errichtet, die die Ehrenhaftigkeit dieser Männer bezeugen sollen (Denkmal des unbekannten Deserteurs in Erfurt). Hierzu hat der Vizekanzler und Bundesminister a.D. Dr. Erich Mende in einer Festansprache bereits im April 1990 zu dem „Deserteur-Kult“ ausgeführt: „Man faßt sich an den Kopf, welche Verwirrung eingetreten ist in Teilen der Jugend, in Teilen der evangelischen Kirchenbewegung! Der unbekannte Deserteur: Eine Lüge! Der Deserteur war niemals unbekannt! Sicher gab es Deserteure aus tiefster Überzeugung, gab es Leute, die am 22. Juni 1941 vor dem Angriff auf die Sowjetunion durch den Fluß Bug schwammen, weil sie überzeugte Kommunisten waren. Das hat es gegeben, aber das waren die Ausnahmen! Die meisten Deserteure hatten etwas auf dem Kerbholz und wußten, warum sie abhauten! Der unbekannte Deserteur, welche Verhöhnung des unbekannten Soldaten! Es ist eine Verirrung, die nur mit Geisteskrankheit, Hetze oder maßloser Verhetzung zu erklären ist!“8 Soweit der Ritterkreuzträger Dr. Erich Mende. In Deutschland herrscht keine Denkmalallergie, sondern ein Vorbehalt gegen bestimmte Arten des Gedenkens. Geschichtspolitik und Gedächtniskultur werden durch politische Akteure, seien es Intellektuelle oder Redakteure, bestimmt; und somit sind nur Denkmäler und Gedächtnisstätten erwünscht, die im Sinne der „offiziellen“ oder „politisch korrekten“ Gedächtnispolitik genehm sind. Es gilt, die seit Jahrzehnten vorherrschenden Denkmuster der Belehrung, der Fokussierung auf Auschwitz als Erinnerungsreligion (Deutschland denken, heißt Auschwitz denken) zugunsten einer Gesamtschau, gemessen an historischer Wahrheit zu überwinden. Schritt für Schritt müssen wir lernen, uns nicht nur aus zwölf Jahren nationalsozialistischer Diktatur zu definieren und damit dem Verbrecher Hitler tagtäglich neue Macht über uns zu geben, sondern uns in unserer vielhundertjährigen Geschichte mit unendlich viel Positivem wiederzufinden. Wir können nur aus unserer vollständigen Geschichte unsere Zukunft fruchtbar gestalten. Schatten und Licht ergeben das ganze Deutschland. In sechs Monaten finden die Festakte zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Europa statt. Ich bin sicher, daß in den meisten Reden der Politiker und in Artikeln der Redakteure sich die vorherrschenden Denkmuster der „politisch korrekten“ Gedächtnispolitik widerspiegeln werden. Ich hoffe, unser „neuer“ Bundespräsident wird in dieser sicherlich schwierigen Frage die angemessenen Worte finden; Worte, die nicht dem Postulat selektiver Betrachtung verpflichtet sind. Ob dieser Wunsch Realität werden und ein breites Nachdenken in Deutschland auslösen wird, entzieht sich im Moment meiner Erkenntnis. Deshalb sind wir gut beraten, heute hier derer zu gedenken, die in unserer Erinnerungskultur in den letzten Jahrzehnten zu kurz gekommen sind. Wir gedenken der Männer und Frauen, die ihr Leben ließen, um andere zu retten. Es waren unsere Großväter und unsere Väter, Ehemänner, Geliebten, Brüder und Nachbarn. Wir gedenken der Großmütter und Mütter, der Ehefrauen und Verlobten, Schwestern und Kinder, die auf der Flucht ihr Leben lassen mußten, weil die Straßen verstopft und verschneit waren, und die Panzer sie überrollten. Wir gedenken derer, die das Eis nicht hielt, das über dem Haff und den Flüssen gefror und von Waffen gesprengt wurde. Wir gedenken derer, über denen die Wellen zusammenschlugen und die in den eisigen Fluten versanken, als sie auf Schiffen der Tod bringenden Front entfliehen wollten. Wir gedenken der Verhungerten und Verdursteten, weil sich ihrer keiner erbarmte. Wir gedenken der Kinder, die ihre Mütter verloren, weil sie in ferne Welten verschleppt wurden; der Mütter, die ihre Kinder nicht retten konnten. „Wir gedenken der Frauen, Männer und Kinder, die verschleppt wurden und seitdem verschollen sind. Wir gedenken ihrer, denn keine Statistik hat sie je erfaßt. Sie blieben an irgendeiner Landstraße liegen und wurden erschossen. Sie wurden in Lagern durch Seuchen und Mißhandlungen dahingerafft und in Massengräbern verscharrt. Sie verschwanden am Rande der Bahntrassen in den Weiten Sibiriens unter einer Schneedecke. Keiner kannte sie oder merkte sich ihre Namen. Wir gedenken aller, die in Todeslagern ihr Leben lassen mußten. Wir gedenken derer, die sich für die Heimat einsetzten und inzwischen von uns gegangen sind. Die Toten haben ihren Frieden gefunden. Sie mahnen uns tausend-, ja millionenfach, für den Frieden zu arbeiten. Das ist uns Auftrag. Krieg und Gewalt müssen in aller Welt ein Ende haben, damit menschliches Leid verhindert wird. Dazu wollen wir beitragen. Wir werden unsere Toten niemals vergessen. Sie haben einen Platz in unseren Herzen! Zitate: 1 Zitat A. Baring aus Vorwort: Verbotene Trauer – Die vergessenen Opfer, K. R. Röhl, Universitas 2002, Seite 12 2 Gottfried Dyrssen: Keine Träne wert?, Graz 2002, Seite 8 3 Poeppel/v.Preußen/v.Hase (Hrsg.): Die Soldaten der Wehrmacht, München 2002, Seite 22. Siehe auch Gottfried Dyrssen: a.a.O., Seite 26 (Langfassung) 4 Christine Lieberknecht: Hermann Ehlers und die historischen Fundamente politischen Handelns, Seite 13, in: Zukunftsforum Politik Nr. 59 (Konrad-Adenauer-Stiftung) 5 Poeppel/v.Preußen/v.Hase (Hrsg): a.a.O., Seite 405 6 Weert Bömer: Hermann Ehlers, Hannover 1963, Seite 130 7 Christine Lieberknecht: Hermann Ehlers und die historischen Fundamente…, a.a.O., Seite 9 Gottfried Dyrssen: Keine Träne wert? a.a.O., Seite 78 Foto: Bezirksbürgermeister Herbert Weber (CDU): „Wir werden unsere Toten niemals vergessen.“

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