Schuhplattler am Kilimandscharo

Bei strahlendem Sonnenschein strömtenvergangene Woche die Besucher auf Hannovers Messegelände. In die Heimstatt der weltgrößten Industrieschau hat der 30. Deutsche Evangelische Kirchentag Einzug gehalten, die protestantische Laienbewegung hat Besitz ergriffen von den Präsentationsräumen der Ingenieure und Handelsvertreter; statt gedeckter Farben der geschäftsmäßigen Kleiderordnung nun ein buntes Stelldichein von Baumwolltüchern und Batik. Den Ankommenden umweht gleich hinter der Straßenbahnhaltestelle ein reges Markttreiben in gutmenschlicher Atmosphäre: An diversen Ständen bietet man Pali-Tuch und „Pace“-Fahnen feil, für die Ohren gibt es afrikanische Trommeln aller Größen und fürs Auge Schmuck derselben Provenienz. Doch – was wäre die Einheit ohne Vielfalt – stimmen den Liebhaber traditioneller evangelischer Formen die zahlreichen Posaunenchöre milde, die mit ihren Chorälen vertraute Klänge aussenden. Gleich nach dem Eintritt in die riesige Halle, die dem Thema „Wie sollen wir handeln?“ gewidmet ist, weisen die zur Gänze besetzten Papphocker auf ein prominentes Podium hin. Zum Thema „WeltPartnerschaft“ debattieren hier die kenianische Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai und der Bundeskanzler. Der freilich kann zunächst keinen Heimvorteil auskosten, sondern wird mit einigen Unmutsäußerungen aus dem Auditorium konfrontiert. Ganz anders die in landestypische Tracht gewandete Ex-Ministerin vom schwarzen Kontinent. Wenn sie in bester one world-Diktion Werte wie Gerechtigkeit und Solidarität hochhält, gleiche Rechte für Arme, Frauen und ethnische Minderheiten einfordert und ganz allgemein von der human family spricht, gerät das Publikum in Verzückung und applaudiert tosend. Doch Gerhard Schröder braucht nach inniger Umarmung der Frau Maathai nur einige Sätze, um die politisierten Protestanten wieder auf seine Seite zu ziehen; nicht etwa durch ein christliches Bekenntnis – als erster Kanzler, der auf die religiöse Bekräftigung des Amtseides verzichtete -, sondern durch sein Plädoyer, die Globalisierung als Chance für die Entwicklungsländer wahrzunehmen und ihnen noch mehr Hilfe angedeihen zu lassen. Seine Ankündigung, er werde nicht zulassen, die ökologische Wende hin zu erneuerbaren Energien rückgängig zu machen, stimmt die Zuhörer noch versöhnlicher. Dann seine rhetorische Frage: „Was könnte man alles mit dem Geld machen, das für den Irak-Krieg ausgegeben wird?“, die den Beifall aufbranden läßt. Ein Schelm, wer da an Wahlkampf denkt. Die Bischöfin hat nichts vom Wahlkampf bemerkt Wie angesichts dessen die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann zu dem Schluß kommen konnte, das „kritische Publikum“ habe einen Mißbrauch des Kirchentags zu einer Wahlveranstaltung verhindert, erscheint schleierhaft. Zwischen den einzelnen Wortbeiträgen gibt es Musik von einer A-capella-Gruppe aus der niedersächsischen Provinz. Die Sänger mit wallenden Hemden und Sandalen tragen ein afrikanisches Volkslied in der Sprache der Zulu vor. Die multikulturell inspirierte Darbietung ahmt ihre Vorbilder bis in die Bewegungen hinein nahezu perfekt nach und strahlt dabei soviel Authentizität aus wie ein Schuhplattler am Kilimandscharo. Die Masse wippt verzückt mit, lediglich der anwesende Botschafter Burundis lächelt diplomatisch zurückhaltend. Am Ausgang der Halle ist ein Wandbehang angebracht mit dem Aufruf, gegen Armut zu unterschreiben: „Denkt zuerst an die Menschen und nicht an euer Machtgefüge!“ schrieb „Sarah“ mit dickem Filzstift. Einige Schritte weiter lädt ein Bierstand zu frischem „Gilde Rathskeller“. Manch ein Besucher denkt daran jetzt zuerst, während sich das Thermometer der 30-Grad-Marke nähert. Zum Thema „Die 10 Gebote in der säkularisierten Gesellschaft“ ist auch Lothar Bisky (PDS) geladen, Vorsitzender einer Partei, die es während der deutschen Teilung zumindest mit dem fünften Gebot („Du sollst nicht töten“) nicht ganz so streng nahm. Der „überzeugte Atheist“ (Bisky) durfte dort den artig lauschenden Zuhörern noch einmal die Mär vom Gleichklang des Urchristentums und des Kommunismus auftischen, die Bibel als ein Stück „europäischer Kulturgeschichte“ loben und eine gerade Linie von christlicher zu marxistischer Ethik ziehen. Die „10 Gebote des neuen sozialistischen Menschen“ verschwieg er, betonte dagegen, die PDS sei keine „Weltanschauungspartei“, sondern offen für engagierte Christen. Die „Christinnen und Christen in der PDS“ präsentierten sich schließlich ebenso auf dem „Markt der Möglichkeiten“ wie die Schwestern und Brüder bei Grünen, SPD, FDP und (wer hätte es gedacht?) der CDU/CSU. Fröhliche Urstände feierte auch wieder einmal der Habt-euch-alle-lieb-Synkretismus: Am Stand der Zeitschrift Junge Kirche präsentierte die Aktion „Kirche mit Kindern“ ein Plakat mit der bezeichnenden Aussage „Ayshe sagt zu Gott Allah“. Vielleicht ein Ausblick auf das zukünftige „Ökumene“-Verständnis, welches dann auch Moslems zum Abendmahl einlädt? Passend dazu bot eine Präsentation der Aktion Sühnezeichen ein Moschee-Modell „zum Ausschneiden und Zusammenkleben“ an. Was jedoch würden die so geehrten Mullahs sagen, wenn sie am „Kirchentagsshop“ um die Ecke das „Girly“-Hemdchen (bauchfrei) mit dem Aufdruck „Engel?“ entdeckten. Die Offenheit für alles, das sich irgendwie selbst als christlich definiert, ist besonders auf dem „Markt der Möglichkeiten“ zu beobachten. Neben verschiedenen Kommunitäten und Konfessionen, Bildungsträgern und Behinderteneinrichtungen findet hier auch der bizarrste Arbeitskreis seinen Platz: „Lesben und Kirche“, die homosexuelle Metropolitan Community Church und sogar ein „AK Sadomasochismus und Christ-sein bundesweit“, der über „SM informieren und Möglichkeiten zum Austausch (!) bieten möchte“. Alles scheint möglich unter dem Kirchentagslogo, dem fünfteiligen Jerusalemkreuz, Symbol für die fünf Wunden Christi. Nebeneinander dürfen sich Lebensrechtler und Feministinnen darstellen, der linksextreme VVN/ BdA und die Evangelische Grenzschutzseelsorge. Grenzen erteilte die Toleranz nur den messianischen Juden – aus „politischer“ Rücksichtnahme. Dem allgegenwärtigen Wunsch nach Einheit aller Christen stand während des Kirchentages eine um sich greifende Zielgruppenorientierung entgegen. Es gab Gottesdienste für Robbie-Williams-Fans, für Motorradfahrer, für Geschiedene, für Lesben und Schwule, für Junggebliebene, Gottesdienste in der Tradition der Gregorianik, der Perser und des Großherzogtums Luxemburg. Als abschließendes Resümee aus dem von 105.000 Dauergästen besuchten fünftägigen Treffen meinte Margot Käßmann als eine der Verantwortlichen des Kirchentags, der deutsche Protestantismus habe „sein Profil geschärft“, und unter dem alttestamentarischen Motto „Wenn dich dein Kind morgen fragt …“ sei „elementar vom Glauben“ geredet worden. Dafür gab es in der Tat Anzeichen, genauso aber auch solche, die diesem Eindruck widersprechen. Erregten in der Vergangenheit Kirchentage meist wegen politischer Kontroversen Aufsehen, so trifft dies auf die 30. Auflage sicher nicht zu. Politische Schwerpunkte sind jedoch auch nicht so anfällig für Konfrontationen, wenn man es – wie hier der Fall – in erster Linie bei Absichtserklärungen beläßt und sich nicht in die Probleme der konkreten Umsetzung vertieft. Wer wäre im Ernst gegen eine gerechte Gesellschaft, Selbstbestimmung, Freiheit und Sicherheit? Sicherlich rückten in diesem Jahr Formen religiöser Betätigung stärker in den Vordergrund – allein, mit Theologie oder handfesten Glaubensaussagen hat das nicht immer etwas zu tun. Wo von einer Sehnsucht nach mehr „Spiritualität“ die Rede war, kamen weniger spezifisch protestantische Traditionen zum Ausdruck als vielmehr (zum Teil als „ökumenisch“ verklausulierte) Versuche, Anleihen bei katholischen Riten zu nehmen, die ohne Zweifel bildhafter und reichhaltiger sind. Ein Streit wäre sehr wohl möglich Mit einer Schärfung des eigenständigen Profils hat das noch nichts zu tun. Wenn der Kirchentagspräsident Eckhard Nagel während der Pressekonferenz auf die Frage, warum auf dem evangelischen Laientreffen nicht mehr so kontrovers gestritten werde, entgegnet, daß das Thema Glauben sich eben dafür nicht genauso eigne wie das Thema Politik, so stimmt das bedenklich. Der Streit wäre sehr wohl möglich und angebracht, würde man manche Häresien (etwa den Auftritt Jürgen Flieges) als solche benennen, anstatt sie als christliche „Möglichkeit“ zu präsentieren. So bleibt im Nachhall eher gültig, was der Tübinger Systematik-Professor Eberhard Jüngel in der Podiumsdiskussion mit Karl Kardinal Lehmann zum Thema „Sehnsucht nach Einheit“ mit einer gewissen Süffisanz feststellte: „Ich sehe das Profil, das ich nicht immer sehe.“

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