Schlagabtausch in Fernost

Wenn diese Krise wirklich bliebe oder gar noch größer würde, wäre das eine dramati-sche Entwicklung, denn Asien ist unser Wachstumsmotor“, warnte Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, im Deutsche-Welle-Fernsehen. Denn auch bei einem Treffen letzten Sonntag in Peking konnten der japanische Außenminister Nobutaka Machimura und sein chinesischer Amtskollege Li Zhaoxing die bilateralen Spannungen nicht ausräumen. „Die chinesische Regierung hat niemals irgend etwas getan, für das sie sich beim japanischen Volk entschuldigen müßte“, erklärte Li Zhaoxing. Indirekt rechtfertigte er damit die erneuten gewalttätigen anti-japanischen Proteste in mehreren chinesischen Städten. Die japanische Regierung habe Dinge getan, welche „die Gefühle des chinesischen Volkes verletzt“ hätten. Doch das japanische Schulbuch, in dem angeblich japanische Kriegsverbrechen verharmlost werden, ist lediglich der Anlaß. Denn die Beziehungen zwischen Japan und China – aber auch Nord- und Südkorea – waren noch nie besonders gut. Seit Kriegsende waren sie jedoch selten so schlecht wie jetzt. Es geht dabei nicht nur um geschichtspolitische Emotionen, sondern auch um Erdöl, Seegrenzen, chinesische Dominanzgelüste, koreanische Minderwertigkeitskomplexe und japanische Abstiegsängste – eine explosive Mischung. China wie Südkorea paßt anti-japanisches Geschrei immer gut, um von innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken: die chinesische Wirtschaft, die regional- wie branchenmäßig extrem ungleichmäßig wächst und damit zu starken sozialen und regionalen Spannungen führt. Die südkoreanische Wirtschaft wächst kaum noch, die Arbeitslosigkeit steigt. Japans politische Klasse will im Angesicht des wirtschaftlichen und demographischen Abstiegs nicht öffentlich gedemütigt werden. Auf den militärischen Rückhalt der USA vertrauend will man nicht länger zurückrudern. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Schon die Seegrenze und der Besitz der zwischen Taiwan und Okinawa gelegenen unbewohnten Sentaku-Inseln sind zwischen Japan und China umstritten, die Nutzung der darunter vermuteten Erdöl- und Erdgasfelder noch mehr. Mit gesundem Selbstvertrauen begann China in dem umstrittenen Gebiet mit Probebohrungen von einer Bohrinsel seiner Nationalen Küstenölgesellschaft. Nachdem China Japans Forderung nach Einstellung der Bohrungen und nach Verhandlungen über den Zugang zu jenen geschätzten 200 Milliarden Kubikmeter Erdgas ignorierte, beschloß auch die japanische Regierung ihrerseits Lizenzen für Probebohrungen an japanische Ölförderer zu vergeben. Ihre Anträge waren aus außenpolitischer Rücksichtnahme seit 40 Jahren unbearbeitet geblieben. Ein chinesischer Regierungssprecher nannte diese Entscheidung eine „ernste Provokation“. In Korea erregen sich derweil Regierung und öffentliche Meinung, daß ihre in der Japanischen See – das die Koreaner vor kurzem in „Ostmeer“ umgetauft haben – gelegenen, gleichfalls unbewohnten Dokdo-Inselchen, auf japanisch Takeshima genannt, in einen japanischen Schulbuch als illegal von Korea besetzt bezeichnet werden und die Präfektur Schimane, zu der diese Inseln bis 1945 gehörten, den 22. Februar zum „Take-shima-Tag“ ausgerufen hat. Südkoreas Außenminister Ban, der wie viele Koreaner sehr heißblütig veranlagt ist, verlor wegen der Beleidigung dieser Meeresfelsen so die Beherrschung, daß er Amtskollegen Machimura lauthals anbrüllte. Gemeinsam empören sich China und Südkorea regelmäßig über die jährlichen Besuche des japanischen Premiers am Yasukuni-Schrein, wo der 2,5 Millionen japanischen Soldaten gedacht wird, die seit Beginn der Meiji-Zeit (1853) für ihr Land gefallen sind. An dieser im Zentrum Tokios gelegenen Gedenkstätte, sind nach Überlieferung des Staatsschinto ihre Seelen beheimatet. Zu diesen Kriegstoten zählen auch die von der Siegerjustiz 1945/48 hingerichteten Offiziere, von denen einige für die ihnen zugeschriebenen Kriegsverbrechen vermutlich tatsächlich verantwortlich waren, andere für Übergriffe ihrer Untergebenen büßen mußten. Der zweite Anlaß der lautstarken Proteste sind japanische Geschichtsbücher, die vom Unterrichtsministerium zugelassen werden. Einige davon stammen von rechten Verlagen, die dazu tendieren, die eigenen Untaten während des Kriegs (nach Art der Alliierten) zu minimieren – die Massaker nach der Eroberung der Südhauptstadt Nanking 1937 werden zu „Zwischenfällen“. Der Feldzug gegen China wird zur Präventivmaßnahme gegen anglo-amerikanische Aggressionen, der Angriff auf Pearl Harbor die Antwort auf das alliierte Abschnüren der Ölzufuhr nach Japan. So wurde ein kaum benutztes Mittelschulbuch zum Auslöser von Dutzenden „spontaner“ antijapanischer Demonstrationen in vier chinesischen Großstädten. 20.000 Demonstranten belagerten japanische Restaurants, Bankfilialen und Supermärkte, bewarfen die von der Polizei ungeschützte Botschaft und Botschafterresidenz mit Steinen, Flaschen und Eiern und verbrannten jede Menge japanischer Fahnen. Seit die USA 1999 im Nato-Krieg gegen Serbien „irrtümlich“ die chinesische Botschaft in Belgrad bombardiert hatten, war in Peking nicht mehr ein solcher Ausbruch des Volkszorns zugelassen worden. Schon im August 2004 war es in China zu ersten anti-japanischen Ausschreitungen gekommen. Damals war der Auslöser der Sieg der japanischen Fußball-Nationalelf beim Länderspiel gegen China in Peking. Auch jetzt wird von Japan verlangt, es solle sich für seine historischen Verbrechen noch einmal mehr entschuldigen. Das hat es gegenüber China nach offizieller Zählung schon siebzehnmal getan. Gegenüber Korea hat Tokio sich vor sieben Jahren für sein hartes Kolonialregime (1905-1945) entschuldigt. Aus japanischer Sicht reicht das. Die Entschuldigungen sind aber so formuliert, daß keine Entschädigungsforderungen abgeleitet werden können. Sie klingen so, als bedauere man eigentlich eher hauptsächlich, den Krieg verloren zu haben. Historische Kontinuitäten in der politischen Klasse Japans Japan sieht seinen Entschuldigungsbedarf als gedeckt an, zumal es auch von den Alliierten für deren ungesühnte Kriegsverbrechen, die von Massakern an japanischen Zivilisten in China, der Mandschurei, Korea und Sachalin bis zum Bombensturm über Tokio und den Atombomben auf Hiroschima und Nagasaki reichen, nur halblautes Bedauern gibt. Interessant sind auch die stärkeren historischen Kontinuitäten in der politischen Klasse Japans. Die meisten Abgeordneten haben ihre Wahlkreise von ihren Vätern oder Großvätern geerbt. So ist Shinzo Abe, der als Kronprinz von Premier Junichiro Koizumi gehandelt wird, Enkel von Nobusuke Kishi, der in Tojos Kriegskabinett Rüstungsminister und 1957-1960 selbst Regierungschef war. Dem Enkel des „japanischen Albert Speer“ käme es nie in den Sinn, seinen Großvater öffentlich zu schmähen und sich dabei in dieser konfuzianischen Kultur, die die Ahnen in hohen Ehren hält, selbst zu entehren. Zugleich leistete Japan bislang den stolzen Betrag von etwa 26 Milliarden Euro Entwicklungshilfe an China. Auf Druck der Öffentlichkeit werden diese ungedankten Transfers jetzt zurückgefahren, zumal Rot-China eine immer stärkere anti-japanische Politik zu verfolgen scheint. Seit einem Jahrzehnt rüstet Peking mit doppelstelligen Steigerungsraten den Militärhaushalt auf. Mit seinen Ansprüchen auf erweiterte Seegrenzen (im Südchinesischen Meer über die Spratly-Inseln fast bis zum Äquator) und Kriegsdrohungen gegen Taiwan bedroht es die Schiffahrtslinien aus Europa, dem Nahen Osten und Südasien nach Japan. Nordkorea, dessen KP-Regime mit chinesischen Energie- und Nahrungsmittellieferungen das Überleben gesichert wird, kann mit Pakistan über chinesisches Territorium hinweg ungestört Raketengegen Nukleartechnologie tauschen. Auch dient die „patriotische Erziehung“ an chinesischen Schulen weiter der anti-japanischen Indoktrination. Seit 2001 treffen sich Staats- und Regierungschefs Japans und Chinas nur noch bei internationalen Gipfeln. Hinzu kommt die Drohung des chinesischen Premiers Wen Jiabao, die von Japan mit viel Geld seit einem Jahrzehnt verfolgte Mitgliedschaft im Uno-Sicherheitsrat durch ein Veto zu Fall zu bringen. Aus chinesischer Sicht stehen auf dem japanischen Sündenregister auch die Besuchervisen für den ersten demokratisch gewählten Präsidenten Taiwans, Lee Teng-hui, der seit seiner Studienzeit in Japan fließend Japanisch spricht, in Tokio einflußreiche Freunde hat und offen die Unabhängigkeit Taiwans betreibt. Kürzlich wurde Taiwan bei den US-japanischen Verteidigungskonsultationen erstmals offiziell als gemeinsames Sicherheitsinteresse erwähnt. Je militanter China seine „Heim ins Reich“-Drohungen gegenüber Taiwan ausstößt, das von 1895 bis 1945 eine Musterkolonie Japans war, desto größer werden die japanischen Vorbehalte. Zudem schnappte sich Japan im „Pipeline-Poker“ mit Rußland den Zugang zum sibirischen Öl. Statt in die energiehungrige Mandschurei soll – dank höherer japanischer Gebote – eine viel teuere und längere Ölleitung bis an den Pazifik gebaut werden. China hat das Nachsehen. Die historische Rivalität Japans und Chinas wird durch den wachsenden wirtschaftlichen Wettbewerb verschärft. Immer mehr japanische Firmen haben ihre industrielle Fertigung aufs chinesische Festland verlagert. Der bilaterale Handel beträgt bald 100 Milliarden Euro im Jahr. Noch macht die chinesische Wirtschaftsleistung ein Fünftel Japans aus. Doch Japan stagniert. Mit seinen überschuldeten öffentlichen Etats, blockierten Reformen, seiner rapide alternden Bevölkerung und hedonistischen Jugend ist eine Wende nicht in Sicht. „Management-Guru“ Kenichi Omae meinte deshalb, schon in 20 Jahren werde Japan zur „Zehn-Prozent Nation“: Es werde zehn Prozent der Größe, Wirtschaft und des Einflusses von China besitzen und sich gegenüber China so verhalten wie Kanada gegenüber den USA oder Österreich zu Deutschland. Foto: Chinesischer Demonstrant gegen Japan: Historische Rivalität

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