Religionskrieg im Volksheim droht

Im Jahr 1928 verkündete Per Albin Hansson, der damalige Chef der Sozialdemokraten, den Umbau Schwedens zum „Volksheim“: Der „Abbau aller sozialen und wirtschaftlichen Schranken in der Gesellschaft“ sollte Wohlstand und Sicherheit für alle Bürger schaffen. Im „Volksheim“ sollten Konflikte gelöst werden, indem sich alle Betroffenen zusammensetzen und schließlich einen Konsens finden. Das klappte viele Jahrzehnte – 1970 war Schweden das drittreichste Land der Welt und eines der friedlichsten dazu. Dreißig Jahre später ist das „Volksheim“ längst keines mehr. Und es scheint nicht nur wirtschaftlich am Ende: Islamische Extremisten rufen nun auch in Schweden offen zum Lynchmord auf. Grund: Der christliche Prediger Runar Sögaard hatte am 20. März den Propheten Mohammed einen „verwirrten Pädophilen“ genannt, weil dieser einst angeblich eine Neunjährige geheiratet haben soll. Sögaards provokante Predigt in der größten Stockholmer Pfingstgemeinde, welche er später sogar auf CD aufnahm und verkaufte, hat eine Lawine von wütenden Protesten ausgelöst. Etwa 500 Muslime und Sympathisanten – für Schweden eine recht große Anzahl – demonstrierten am 24. April vor der Filadelfia-Kirche. Sie forderten, daß die Kirche sich von den Äußerungen des gebürtigen Norwegers distanziert. Auf den Transparenten der Demonstranten stand: „Respekt ist alles, was wir verlangen“. Andere fordern allerdings mehr – nämlich die „Wiederherstellung der Ehre Mohammeds“, was für manche tiefgläubige Muslime nur durch den Tod Sögaards geschehen kann. Der Chef des schwedischen Rats der Imame, Hassan Moussa, verurteilte Sögaards „Haßpredigt“ in der schwedischen Zeitung Expressen: Die muslimische Minderheit in Schweden werde nicht ruhen, bis Sögaard wegen seiner „Hetze gegen den letzten Propheten des Islam“ vor Gericht gestellt werde. Zusätzlich verlangte Moussa von den Botschaftern islamischer Länder in Stockholm, bei der schwedischen Regierung Protest einzulegen. Zugleich aber warnte er die muslimische Minderheit in Schweden vor gewaltsamen Aktionen. Auch wenn die Worte Runar Sögaards Millionen von Muslime weltweit verletzten, dürfe das nicht zu einem Mord wie an dem niederländischen Regisseur Theo van Gogh führen. Trotz Moussas Appell gegen Gewalt erhielt Sögaard zahlreiche Morddrohungen und steht seit Wochen unter dem Schutz der Polizei, die die Drohungen durchaus ernst nimmt. Wie Expressen berichtete, hätten fundamentalistische Imame eine Fatwa über Sögaard verhängt, was einem offiziellen Aufruf zum Mord gleichkommt. Die bekannteste Fatwa wurde 1989 vom iranischen Staatschef Ajatollah Khomeini über den indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie verhängt, der in seinem 1988 erschienenen Buch „Die satanischen Verse“ den Koran und den Propheten beleidigt haben soll. Ebenfalls unter einer Fatwa steht die aus Somalia stammende niederländische Parlamentarierin Ayaan Hirsi Ali. Sie hatte im letzten Jahr mit Theo van Gogh den provokativen Film „Submission“ über die Mißhandlung muslimischer Frauen gedreht, was im November 2004 zur Ermordung van Goghs in Amsterdam führte (JF 48/04). Van Gogh wurde auf offener Straße von einem radikalen Islamisten erschossen, der danach zusätzlich seine Kehle durchschnitt. Auf der Leiche hinterließ der Täter eine Todesdrohung gegen Hirsi Ali. Der Mord hatte im vergangenen Winter zu erheblichen Konflikten zwischen Christen und Moslems in den Niederlanden geführt. Jan Hjärpe, Professor für Islamwissenschaften an der schwedischen Universität Lund, erklärte in der Zeitung Expressen, daß eine Aussage wie die von Sögaard ein Gefahr darstelle. Er könne Sögaards Handeln nicht verstehen und frage sich, ob Provokation wohl der Sinn der Predigt gewesen sei. Dennoch dürfe man nicht vergessen, daß es nicht die Meinung der lutherischen Staatskirche, sondern eines Mannes einer „Sekte“ sei. Sögaard gehört wie der ehemalige US-Justizminister John Ashcroft zur evangelisch-freikirchlichen und missionarischen Pfingstbewegung. Erstmals auch Aufrufe zu Terror-Anschlägen Hjärpe deutete den Zwischenfall als Anfang eines Religionskrieges in Schweden. Schon deshalb sei Sögaards Predigt zu verurteilen, weil er die Konsequenzen entweder unterschätzte oder in Kauf nahm. Gegen Sögaard ist inzwischen auch Anzeige wegen Volksverhetzung erstattet worden. Bisher gab es in Schweden mit dem Islam – inzwischen die zweitgrößte Religion des Landes – keine größeren offenen Konflikte. Seit kurzem wird dennoch auf islamistischen Netzseiten zum Terror gegen Schweden aufgerufen, weil es „Gotteslästerei“ dulde. Dort kursieren sogar Pläne für einen Bombenanschlag auf die Stockholmer U-Bahn – nach dem „Vorbild“ des Madrider Terroranschlags vom März 2004.

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