„Die Zukunft Iraks gehört dem Islam“

Die Parlamentswahlen im Irak stehen an, und dabei richten sich die Blicke auf die schiitischen Araber, die mit etwa 60 Prozent die Bevölkerungsmehrheit im Irak stellen. Parallel stellt sich die Frage: Kann ein Sieg der Schiiten den Irak befrieden, oder kommt es zur Errichtung eines islamischen Staates nach Vorbild des Iran im Irak? Kurz nach dem Einmarsch der US-geführten Invasionstruppen und dem Sturz des irakischen Präsidenten Saddam Hussein deuteten viele Zeichen auf letzteres hin. So kehrte 2003 der schiitische Ajatollah Mohammed Bakr al Hakim unter frenetischem Jubel seiner Anhänger aus seinem iranischen Exil nach Bagdad zurück: als Herrscher über den „Obersten Rat für die Islamische Revolution im Irak“ (SCIRI) und dessen schlagkräftige „Badr-Brigaden“-Miliz. Bakr al Hakim machte keinen Hehl aus seiner ablehnenden Haltung gegenüber der US-Politik, er drohte den Alliierten mit bewaffnetem Widerstand, falls sie länger als notwendig im Irak blieben, und ließ mit Aussprüchen wie „Die Zukunft Iraks gehört dem Islam“ bei der Besatzungsmacht die Alarmglocken schrillen. Doch entgegen den US-Befürchtungen verhielt sich der Ajatollah im Anschluß äußerst moderat, bis er im August 2003 Opfer eines Autobombenanschlags wurde. Seitdem führt sein Bruder Abdul Aziz das schwere Zepter des weitverzweigten Bakr-Clans, er setzte ebenso auf eine pragmatische Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht und wahrte die nötige – beim Wahlvolk ankommende – Distanz zu derselben. Washington spielte notgedrungen mit, schien es doch weit weniger riskant, den SCIRI einzubinden, als ihn zu isolieren. Im Gegenzug schickte Hakim seine Gefolgsleute in die Übergangsregierung und baute nebenbei die Badr-Brigade zu einer 100.000 Mann starken Truppe aus. Die irakischen Ölvorkommen liegen in den Süd-Provinzen Im Hintergrund zog derweil die höchste Autorität der Schiiten im Irak, Großajatollah Ali al-Sistani, geschickt die Fäden. Der schiitische Klerus folgte, sorgte für Ordnung und die Durchsetzung islamischer Gesellschaftsnormen. Die gut organisierten Schiiten im Süden des Irak haben offensichtlich etwas anderes im Sinn als ihre im Chaos versinkenden sunnitischen Kontrahenten in der Landesmitte. Nach jahrzehntelanger erbarmungsloser Verfolgung fordern sie endlich auch ein Stück vom Kuchen. Und dieses Stück ist nicht allzu klein, liegen doch rund 80 Prozent der bekannten irakischen Erdölvorkommen in den Süd-Provinzen. Es ist also kaum verwunderlich, daß die politischen und religiösen Führer im weitgehend ruhigen Süden ungeduldig auf den Wahltag warten. Angeführt von al Hakim und unterstützt von Großajatollah Sistani steht auch schon eine eiligst zusammengezimmerte schiitische Wahl-Liste namens „Vereinte Irakische Allianz“ bereit, um die zumeist fragile Geschlossenheit der Schiiten zu manifestieren. Hier finden sich – mit Ausnahme des militanten Predigers Muktada al-Sadr, der noch im Sommer 2004 seine „Armee des Mahdi“ in den Kampf gegen die US-Truppen geschickt hatte – nicht nur die wichtigsten schiitischen Parteien und Gruppen, sondern auch einige weltliche und nicht-schiitische Persönlichkeiten. Der Schein gesamtirakischer Interessenwahrnehmung überzeugt jedoch nicht jeden, und so steht der sicherlich in Zügen vorhandene Einfluß der „Mullahs“ aus Teheran im Fadenkreuz. Doch gibt es hier viele Gerüchte und wenig Erkenntnisse. Nichtsdestotrotz ist der arabische Argwohn gegen Aktivitäten des Teheraner „Mullahregimes“ groß – derart groß, daß der jordanische König Abdullah II. vor der Gefahr eines sich von Iran über den Irak bis nach Libanon ausdehnenden „schiitischen Halbmonds“ warnte. Vor allem mag sich aber auch die schon in der Osmanen-Zeit dominierende sunnitische Minderheit in Irak nicht mit ihrem Einflußverlust abfinden. Folglich boykottiert sie die Wahl und versucht in Teilen sogar, durch eine Eskalation der Gewalt die verhaßten „kriechenden schwarzen Horden“ von den Wahlurnen zu vertreiben. Doch auch die Sprengstoffanschläge auf Abdul al-Hakim und al-Sistani im Dezember 2004, die nur knapp ihr Ziel verfehlten, konnten die Schiiten nicht aus der Reserve locken. Sie reagieren diszipliniert, denn ihr Ziel ist klar definiert – sie wollen erst einmal die Macht. Also weisen Hakim und Sistani unter Hinweis auf ihre Eigenständigkeit jedweden Vorwurf zurück, eine Theokratie nach iranischem Muster errichten zu wollen, beteuern, daß sie für eine Aufteilung der Macht zwischen allen großen irakischen Gruppen stünden, und versichern den USA, auch nach einem Wahlsieg am 30. Januar nicht einen unmittelbaren Abzug der Besatzungstruppen zu fordern. Die USA sind darüber nicht glücklich. Doch sind die Schiiten neben den weitgehend autonomen Kurden im Norden nun einmal das stabilisierende Element im Irak, und so bleibt Washington dieser Tage keine andere Wahl, als das Spannungsverhältnis zu den „Mullahs“ erst einmal auf eine etwas kleinere Flamme zu fahren und die Entwicklung abzuwarten.

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