Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

„Der Weg ist viel steiniger, als wir alle gedacht haben“

Frau Janicki, der Stadtteil Marxloh im Duisburger Norden wird auch „Klein-Istanbul“ genannt. Janicki: So sollte man Marxloh nicht nennen. Immerhin leben in Marxloh scheinbar mehr Türken als Deutsche. Janicki: Es stimmt, hier leben mehrheitlich Menschen mit Migrationshintergrund. Ich glaube aber, Qualifizierungen wie „Klein-Istanbul“ führen nicht weiter. Immerhin haben Sie davon gesprochen, daß nach den Ereignissen in Holland im letzten Herbst „sehr zu Recht“ die Debatte um die Integration begonnen habe. Was stimmt in Marxloh nicht? Janicki: Ich möchte betonen, daß wir es nicht nur mit internen Problemen zu tun haben, sondern daß leider auch Probleme von außen zu uns hereingetragen werden. Sie sprechen von einer Demonstration gegen einen Moscheebau in Ihrem Bezirk? Janicki: Ich spreche von der Fascho-Demo, die den Moscheebau dazu mißbraucht, ihr braunes Süppchen bei uns zu kochen. Allerdings sind auch Bürger, die diese Demonstration ausdrücklich abgelehnt haben, gegen den Moscheebau. Janicki: Natürlich sind nicht alle einverstanden, aber die Mehrheit der Deutschen in Marxloh hat kein Problem mit der Moschee. Ist Marxloh also eine „Insel der Seligen“? Janicki: Nein, ich will nichts beschönigen. Es beginnt mit Sprachproblemen und endet bei Delikten wie Zwangsverheiratung. Natürlich finden Sie in Marxloh beinahe die gesamte Palette der bekannten Integrationsprobleme. – Von Ehrenmorden und Zwangbeschneidungen ist uns allerdings glücklicherweise nichts bekannt. „Die gesamte Palette der Integrationsprobleme“ Also Marxloh als weiterer Beweis für die „Falsifizierung“ des Konzepts von der multikulturellen Gesellschaft? Janicki: Zumindest ein Beweis dafür, daß der Weg dorthin viel steiniger ist, als wir alle einmal gedacht haben. In Marxloh regiert Schwarz-Grün. Sie verfolgen also die Politik einer multikulturellen Gesellschaft mit Unterstützung der CDU? Janicki: Wir bemühen uns um Integration, und das bedeutet für mich auch Integration in die deutsche Gesellschaft – ohne Verlust der türkischen Kultur. Also kein Sportunterricht für Mädchen, statt dessen Kopftuch und Zwangsverheiratung in die Türkei, etc? Janicki: Nein, aber mit türkischer Küche, türkischer Musik und türkischem Brauchtum. Mit Verlaub, das hört sich an wie türkischer Musikantenstadel. – Bedeutet unterschiedliche Kultur nicht, unterschiedliche Werte zu haben? Also eine Entscheidung in Fragen wie: Wer oder was rangiert höher, Gott oder das Individuum, die Familienehre oder die Selbstverwirklichung der Familienmitglieder, die sexuelle Sittlichkeit (Verschleierung) oder die sexuelle Selbstbestimmung? Janicki: Vielleicht haben Sie von dem Fall einer Anklage wegen Kindesmißbrauchs gegen einen Mann mit einer neunjährigen Ehefrau gehört. Der Mann wurde freigesprochen. Das finde ich unerhört! Ein kultureller Vorgang aus der Sicht einer anderen Kultur … Janicki: … ein krimineller aus unserer Sicht! Also ist die „multikulturelle Gesellschaft“ gescheitert? Janicki: Ich würde es so formulieren: Wir sind mit den Problemen viel zu lax umgegangen und haben immer erst dann etwas unternommen, wenn es eskaliert ist. Ihr Kollege Heinz Buschkowsky, Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, erregte großes Aufsehen, als er letzten Herbst nach den Ereignissen in Holland auch für Deutschland das Scheitern der „multikulturellen Gesellschaft“ konstatierte. Janicki: Ich halte für richtig, was er gesagt hat. Inwiefern? Janicki: Ich glaube, er wollte mit seinen provokanten Thesen eine Diskussion anstoßen. „Buschkowsky hat recht – das paßt nicht ins grüne Weltbild“ Claudia Roth hält dagegen an der „multikulturellen Gesellschaft“ fest. Janicki: Ich bin nicht Frau Roth. Welche Botschaft haben Sie für Frau Roth? Janicki: Ich möchte die Grünen in Berlin daran erinnern, daß es nichts nützt, die multikulturelle Gesellschaft nur zu postulieren, sondern man muß Vorschläge machen, wie man die nicht zu knappen Probleme auf dem Weg dorthin bewältigen will. Also ist „Multikulti“ doch möglich? Janicki: Es gibt Menschen aus allen Kulturkreisen, die so aufgeklärt sind, daß mit ihnen eine multikulturelle Gesellschaft möglich ist. Deshalb gilt für uns weiterhin die multikulturelle Gesellschaft als unsere politische Zielvorstellung. Aber die Realität in Marxloh zeigt, daß es auch viele Menschen gibt, mit denen das nicht möglich ist. Die Ironie der Geschichte ist, daß es bei uns nicht die Deutschen, sondern ausgerechnet die Migranten sind, die ihre Probleme mit der multikulturellen Gesellschaft haben. Solche Tatsachen sind im idealen grünen Weltbild nicht vorgesehen, deshalb müssen die Grünen lernen, mit diesen Fakten umzugehen. Warum gibt es keine Initiative rot-grüner Kommunalpolitiker, die den Parteioberen mal vor Augen führt, wie es im Alltag an der „multikulturellen Basis“ in Wirklichkeit aussieht? Janicki: Das ist eine gute Idee, ich wäre dabei! Doris Janicki , Jahrgang 1953, ehemalige Lehrerin, ist 1. Bürgermeisterin von Duisburg. Zuvor war sie Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stadtrat und 2004 Kandidatin für die Oberbürgermeisterwahl. weitere Interview-Partner der JF

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