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Der Kampf wird weitergehen

Die 62,3 Prozent der abgegebenen Stimmen, mit denen Mahmud Abbas gewählt wurde, ha-ben die internationale Öffentlichkeit in Euphorie fallen lassen: Der neue Präsident der Palästinenser werde in kürzester Zeit dem Nahen Osten den ersehnten Frieden bringen. Kann der Nachfolger von Jassir Arafat, der als PLO-Chef nach Sitte der Untergrundkämpfer auch mit einem nom de guerre, nämlich Abu Masen, ausgestattet ist, dies wirklich erreichen? Wie stehen die Chancen eines Friedensschlusses, nachdem eine ganze Generation zum Haß und zur Tugend des Mordens erzogen wurde? Wer ist der Mann, an den so viele Hoffnungen geknüpft wurden – vom Weißen Haus bis zum Kreml, vom Bundeskanzleramt bis London und Ankara? Abbas wurde 1935 in der Kabbalistenstadt Safed in Galiläa geboren. Nach der israelischen Staatsgründung 1948 ging er mit seiner Familie nach Syrien, wo er das Gymnasium absolvierte und danach englische und arabische Literatur sowie Jura an der Universität von Damaskus studierte. In Kairo schloß er sein Jurastudium ab. Danach ging er zum weiterführenden Studium nach Moskau, wo er am Orientalischem Kolleg Geschichte studierte. Vom Holocaust-Leugner zum respektierten Staatsmann Er promovierte mit einer Arbeit über die Zusammenarbeit zwischen den Nazis und der zionistischen Bewegung, wobei er seine Quellen auch unter Autoren wie dem französischen Holocaust-Leugner Robert Faurisson suchte. Von seiner Doktorarbeit wurden dann mehrere Fassungen in Buchform veröffentlicht, in denen er sich in eine Reihe mit den Holocaust-Leugnern rückte. Er behauptete unter anderem, es sei „möglich, daß die Zahl jüdischer Opfer sechs Millionen erreichte, aber gleichzeitig ist es möglich, daß die Zahl viel geringer ist – weniger als eine Million“, wie es in der 1983 erschienenen arabischen Buchausgabe seiner Dissertation heißt. „Es scheint, daß es das Interesse der zionistischen Bewegung ist, diese Zahl aufzublähen, damit ihre Gewinne größer sein werden“, schrieb Abbas. Viele Jahre später versuchte er sich von solchen Behauptungen loszusagen, indem er behauptete, er wollte damals lediglich auf die verschiedenen Thesen in Bezug auf den Holocaust hinweisen. Nun sei er der Meinung, daß „der Holocaust ein schreckliches, unverzeihliches Verbrechen an der jüdischen Nation gewesen sei, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das von der Menschheit nicht akzeptiert werden kann“. Mitte der fünfziger Jahren lebte er in Katar, wo er in 1957 die Fatah-Bewegung mitgründete. Anschließend folgte er Arafat im Exil nach Jordanien, dem Libanon und schließlich nach Tunis. Abbas, den man als „pragmatischen Intellektuelle“ bezeichnet, spielte im Exil eine bedeutende Rolle im Hintergrund. Ihm werden zahlreiche Kontakte mit linken israelischen Politikern nachgesagt, aber auch Terror-Aktivitäten. Mohammed „Abu“ Daud, der Terrorist, der den Anschlag auf die israelischen Athleten bei der Münchner Olympiade 1972 geplant hat, behauptet, die Aktion des „Schwarzen September“ sei von Abbas finanziert worden. Abbas war der Mann, der nach dem ersten Irak-Krieg die Beziehungen der Palästinenser – die für Saddam Hussein Partei ergriffen hatten – zu Saudi-Arabien wieder ins Lot brachte. Abbas war 1993 seitens der Palästinenser der Unterzeichner des Osloer Friedensabkommens mit Israel. Im März 2003 ernannte Arafat seinen treuen Gefolgsmann zum Ministerpräsidenten, nachdem Israelis und Amerikaner abgelehnt hatten, mit Arafat weiter zu verhandeln. Schon im September trat Abbas jedoch zurück, nachdem Arafat sich geweigert hatte, ihm die Kontrolle über die zahlreichen Sicherheitsdienste zu übertragen. Abbas ist im Gegensatz zum 2004 verstorbenen Arafat ein urbaner Mann, elegant, höflich, zurückhaltend – aber ohne Charisma. Er ist nicht der Mann, der sich den Grundströmungen in der palästinensischen Bevölkerung widersetzen könnte oder wollte. Im Verlauf seiner Wahlkampagne hat er sich wiederholt zu arabischen Rhetorikübungen hinreißen lassen und Israel als Feind bezeichnet. Obwohl Abbas kurzfristig Friedensverhandlungen anpeilt, hat er die Grundpositionen Arafats wiederholt: die Forderung nach Heimkehr der Flüchtlinge in einen palästinensischen Staat mit Jerusalem als Hauptstadt. Die radikal-terroristischen Palästinenserorganisationen Hamas und Islamischer Dschihad haben gemeinsam mit sieben kleineren Extremistengruppierungen die Präsidentschaftswahlen boykottiert, weshalb die Wahlbeteiligung nur bei 70 Prozent lag. Zwar wollen die aus den Moslembruderschaften hervorgegangene Hamas und der vom iranischen Geheimdienst gegründete Islamische Dschihad auf einen eventuellen Waffenstillstand eingehen und an den Parlamentswahlen im Juni teilnehmen. Aber sie widersprechen Abbas: es gebe keine Möglichkeit einer friedlichen Lösung in Palästina, der zionistische Staat müsse mit Waffengewalt zerschlagen werden. Der Kampf der „Märtyrer“ (Selbsmordattentäter) werde weitergehen. Nach Umsetzung von Ariel Scharons Rückzugsplan aus Gaza werden die Radikalen die Bemühungen von Abbas zu unterlaufen versuchen, indem sie die Serienanschläge gegen israelische Ziele wieder aufnehmen. Auch weigern sich die meisten Palästinenser, ihre Waffen abzugeben. Die Wahlen haben zwar einen gewissen Rückgang des Einflusses von Hamas erkennen lassen, was dazu führte, daß der liberale Kandidat Mustafa Barghuti 19,8 Prozent der Stimmen bekommen konnte. Barghuti behauptet sogar, seine Gefolgschaft sei stärker geworden als die der Hamas. Aber die Hoffnung, daß der fundamentalistische Einfluß verschwindet oder an Wucht verliert, ist reine Illusion, solange die Schulbücher und Massenmedien die Erziehung zum Haß und zum Märtyrertum weiter betreiben können. Erst kürzlich wiederholte der saudische Innenminister Prinz Nayef bei einer Konferenz von 21 Innenministern arabischer Länder die bekannte These, die Palästinenser übten keinen Terror aus, sondern seien in einem legitimen Selbstverteidigungskampf engagiert. Wenn Mahmud Abbas versuchen sollte, tatsächlich gegen diesen Strom zu schwimmen, wird er wahrscheinlich mit seinem Leben bezahlen müssen. Voraussichtlich wird aber eine kurze Periode aufblühender Friedensillusionen folgen, der dann der laute Knall der Terror-Bomben ein jähes Ende setzen wird. Die dann folgenden israelischen Vergeltungsschläge werden den Friedensprozeß mit oder ohne Mahmud Abbas begraben helfen.

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