Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Vergessene Verbrechen Carl Gustaf Ströhm

Nach den jüngsten blutigen Zusammenstößen im Kosovo ist es keineswegs verfehlt, Betrachtungen über die Vergeßlichkeit und das selektive Gedächtnis des Westens anzustellen. Dies umso mehr, als kürzlich der serbisch-jugoslawische Admiral Miodrag Jokic vom Haager Tribunal wegen Kriegsverbrechen – begangen bei der Belagerung und Beschießung von Dubrovnik (Ragusa) in den Jahren 1991/92 – zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde. Begründet wurde das Urteil damit, daß der 69jährige Jokic damals etwa 50 Zivilisten aus Dubrovnik und Umgebung umgebracht habe. Als Befehlshaber der Seestreitkräfte habe er nicht nur die „Perle der Adria“ in Brand geschossen, sondern darüber hinaus wurde das gesamte Konavle-Tal – eine der schönsten Mittelmeerlandschaften – gebrandschatzt und verwüstet, ebenso die Küste im Norden der Stadt. Nun aber greift man sich an den Kopf: Der „Preis“ für 50 unschuldige Menschenleben ist sieben Jahre – hingegen bekam jener serbischstämmige Einwanderer, welcher 2003 die schwedische Außenministerin Anna Lindh mit einem Dolch ermordete, immerhin lebenslang. Die schwedische Justiz setzte übrigens alles daran, die wahren Motive zu verschleiern: Entgegen allen Beteuerungen war der Hintergrund politisch – denn der Täter Mihajlo Mihajlovic hatte Anna Lindh gehaßt, weil sie die Nato-Luftangriffe von 1999 auf Rest-Jugoslawien billigte. Das jetzige milde Urteil gegen den serbischen Admiral paßt durchaus in die Landschaft. Neuerdings haben zwei „Freunde des (Haager) Gerichts“ (amici curiae) ein Gutachten verfaßt, wonach der kroatisch-serbische Krieg (1991 bis 1998) „nur“ ein interner Konflikt gewesen sei. Folglich sei Ex-Präsident Slobodan Milosevic, der zur Zeit in Den Haag vor Gericht steht, gar kein richtiger Kriegsverbrecher. Man kann sich vorstellen, daß sein Urteil – wenn es überhaupt dazu kommt – ähnlich milde ausfallen könnte wie jenes des Admirals. Einer der Augenzeugen jener Tage, der damals mit der vorrückenden Jugo-Armee über einen Waffenstillstand verhandelte, war der Kroate Pero Krste. Er schreibt in seinen Erinnerungen an den 5. Dezember 1991 – den Tag des serbischen Großangriffs: „Die Altstadt wird von Granaten aller Kaliber überschüttet. Aus den Gebäuden steigt dichter Rauch, viele stehen in Flammen… Aus der Stadtverwaltung meldet man uns, daß in der Stadt die wahre Hölle herrscht. Getroffen sind … das Palais Sponza, die Kirche des heiligen Blasius, die Kathedrale, das Franziskaner- und Dominikanerkloster sowie der Rektorenpalast. Es gibt viele Getötete und Verwundete.“ Voller Wut hätten die serbischen Kommandanten, so Krste, als sie sahen, daß die Eroberung der Stadt trotz gewaltiger materieller und zahlenmäßiger Überlegenheit nicht glücken wollte, den Befehl erteilt, auf alles zu schießen, was sich in der belagerten Stadt bewegt, auch auf die historisch und künstlerisch unersetzlichen Gebäude des Stadtkerns, „als Symbole der Dubrovniker, kroatischen kulturellen Substanz und Überlegenheit.“ Krste schließt mit den Worten: „Das Verdienst, daß wir trotz allem frei geblieben sind, kommt unseren tapferen Soldaten und dem Befehlshaber unserer Verteidigung, Nojko Marinovic zu, der inzwischen zum Oberst befördert wurde.“ Heute erstrahlt Dubrovnik wieder im vertrauten Glanz. Seine Bürger aber werden die Monate ohne Strom, ohne Trinkwasser und unter ständigem Beschuß nicht vergessen.

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