Joachim Kuhs

 

Das Märchen von der Koexistenz

Herzhaft geschlemmt wurde bis letztes Wochenende auf der Berliner „Grünen Woche“ – und das weitgehend „genfrei“. Denn fünf Jahr lang galt in der EU ein Anbaustopp für genetisch modifizierte Organismen (GMO). Am 31. Dezember 2003 lief dieses Moratorium aus, obwohl nach wie vor unklar ist, wie riskant die GMOs für die Menschen sind. Interessierte Firmen wie zum Beispiel der US-Saatgutriese Monsanto scheuten in den vergangenen Jahren keine Kosten, um die Menschen von den Vorteilen der Gentechnik zu überzeugen. Monsantos Ziel sei, „die Erträge und die Qualität der Agrarproduktion zu verbessern unter gleichzeitiger Schonung natürlicher Ressourcen“, heißt es in der Eigenwerbung des Konzerns mit weltweit über 13.700 Mitarbeitern in über 100 Ländern und einem Umsatz von etwa 4,7 Milliarden US-Dollar. Das Unternehmen sei „einer der Weltmarktführer in der Entwicklung und Herstellung von umweltverträglichen Pflanzenschutzmitteln und verbessertem Saatgut unter Einsatz moderner Biotechnologie“. Zum Einsatz kamen (und kommen) vor allem Bilder, die eine heile, präzise und damit kontrollierbare Welt suggerieren. Blühende Felder in idyllischer Landschaft, glückliche Schweine, lächelnde Wissenschaftler in blitzblanken Labors – „Wir haben alles im Griff, alles wird besser“, lautet die fortschrittliche Botschaft. In Wirklichkeit ist gar nichts geklärt und wenig unter Kontrolle. Denn wie bei jeder anderen Technologie wird auch bei der Gentechnik viel „ins Blaue“ hinein versucht, werden Thesen formuliert, die sich entweder bewahrheiten – oder eben nicht. Zum Beispiel wird erklärt, welches Gen des Bazillus Thuringiensis wie in die Mais-Zelle eingeschleust wird und was es dort bewirkt. Aber nicht gesagt wird, wo genau das Gen ins Erbgut der Pflanze eingesetzt wurde und ob es ein Maisgen ersetzt oder ergänzt. Man setzt das Gen in Tausende Pflanzenzellen und wartet auf die erwünschten Ergebnisse. Die „richtigen“ GMOs sortiert man aus – sie kommen zur Anwendung -, der Rest wird vernichtet oder weiter manipuliert. Die Ziele sind klar formuliert: Gentechnik in der Landwirtschaft soll den Schädlingen den Appetit verderben, den Einsatz von Totalherbiziden ermöglichen und in der Lebensmittelindustrie Reifungsprozesse beschleunigen. So werde die Umwelt geschont, die Lebensmittel billiger und der Hunger bekämpft. Leider stimmt keines der drei Behauptungen. Der Einsatz von Totalherbiziden auf englischen Versuchsfeldern hat gezeigt, daß die schädlichen Auswirkungen auf Würmer, Käfer, Schmetterlinge oder Vögel deutlich größer waren als auf den konventionellen Vergleichsfeldern. Von einer Schonung der Umwelt kann also keine Rede sein. Bisher haben die Gentech-Firmen Milliarden an Euro für ihre Forschung ausgegeben – allein Monsanto etwa eine halbe Milliarde Euro pro Jahr. Dieses Geld wollen die Unternehmer verständlicherweise irgendwann wieder mit Gewinn zurückbekommen. Gelänge es ihnen, das konventionelle- und Biosaatgut zu verdrängen, könnten sie mit jedem Anbau Nutzungsgebühren für ihre patentierten GMO und die dafür maßgeschneiderten Pestizide kassieren. Ob Lebensmittel deswegen billiger würden, ist daher zweifelhaft. Der Welthunger ist das schlagendste Argument für die Gentechnik-Lobby. Denn wer will sich bezichtigen lassen, hungernde Menschen zu akzeptieren, indem man GMO verhindert? Leider werden wir auch diesbezüglich von interessierter Seite auf dünnes Eis gelockt. Aber es gibt auch prominente Aufklärer, wie den ehemaligen britischen Umweltminister Michael Meacher. Dieser antwortete am 7. November 2003 in einem Spiegel-Interview auf die Frage, ob sich mit genmanipulierten Pflanzen den Hunger in der Dritten Welt besiegen ließe: „Die wichtigsten Ursachen dafür, daß schätzungsweise 800 Millionen Menschen täglich hungrig zu Bett gehen, sind der ungerechte Welthandel, unfähige und korrupte Regierungen in der Dritten Welt sowie eine schlechte Verteilung des Landes. Wenn wir wirklich etwas dagegen unternehmen würden, gut! Aber zu glauben, daß sich mit GM-Pflanzen der Hunger besiegen ließe, ist lächerlich. Es ist empörend, daß Monsanto seine bösartige kommerzielle Gier jetzt hinter der Maske des Wohltäters verstecken will. Der Welthunger ist denen doch vollkommen egal, sie wollen nur ihre Produkte in der Dritten Welt verkaufen.“ Wenn kein Argument mehr zieht, versucht sich die Gentech-Lobby mit dem Argument der Gleichberechtigung. Niemand dürfe gezwungen werden, GMO anzubauen, aber wer das wünsche, habe ein Recht dazu. Und so könnten die gentechnisch manipulierten Pflanzen ganz friedlich neben ihren nicht manipulierten Artgenossen stehen. Leider gehört die Geschichte von der „Koexistenz“ zu den perfidesten Märchen der Gentech-Lobby. Denn völlig klar ist, daß weder der Wind noch die bestäubenden Bienen einen Unterschied zwischen den Feldern machen. Auch Hecken zwischen den Feldern schützen in keiner Weise vor „Gensmog“. Daher muß es zwangsläufig zu Kreuzungen von GMO und Nicht-GMO kommen – Bio-Anbau wird so unmöglich. Daß dies keine Horrorgeschichte ist, sieht man in Kanada, wo etwa die Hälfte der Rapsflächen mit Gen-Raps bepflanzt sind. Messungen ergaben Verunreinigungen von bis zu 7,2 Prozent, so daß von einer Bio-Qualität nicht mehr gesprochen werden kann. Die so entstandenen Schäden für die Bio-Bauern belaufen sich auf schätzungsweise 100 Millionen Dollar, die nun von Monsanto & Co. eingeklagt werden sollen. Auch in Deutschland versucht man mit einer gesetzlichen Haftungsregel den Einsatz von GMO zu kontrollieren. Demnach müßten Landwirte, die gentechnisch veränderte Pflanzen anbauen, die konventionellen Bauern in ihrer Nachbarschaft vor Pollen schützen, die deren Ernte verunreinigen könnten. Bei unerwünschten Auskreuzungen von Gen-Pflanzen mit normalen Gewächsen könnten die geschädigten Landwirte vor Gericht auf Schadenersatz klagen. Bauernpräsident Gerd Sonnleitner warnte daher die deutschen Landwirte vor dem Einsatz von genverändertem Saatgut. Natürlich werden trotzdem genügend Bauern diese neue Technologie mit Hinweis auf die „Koexistenz“ nutzen. Echte Bio-Qualität dürfte damit in naher Zukunft nicht mehr zu bekommen sein.

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