Imperiale Phantomschmerzen

Beim Blick nach Osten schaut EU-Europa seit ein paar Wochen gebannt auf die Ukraine. Und so konnte es nicht ausbleiben, daß das Thema auch im Rahmen der Berliner Veranstaltungsreihe „Culture Watch“ eine Rolle spielte, die Ende November unter dem Titel „Wem gehört der Kaukasus?“ stand. Anlaß für die von der Akademie der Künste und dem Goethe-Institut initiierte Diskussionsrunde mit Journalisten, Schriftstellern und politischen Akteuren aus der Region war der erste Jahrestag der „Rosenrevolution“ in Georgien – die ja einige Parallelen mit den Kiewer Wahlkrimi hatte. So erklärte denn auch der Nationaldichter Apti Bisultanov – einst Sozialminister im Kabinett des tschetschenischen Ex-Präsidenten Aslan Maschadow – als erster seine Solidarität mit der ukrainischen Opposition. Er verwies darauf, daß das Schicksal der gesamten postsowjetischen Region miteinander verkettet sei. Daß das deutsche Fernsehen erst seit den offenkundigen Wahlfälschungen intensiv über die unbestritten zu Europa gehörende Ukraine berichtete, zeige das Desinteresse am postsowjetischen Raum. Aber auch der Kaukasus gehöre zu Europa – das wurde von allen Teilnehmern wiederholt betont. Das Gros ausländischer Journalisten sei immer nur kurz vor Ort gewesen, sie brächten in der Regel ihre – russisch geprägten – Stereotypen über den Kaukasus schon mit, die sie nur noch bestätigt sehen wollten. Wiederkehrende Berichte schafften so auf fatale Weise eine eigene Wirklichkeit, gegen die nur schwer anzukommen sei, klagte der aus Jerewan stammende Direktor des Caucasus Media Institute, Vicken Cheterijan, der für Le monde diplomatique schreibt. Die in Deutschland vorherrschende prorussische Sicht auf den Kaukasus sei noch durch das DDR-Erbe geprägt, so daß von einer unabhängigen Berichterstattung leider nicht die Rede sein könnte, resümierte der aus Tiflis stammende georgische Publizist und Schauspieler Lasha Bakradze. Es sei „peinlich“, wie EU-Regierungen vor Rußland kuschten, und „traurig, daß die Menschen jederzeit gegen Amerika auf die Straße gehen“, aber die Verbrechen vor der eigenen Haustür einfach nicht registrierten. Die „Gretchenfrage im Kaukasus“, so Moderator Uwe Halbach von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, laute: „Wie hältst du es mit Rußland?“ Die Gretchenfrage an Rußland laute: „Wie hältst du es mit der Souveränität deiner Nachbarn bzw. deiner benachbarten Staaten?“ Die Diskutanten stellten die „Doppelzüngigkeit Moskaus“ heraus, das dem Westen „Einmischung in die inneren Angelegenheiten fremder Staaten“ vorwerfe, selbst aber ungeniert – nicht nur im Kaukasus – genau dies tue: zuletzt mit der Kreml-Ernennung des Regionalchefs der nordkaukasischen russischen Teilrepublik Karatschai-Tscherkessien. Andere Beispiele seien die Unterstützung „russischer Separatisten“ in Georgien (Abchasien, Adscharien und Südossetien) oder Inguschetien. Auch der Konflikt um die armenische Enklave Berg-Karabach habe seine Ursache in der stalinistischen Nationalitätenpolitik und in „russischen Machenschaften“. Trotz unterschiedlicher Sprach- und Kulturfamilien wurde immer wieder die „historische Einheit“ der Kaukasus-Region beschworen, deren Probleme alle erst von außen, nämlich durch Rußland, hineingetragen worden seien. In Südossetien etwa seien „frech und zynisch“ die Gebiete eines anerkannten Staates besetzt worden, und „die Weltöffentlichkeit schweigt“, kritisierte der Georgier Bisultanov. Der Georgier Lasha Bakradze konstatierte, daß Rußland nie ein „moderner Staat“ und „normaler Gesprächspartner“ sein werde, wenn es sich nicht von seinem „irrationalen Imperialstreben“ verabschiede. Am Beispiel Georgien zeigten sich „imperiale Phantomschmerzen“ der Großmacht. Im Mittelpunkt der Diskussion stand aber Tschetschenien. Als leibhaftige Tragödie „in progress“ – würde es nicht so zynisch klingen – prangerte das Podium den seit zehn Jahren dauernden Krieg in der russischen Kaukasusrepublik an – aber auch das Desinteresse im Westen an dem Völkermord. Beklagt wurde die „Schwäche und Scheinheiligkeit Europas“, das sich zwar in der Irak-Frage sehr engagiert zeige, aber in bezug auf die postsowjetischen Staaten schweige. Bisultanov erinnerte daran, daß Tschetschenien schon zu Sowjetzeiten autonom war. Die Ermordung des Unabhängigkeitsaktivisten und späteren georgischen Präsidenten Swiad Gamsachurdia 1993 und der Einsatz militärischer Gewalt hätten damals die Büchse der Pandora geöffnet. Rußland werde die Gewalt nie mehr unter Kontrolle kriegen, prophezeite Vicken Cheterijan. Nur einzelne Tragödien wie die Geiselnahme von Beslan (JF 38/04) lösten kurzzeitig Betroffenheit aus, dann gerate alles wieder schnell in Vergessenheit. Vor allem jedoch – so der Tenor der Diskutanten – begreife in Europa niemand, daß diese Terrorakte letztlich nur die Reaktion auf den russischen Völkermord darstellten. Systematisch, so Bisultanov wie auch Ekkehard Maaß von der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft, werde in Tschetschenien die Kultur des Volkes vernichtet (er nannte Beispiele aus der Architektur) und die Infrastruktur des Landes zerstört. Ginge man nach der Größe der Verbrechen, erstaune es eigentlich, meldete sich ein Zuhörer zu Wort, daß man Präsident Wladimir Putin immer noch die Hand reiche, während der serbische Ex-Präsident Slobodan Milosevic vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal in De Haag stehe. Einmal mehr wurde in diesem Zusammenhang von allen Beteiligten die Äußerung von Bundeskanzler Gerhard Schröder, der Putin einen „lupenreinen Demokraten“ genannt hatte, als Skandal empfunden. Zuletzt wurde immer wieder die Frage gestellt, die niemand beantworten konnte: wann endlich sich Europa um den Kaukasus bemühen werde, damit dieser – frei von der russischen Dominanz – den Weg zur Zivilgesellschaft weitergehen könne. Selbstkritisch merkte Bisultanov an, daß die Herausbildung einer demokratischen und nicht korrupten Gesellschaft ein langsamer und quälender Prozeß sein werde – aber eben zugleich ein alternativloser. Die Frage „Wem gehört der Kaukasus?“ wurde letztendlich aber nicht beantwortet. Und ein engagierter Vertreter des „faktischen Besitzers“ – nämlich Rußlands – nahm an der Veranstaltung leider nicht teil. Dabei leben im Kaukasus – nicht erst seit Putins Zeiten – auch Hunderttausende Russen, die nicht alle willige Vollstrecker des Kremls sind. Foto: Russische Soldaten an einer Straßensperre in Tschetschenien: „Wem gehört der Kaukasus?“

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