Joachim Kuhs

 

Einfach nur noch peinlich

Einem totalen Krieg folgte eine absolute Niederlage. Im Sommer 1945 schien das deutsche Volk, der deutsche Staat, die ganze deutsche Nation völlig am Ende. Nach der endgültigen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 wurde die Not der Deutschen allerdings keineswegs besser. Von der heute oft gepriesenen Befreiungsstimmung war damals in der Bevölkerung nur wenig zu spüren. Es war die Zeit des Überlebens, der Trümmerfrauen, der Schokoladen- und Zigarettenwährung und der Hoffnung auf eine bessere Zeit. Insgesamt waren circa 400 Millionen Kubikmeter Trümmer aufzuräumen. Jeder noch zu gebrau-chende Ziegel oder Stein wurde handverlesen. Diese Arbeit wurde von den Frauen bewältigt. Die Männer waren im Krieg gefallen, in gegnerischer Gefangenschaft oder schwer krank oder verletzt. Städte lagen in Schutt und Asche. Großstädte waren besonders betroffen. Zum Beispiel Köln: Die nordrhein-westfälische Metropole wurde zu 72 Prozent zerstört. Wo vor dem Krieg noch rund 77.000 Menschen wohnten, lebten 1945 nur noch rund 40.000 Kölner unter primitivsten Bedingungen in den Trümmern. In Deutschland herrschte Wohnungsnot. Auch in Köln. Diese wurde noch größer, da Heimatvertriebene aus dem Osten nach Westdeutschland kamen. Innerhalb kürzester Zeit mußte neuer Wohnraum geschaffen werden. Der Begriff Trümmerfrauen war geboren. Auch in Köln haben sie tonnenweise Schutt und Steine geschleppt, ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt und nicht zuletzt gegen die Verzweifelung angekämpft: Jetzt soll ihnen späte Anerkennung zuteil werden. Die Initiative geht von der CDU-Fraktion der Bezirksvertretung Innenstadt aus, wo der Antrag auf Errichtung eines Denkmals für Kölns Trümmerfrauen in der vergangenen Woche beraten wurde. „Es wird Zeit, daß wir die Leistung dieser Frauen endlich anerkennen“, sagt der christdemokratische Fraktionschef Bernd Mevenkamp. „Nur das tatkräftige Engagement der Frauen, ihr entschlossenes Zupacken hat dazu geführt, daß die Schwierigkeiten überwunden werden konnten.“ Mit dieser Initiative schien Mevenkamp offene Türen einzurennen. Sein Parteifreund und Oberbürgermeister Fritz Schramma nahm den Antrag freudig zu Kenntnis und teilte mit, daß dem Denkmal für Kölns Trümmerfrauen nichts im Wege stehe: „Es waren doch vor allem die Frauen, die Köln nach diesem furchtbaren Krieg wieder aufgebaut haben“, erklärt er. „Es steht der Stadt gut zu Gesicht, gerade ihnen ein Denkmal zu setzen. Ich begrüße das sehr.“ Doch Schramma hatte die Rechnung ohne den Wirt – sprich: den Koalitionspartner gemacht. Seit dem 4. März 2003 regiert in der Millionenstadt eine schwarz-grüne Ratsmehrheit. Das spektakuläre Bündnis hatte bundesweit Schlagzeilen gemacht. „Die CDU wird lernen müssen, daß wir nicht so willfährig sind wie die FDP“, tönte beispielsweise die Grüne Jugend der Stadt. „Kontrovers über das Thema diskutiert“ Und beim Thema Trümmerfrauen regt sich erbitterter Protest. Denn Ros-witha Berscheid, Sprecherin der Grünen in der Bezirksvertretung Innenstadt, sah noch Beratungsbedarf: Die erhoffte einmütige Entscheidung wurde verschoben. „Wir haben in unserem Ortsverband kontrovers über das Thema diskutiert“, erklärt die grüne Bezirksvertreterin. „Unter anderem darüber, ob unter den Trümmerfrauen, die Köln wieder aufgebaut haben, nicht auch solche gewesen sein könnten, die in der Nazi-Zeit Täterinnen waren. Deshalb treffen wir uns Ende Juni mit einer Historikerin, die uns umfassend erläutern soll, welche Frauen unter welchen Umständen die Arbeit geleistet haben. Eine Verklärung der Geschichte darf es auf keinen Fall geben.“ Seit dieser Äußerung in der Bezirksversammlung hängt auch der Haussegen in der Ratskoalition schief. Für Bürgermeister Josef Müller (CDU) ein Schlag ins Gesicht: „Diese Begründung ist einfach ungeheuerlich“, poltert er. Es sei an den Haaren herbeigezogen und eine Diskriminierung der Trümmerfrauen, so Müller. „Meine Mutter war schließlich auch eine. Der Antrag, diesen Frauen ein Denkmal zu setzen, ist großartig und hat meine volle Unterstützung. Man kann doch nicht all die Unschuldigen bestrafen, weil vielleicht ein paar dabei waren, die keine weiße Weste haben. Wenn die Grünen dabei bleiben, wird es Ärger geben.“ Die SPD, die Jahrzehnte lang die Mehrheit im Rat stellte, wittert angesichts der bevorstehenden Kommunalwahl Morgenluft. SPD-Ratsfraktionschef Martin Börschel will das Denkmal auf eine breite Basis stellen und bietet sich den Christdemokraten unverhohlen als Partner an: „Ich unterstütze den Antrag, auch wenn er von der CDU kommt“, sagt er. „Aber das sollte gesamtstädtisch im Stadtrat entschieden werden. Die Trümmerfrauen haben schließlich nicht nur die Innenstadt wieder aufgebaut.“ Das Kölner Bündnis ist keine Liebesehe Die Bezirksvorsteherin der Innenstadt, Elisabeth Thelen (Grüne), unterstützt zwar den „Beratungsbedarf“ ihrer Fraktionskollegin, aber aus anderen Gründen: „Es muß klipp und klar die Leistung der Frauen gewürdigt werden, der CDU-Antrag bezieht sich aber auch auf Männer. Und die haben schon viele Denkmäler.“ Derlei Bedenken stoßen in der Öffentlichkeit auf Ablehnung. „Frechheit“, wettert das Kölner Boulevardblatt Express. Oberbürgermeister Fritz Schramma und seiner CDU-Ratsfraktion kommen die Querelen höchst ungelegen. Seitdem die Koalition mit der FDP in Januar 2003 im Streit auseinanderging, ist seine Partei auf die Grünen angewiesen. Im Herbst werden die Karten neu gemischt. Für den Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann ist das Bündnis zwar keine Liebesehe, aber dennoch stabil „Die Kölner schwarz-grüne Koalition ist sicherlich kein Modellfall, aber sie ist auch kein Desaster. Der Kölner Fall zeigt, daß es geht, wenn man will und muß, weil keine andere Mehrheit da ist“, sagt er. Eine Wiederwahl der Koalition hält er für möglich: „Da Schwarz-Grün in Köln ganz vernünftig funktioniert hat, dürften die Wähler das auch honorieren.“ Kein Wunder, daß Oberbürgermeister Schramma nun seine ganze Autorität in die Wagschale werfen will, um das Thema Trümmerfrauen schnell und leise zu abzuhandeln. Foto: Trümmerfrauen bei der Arbeit: Schnell und diskret abwickeln

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