Eine seltsame Heldenverehrung

Am vergangenen Donnerstag wurde der hessische Opel-Produktionsort Rüsselsheim zum Schauplatz einer umstrittenen Mahnmalsenthüllung. Eine Wand mit den Fotografien mehrerer ermordeter amerikanischer Bomberpiloten sowie eine Inschrift weisen auf ein Verbrechen hin, das sich vor 60 Jahren, am 26. August 1944, in dieser Straße zugetragen hatte. Acht Soldaten waren zwei Tage zuvor mit ihrem Bomber bei Osnabrück abgeschossen worden. Auf dem Weg in ein Gefangenenlager im hessischen Oberursel kamen sie durch das gerade von der britischen Luftwaffe zerstörte Rüsselsheim. Nachdem zwei aufgebrachte Frauen „Schlagt sie tot!“ schrien, bildete sich ein hundertköpfige Gruppe aus Bürgern, Hausfrauen, Opel-Arbeitern, die die Kriegsgefangenen durch den Ort hetzten. An einer Backsteinmauer brachen die acht unter den Schlägen zusammen. Ein Gestapo-Mann schoß vier der bald leblosen Amerikaner schließlich in den Kopf. Zwei der Soldaten überlebten, weil sie sich tot stellten, und konnten fliehen. Nach Kriegsende wurden einige der Mörder vor Gericht gestellt: Es gab fünf Todesurteile und fünf lange Haftstrafen für das Verbrechen. Die Diplom-Soziologin Dagmar Eichhorn, ehemalige von den Grünen ernannte ehrenamtliche Stadträtin und Geschäftsführerin der Forschungsgesellschaft „forum urbanum“, ist die maßgebliche Initiatorin des Rüsselsheimer Mahnmals und kann sich in der Überzeugung sonnen, eine angebliche Mauer des Schweigens gebrochen zu haben. „Man hat 57 Jahre lang nicht darüber sprechen können“, erklärte Eichhorn. Doch dann habe dank ihres Engagements die Aufarbeitung begonnen. Die städtischen Parteien überließen schließlich einer Initiativgruppe aus neun Personen die Planung eines Mahnmals. Alternative Vorschläge wurden eingereicht Die Evangelische Regionalverwaltung rief zu Spenden auf. Überhaupt wurde die Initiative durch viele Theologen unterstützt. Zur Errichtung des Mahnmals sammelte Eichhorns Initiative insgesamt 18.000 Euro an Spendengeldern, 12.000 Euro legte die Stadt drauf. Eichhorn geriet mit ihrem Engagement allerdings zwischen die Fronten des geschichtspolitischen Diskurses. Um die Inschrift entbrannte ein Streit. Einige Kritiker bemerkten, daß der Hinweis auf deutsche Bombenopfer und die erfolgte juristische Bestrafung der Täter fehle, andere bemängelten, daß Eichhorn eine Formulierung von „nächtlichem Bombenterror“ gebraucht hatte. Dies relativiere die Bluttat der Rüsselsheimer Bürger. Dritte störten sich an sprachlichen Ungenauigkeiten. Überhaupt wurde die nicht ausreichende öffentliche Diskussion über den Text thematisiert. Kritiker reichten zwei Alternativvorschläge ein. Ein Vorschlag des örtlich kulturell engagierten Ehepaars Sigrid und Hans Roes gestaltete den Text allgemeingültiger, erwähnte die gelynchten Soldaten ebenso wie Bombenopfer. Ein Vorschlag von Steffen Jobst, Herausgeber des Stadtmagazins M 55, erwähnte ebenfalls die Opfer des Bombenangriffs, bemühte sich allerdings um sehr genaue Darstellung aller historischer Fakten. Auf diese Weise wollte man differenziert auf die Tragik eingehen, daß in Rüsselsheim Opfer zu Tätern und Täter zu Opfern wurden. Eichhorn sperrte sich anfänglich gegen jede Änderung. Kritiker warfen ihr deshalb „Profilneurose“ vor. Die Planung sei für Veränderungen zu weit fortgeschritten, erklärte sie, um dann plötzlich in letzter Minute doch noch einen durch einen Theologen überarbeiteten Entwurf zu präsentieren. Nun wurden einige verbale Stolpersteine beseitigt, unter anderem wurde aus der Begriffskreation „Menschheitlichkeit“ eine schlichte „Menschlichkeit“, auch wurde der „Bombenterror“ zu einem „Luftangriff“ ohne Erwähnung der Opfer abgeschwächt. Ein Grüppchen von rund 20 ausgewählten Personen bestimmte letztlich den Text des Mahnmals und nahm ihn an. Martin Schlappner von der mittragenden Gruppe „26. August 1944. Erinnerungen“ rief zwar in einer Ansprache zur Textentscheidung an die 198 Frauen und Männer, die in der Bombennacht zum 26. August 1944 ums Leben kamen, ins Gedächtnis, aber er stellte klar, wo Marginalisierung einzusetzen habe: „Die Diskussion der letzten Tage hat auch den Gedanken laut werden lassen, ob man nicht einseitig den Deutschen die schlimmen Ereignisse des letzten Krieges aufbürde. Schließlich hätten die Kriegsgegner der Deutschen auch schlimme Taten begangen. Ich muß diesen Gedanken ganz eindeutig zurückweisen. Verursacher dieses Krieges war das verbrecherische System der Nationalsozialisten. Sie haben nahezu allen unseren Nachbarvölkern den Krieg ins Land gebracht. So sind auch die Amerikaner nicht freiwillig in den Krieg gezogen. Nein, sie haben mit dafür gesorgt, daß wir in Deutschland und in Europa in Freiheit leben.“ Und weiter: „Die 50 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges sind das Ergebnis nationalsozialistischer Machtpolitik. Deshalb ist es auch unzulässig, die einen Taten mit den anderen aufzurechnen. Die Erinnerungen an das geschehene Unrecht während des Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg mögen den Blick für innere und äußere Gefahren schärfen, die auch heute noch drohen.“ Es entstehen merkwürdige Stilblüten Die Presse griff Eichhorns Initiative positiv auf. Dabei kam es auch zu merkwürdigen Stilblüten. Eine seltsam-pathetische Heldenverehrung für Haigus Tufenkjian, ein Opfer der Gewalttat, verbreitete im Internet der von dem katholischen Theologen Christoph Münz geleitete christlich-jüdische und deutsch-israelische Infodienst Compass: „Auf eigentümliche Weise mischen sich Stolz und Unsicherheit im Lächeln des jungen Mannes. Auf seinem Kopf sitzen eine Fliegerhaube und eine Brille. Haigus Tufenkjian wird als Pilot in den Krieg ziehen, und er kann – wie sieben weitere junge Amerikaner – damals nicht wissen, was ihn in Rüsselsheim erwartet. Vermutlich kennt, als sie tapfer in die Objektive schauen, keiner von ihnen die deutsche Stadt, die ihr Schicksal wird. Sechs von acht amerikanischen Fliegern werden dort am 26. August 1944 von einer aufgebrachten Meute gelyncht. Tufenkjian ist eines der Opfer. Die Soziologin Dagmar Eichhorn kämpft seit Jahren gegen das Vergessen dieses unrühmlichen Teils der Stadtgeschichte …“ Nun steht in der Straße des Lynchmords eine vier Meter breite Klinkermauer. Auf der Rückseite sind die Porträts der Opfer eingefräst, an den Schmalseiten ist eine Inschrift in deutsch und englisch angebracht. Zur Enthüllung mit Cello-Musik in Moll-Akkorden war auch der überlebende Sidney Brown anwesend. Bereits bei früheren Treffen mit ihm hätten „wir alle Tränen in den Augen“ gehabt, berichtete Schlappner. Auch bei der Feier seien zahlreichen Anwesenden die Tränen gekommen. Suchen Besucher nach einem Gedenken an die Bombenopfer Rüsselsheims, so werden sie infolge der Marginalisierung auf den entfernten Waldfriedhof verwiesen. Irgendwo dort solle es auch irgendeinen Gedenkort geben. Foto: Mahnmal für acht US-Bomberpiloten in Rüsselsheim: Der 79jährige Überlebende Sidney Brown kniet am 26. August neben seinem Porträt, das ihn als als Soldat im Zweiten Weltkrieg zeigt

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