Joachim Kuhs

 

Die Stunde der Europäer

Die Jagd auf Ausländer in Saudi-Arabien geht weiter“, titelten die Agenturen, als ein US-Bürger mit neun Schüssen vor seinem Haus in Riad ermordet wurde. Diese Jagd hat jetzt mit der Enthauptung des von islamischen Extremisten verschleppten US-Bürgers Paul Johnson einen traurigen Höhepunkt erreicht. Die verantwortliche angebliche al-Qaida-Gruppe in Saudi-Arabien erklärte, Johnson sei entführt worden, weil dessen Arbeitgeber, der US-Konzern Lockheed-Martin, Apache-Hubschrauber baue, mit denen Glaubensbrüder in Palästina und Afghanistan angegriffen würden. Mit der Entführung Johnsons sollten in Saudi-Arabien inhaftierte al-Qaida-Mitglieder freigepreßt werden. Zuvor hatten Islamisten einen BBC-Kameramann erschossen und einen Reporter schwer verletzt. Seit den verheerenden Sprengstoffanschlägen in Riad, mit denen islamistische Terroristen Mitte Mai signalisierten, daß auch Saudi-Arabien als Kampfzone angesehen wird, ist der Wüstenstaat speziell für Anglo-Amerikaner zu einem heißen Pflaster geworden. Hier und da stand in Anspielung auf den hohen Anteil von saudischen Staatsbürgern an den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zu lesen, daß der Terror „heimgekehrt“ sei. Diese Feststellung übersieht, daß es bereits Jahre zuvor immer wieder Anschläge im saudischen Königreich gab. So starben 1996 bei einem Anschlag auf einen US-Militärkomplex in Al Chobar 19 US-Bürger. Doch das Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und den USA ist spätestens seit dem Irak-Krieg zerrüttet. Prinz Talal, Mitglied des Herrscherhauses, und laut Spiegel (22/04) „enger, wenngleich inoffizieller Berater des Kronprinzen“, erklärte gegenüber dem Hamburger Magazin, die USA müßten wissen, „daß ihre arrogante Besatzung“ und ihre „einseitig proisraelische Politik“ zu „noch mehr Terrorismus“ führten. US-Doppelmoral bei Atomwaffenprogrammen Den USA wird vor allem ihre Doppelmoral übelgenommen. Während etwa gegen Pakistan aufgrund seines Atomwaffenprogramms ein Embargo verhängt wurde, kann Israel, das längst im Besitz von Atomwaffen ist, gegen alle Atomwaffensperrverträge verstoßen und wird obendrein noch von den USA wirtschaftlich und finanziell unterstützt. „Wir glauben“, so kritisierte Prinz Talal weiter, daß es den Amerikanern beim Irak-Feldzug nur um den „Zugriff auf die Ölfelder“ gegangen sei. Deshalb sei jetzt die „Stunde der Europäer“ gekommen, sowohl „geschäftlich“ als auch „politisch“. Der Irak-Feldzug der Regierung von US-Präsident George W. Bush hat die Lage für das saudi-arabische Herrscherhaus weiter verschärft. Der bei Al Kharj gelegene US-Luftwaffenstützpunkt „Prinz Sultan“, mit dem die Amerikaner den gesamten Mittleren Osten überwachen können, darf für offensive Operationen nicht mehr benutzt werden. Das gleiche gilt für die rund 6.000 dauerhaft in Saudi-Arabien stationierten US-Soldaten. Das Herrscherhaus Saud wagt nicht mehr, den USA bei einem Krieg gegen einen islamischen „Bruderstaat“ Unterstützung zu leisten. Dies hängt auch mit der wachsenden Entfremdung zwischen der Saud-Dynastie und der eigenen – stark wachsenden – Bevölkerung zusammen. Diese Entfremdung hat ihren Grund vor allem in dem rasanten wirtschaftlichen Abstieg des Landes. So ist das Pro-Kopf-Einkommen der über 21 Millionen Saudis zwischen 1981 und 1998 von 16.650 auf 6.250 US-Dollar gefallen. Ein Fünftel der 20- bis 29jährigen saudischen Männer ist ohne Arbeit. Diese Zahl muß im Zusammenhang mit jenen 57 Prozent der Saudis gesehen werden, die unter 19 Jahre alt sind. Die Hamburger Zeit warnte schon am 27. September 2001 davor, daß die ölreichste Region der Erde „zum Paria der Globalisierung“ zu werden drohe. Die Armut immer größerer Teile der Bevölkerung steht in diametralem Kontrast zum Luxus des Königshauses, das in den Augen vieler Saudis vor allem eines repräsentiert: nämlich schamlose Bereicherung. Dies bietet einen idealen Nährboden für Islamisten – und die Schar der Bin-Laden-Anhänger nimmt weiter zu. König und Islamisten sind Anhänger des Wahhabismus Daran ändern auch die gemeinsamen radikalislamisch-wahhabitischen Wurzeln nichts, die Osama bin Laden und viele seiner Mitstreiter mit dem saudischen Herrscherhaus verbinden. Es ist dieser Wahhabismus, der die saudischen Prinzen motiviert hat, Moscheen und Schulen zu fördern, „die Askese und Terror gegen Andersdenkende predigten“ (Spiegel 22/04). Fred Schmidt und Conrad Schuhler wiesen in einer Untersuchung für das Institut für sozialökologische Wirtschaftsforschung darauf hin (ISW-Spezial Nr. 15), daß es nicht in der Logik der US-Außenpolitik liege, von der Bevölkerung getragene Bewegungen zu unterstützen, die gegen arabische Feudalregime gerichtet sind, seien diese nun „säkular-demokratischen“ oder „fundamentalistischen“ Charakters. Die USA duldeten „keine politische Macht“, die in der Ölfrage „als nationaler Souverän“ auftrete. Der Iran, der sich „erkennbar“ dem Westen zuneigte, werde deshalb immer noch als „Schurkenstaat“ klassifiziert. Die Amerikaner wollten „Satrapen, keine Partner“, mit denen sie nach „ganz neuen Maßstäben“ teilen müßten. Auch deshalb werde der „fundamentalistische Islam“, der auf der „Nutzung der Bodenschätze zum eigenen Gebrauch“ bestehe, seitens der USA „zur Mutter des Terrors“ erkoren. Entsprechend unterschieden die USA zwischen einem „guten“ und einem „bösen“ Islam. Der „gute Islam“: das seien die Regime, die den Amerikanern „im Namen Allahs“ zur Seite stünden, also die Könige, Emire und Scheichs der Golf-Region. Deren immer offensichtlicher werdende Legitimationskrise schaffe eine Lage, „in der sie (die USA) jederzeit unter Hinweis auf terroristische Gefahren … militärisch eingreifen könnten“. Dieser Hintergrund verleiht Bushs Bemerkung, daß der Krieg gegen den Terror möglicherweise Jahrzehnte dauern könnte, ihren tieferen Sinn. Schmidt und Schuhler schlußfolgern deshalb, daß der Dritte Weltkrieg „in Form der permanenten militärischen Intervention“ stattfinden werde.

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