Joachim Kuhs

 

„Steirermen san very good for Hollywood“

Unter den Liedern, die dieser Tage in der heimatlichen Steiermark zu Ehren des Arnold Alois Schwarzenegger gesungen wurden, fand sich ein schon 1992 auf Platte erschienener Schlager des Stoakogler Trio, den jetzt – angeführt vom steirischen Landeshauptmann Waltraud Klasnic – die Angehörigen der lokalen Politprominenz und sonstigen Society unisono sangen: "Steirermen san very good, very, very good for Hollywood, Arnold und sein‘ Muskelschmäh kennen’s drüb’n in USA. Steirermen san very good, very, very good for Hollywood, Muskeln, Schönheit und a Hirn, des kannst exportier’n!"

Es fehlte allerdings ein anderer Gassenhauer, der 1988 ebenfalls recht populär war. Das Lied "Copacabana" stammt von der Popgruppe Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV) und beginnt mit den frechen Worten: "Ich bin eine Mischung, die ist ziemlich lecker, aus Albert Einstein und Arnold Schwarzenegger. So weit, so gut, doch das Dumme ist nur: Ich hab Schwarzeneggers Hirn und von Einstein die Figur."

In Österreich hat der Wahlsieg des "Terminators" und einstigen Bodybuilders bei den kalifornischen Gouverneurswahlen eine wahre "Schwarzenegger-Mania" ausgelöst, wobei sich besonders die etablierten Politiker an ihren Freund "Arnie" hängten und versuchten, aus seinem Sieg Kapital für sich zu schlagen. Österreichs Bundespräsident Thomas Klestil sagte, er spreche im Namen aller Österreicher. "Wir sind stolz auf dich", lautete die Botschaft – wobei das Staatsoberhaupt zu erkennen gab, er stehe mit "Arnie" sogar auf Duzfuß.

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) zeigte sich überzeugt, daß der steirische Austro-Amerikaner seine Wahlheimat Kalifornien aus der Krise führen werde. Seine Parteifreundin Waltraud Klasnic – die ihre Gesangskünste jetzt sogar auf einer CD verewigen ließ – meinte, in Kalifornien wie in der Steiermark seien jetzt zwei Steirer "Gouverneure" (mit dem zweiten meinte sie sich selbst). Und das heiße – in Anspielung auf jüngste amerikanische Blackouts -, daß in beiden Ländern niemals das Licht ausgehen werde.

Sogar der um sein politisches Überleben kämpfende und ziemlich angeschlagene Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider (FPÖ) sprach von einer "Aufwertung der Österreicher im Ausland" und vergaß nicht zu bemerken, er sei schon mehrfach drüben im Hause Schwarzenegger zu Gast gewesen.

Allerdings sind die Beziehungen zwischen "Arnie" und "Jörgl" nicht ganz durchsichtig. Der "Terminator" hatte seinerzeit die Reden Haiders als "dumme Sprüche" charakterisiert. Und auch jetzt ist unklar, wie die beiden zueinander stehen. Während Haider sich als eine Art Parallelgestalt zu Schwarzenegger sieht – auch er war ja seinerzeit unter der Parole aufgetreten, das Land zu säubern oder gar auszumisten, man denke jetzt an "Arnies" im Wahlkampf publikumswirksamen präsentierten Besenstiel -, will die Kärntner SPÖ den bevorstehenden Landtagswahlkampf im Geiste Schwarzeneggers dazu benutzen, um Haider in die Wüste zu schicken.

So ist Schwarzenegger "immer und überall" (EAV). Den etablierten Politikern ist offenbar nicht ganz klar geworden, daß Schwarzeneggers Triumph für sie ein Menetekel bedeutet: Auch in den USA haben viele Menschen einfach genug von der politischen Klasse oder Kaste. Um die etablierten Politiker loszuwerden, ist man sogar bereit, einen "Show-Man" zu wählen – jemanden, der leinwandwirksam zu agieren vermag, auch wenn man natürlich nicht weiß, ob er überhaupt die notwendigen Führungsqualitäten aufbringen kann.

Das Groteske daran ist, daß auch Schwarzenegger zutiefst mit jener Welt der Etablierten, der beautiful people, der Arrivierten und Reichen verbandelt ist, die ja eigentlich die heutige allgemeine Misere der westlichen Welt mit verursacht hat. Allein die Herkunft seiner Frau aus dem Kennedy-Clan zeigt, daß "Arnie" keineswegs ein Konservativer ist: der neue Gouverneur und alte Terminator ist für die Freiheit der Abtreibung, für die Homo-Ehen, übrigens auch für die Todesstrafe – womit er sich im Widerspruch zu grundlegenden EU-Rechtsnormen befindet.Nur wenige seiner Alt-Landsleute fanden im Augenblick seiner Wahl kritische Worte. Der 81jährige Krone-Kolumnist und Ex-Sozialdemokrat Günther Nenning meinte, er habe sich den "Terminator" im Film angeschaut – aber nur zehn Minuten, denn länger habe er es nicht ausgehalten.

Doch die Kronen Zeitung hatte – trotz schwelender Konflikte mit dem deutschen WAZ-Konzern um die Machtübernahme im Blatt – wieder einmal ihr Ohr am Puls der Massen: "Die Deutschen beneiden uns um unseren Arnold!" Die wunde österreichische Seele, oft geschunden, EU-boykottiert und vom großen deutschen Bruder im Stich gelassen, hatte endlich jemanden, an dem sie sich emporranken konnte.

Bilder aus Graz und der Grünen Mark in den USA

Balsam war für sie die Schlagzeile von Bild: "Brauchen wir auch so einen?" – denn statt "Blabla" spreche Schwarzenegger "Klartext". Die zum Teil abstrusen Verrenkungen im Zusammenhang mit "Arnie" sind nur zu verstehen aus den Komplexen, den der "Kleine" unwillkürlich gegenüber den "Großen" hat. Schwarzenegger stammt aus der Steiermark – jenem österreichischen Land, das sich seit alters her in einer gewissen Kontraposition zu Wien sieht.

Sein Vater war ein kleiner Landgendarm – was dem Sohn in einer Weise, die an Sippenhaftung erinnerte, den Vorwurf einbrachte, Schwarzenegger senior sei direkt oder indirekt am Holocaust beteiligt. Interessant ist, daß dieser Vorwurf schlagartig fallengelassen wurde und daß er für die politischen Gegner ebensowenig zugkräftig war wie die Beschuldigung des "Grapschens" und anderer "sexistischer" Verfehlungen. Der Stolz über den Erfolg des Landsmanns vollzieht sich also auf mehreren Stufen – einmal als steirisches Lokalereignis, wo im Friseursalon einer Verwandten in ländlicher Umgebung biedere Hausfrauen die Sektkorken auf den großen Arnie knallen ließen: Wir Steirer sind also doch nicht die letzten!

Auf der nächsten Stufe die Befriedigung darüber, daß das kleine Österreich plötzlich (für 24 Stunden) in den Weltmedien eine solche Rolle spielte: Sogar ein CNN-Reporter brachte im Zusammenhang mit "Arnies" Wahl Bilder aus Graz und der "Grünen Mark". Endlich war man wieder jemand! Ob all dem eine nachhaltige Wirksamkeit beschieden ist, bleibt eine andere Frage. Vielleicht wird auch der "Terminator" in seiner Gouverneursrolle verglühen wie ein Komet.

Wahrscheinlich wird die Enttäuschung bei seinen amerikanischen Wählern nicht ausbleiben, die plötzlich erkennen, daß in diesem herrschenden System ein Einzelner – und sei er noch so ein Terminator – nichts ausrichten kann. Was aber bleibt, ist die Tatsache, daß für hohe politische Ämter heute in erster Linie Schlagfertigkeit und gutes Aussehen verlangt werden. Die Welt will betrogen sein, sagten die alten Lateiner.

Auch von Arnold weiß man nicht, ob er die Lösung oder aber auch nur ein Teil dieses (scheinbar unlösbaren) Problems sein wird. Die Gouverneurskarriere des Ex-Ringers Jesse Ventura sollte "Arnie" ein warnendes Beispiel sein. 1998 zum Gouverneur des US-Bundesstaates Minnesota gewählt, schaffte es "The Body" innerhalb von vier Jahren, seinen Kredit bei den Wählern restlos zu verspielen.

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