Zwischen Gassen und Glamour

Bob Montagnet (Nick Nolte) ist ein etwas heruntergekommener amerikanischer Glücksspieler und Gelegenheitsdieb, drogenabhängig zudem, den es auf seine alten Tage an die Cote d’Azur verschlagen hat. Dort lebt er im Zwielicht von Bars und Clubs, inmitten einer Halbwelt aus Ganoven, Dealern und Huren. Seine Pechsträhne – vor allem bei fehlgeschlagenen Pferdewetten -, die ihn in finanzielle Bedrängnis geraten ließ, möchte er durch einen klug ausgetüftelten Coup beenden. Nachdem er sich auf brachiale Weise „clean“ geschwitzt hat, stellt er gemeinsam mit seinem Freund Raoul (Gérard Darmon) und dem Sicherheitsexperten Vladimir (Emir Kusturica) ein Team zusammen, mit dem er das Casino von Monte Carlo berauben will. Durch Informanten läßt er verbreiten, daß man Tresor des Casinos zu knacken gedenke. Doch dieses Ablenkungsmanöver soll vor allem dazu dienen, die Bob ständig observierende Polizei mit ihrem Chef Roger (Tcheky Karyo) zu täuschen. In Wirklichkeit gilt der Coup den im Casino aufgehängten Ölgemälden großer Künstler, allerdings nicht den in den Casinohallen offen sichtbaren Stücken – das sind nur Duplikate -, sondern den in einem Sondergebäude gesicherten Originalen. Die Geschehnisse verwirren und überschlagen sich. Ein Transsexueller läßt eine Gasleitung explodieren, ein kriminelles Zwillingspaar nimmt sich doch des Casino-Safes an, und eine laszive junge bosnische Hure (gespielt von der 20jährigen Georgierin Nutsa Khukianidze) schenkt Bob überraschend sein altes Spielerglück zurück. Furios präsentiert sich der dreizehnte Film von Regisseur und Autor Neil Jordan („Zeit der Wölfe“, „Interview mit einem Vampir“). Komplett in Südfrankreich produziert, führt er den Zuschauer in die bezaubernde Landschaft der französischen Riviera, in düstere Gassen Nizzas und die Glamourwelt von Monte Carlo. Für das in die Gegenwart transportierte Remake von Jean-Pierre Melvilles Thriller „Bob le Flambeur“ (dt. „Drei Uhr nachts“) von 1955 entwarf Jordan die Idee zweier paralleler Raubzüge, von denen einer nur vom anderen ablenken sollte. Dabei spielt er immer wieder mit der Verwirrung zwischen Kopie und Original: Bob lebt in einem Frankreich, das in dieser Form eigentlich nur als Abbild seiner Phantasie existiert. Auch er selber stellt im Grunde eine Fälschung dar, indem er seine Vergangenheit anhand von phantastischen Erzählungen ständig neu erfindet. Sein Vorbild ist Pablo Picasso, den er als größten Ideendieb der Kunstgeschichte bewundert. Bob hält ein Gemälde Picassos in seinem Besitz, das er angeblich bei einer Wette mit dem Meister gewonnen habe. Doch das Kunstwerk erweist sich nach erfolgter Verpfändung ebenso als Fälschung wie das Seemannsgarn des Gauners, der sogleich mit einer neuen Geschichte aufzuwarten versteht, als er enttarnt wird. Jordan ist ein bemerkenswerter Film gelungen, der sich hinter dem Melville-Klassiker nicht zu verstecken braucht. Durch rasante Schnitte, Retro-Anklänge und schräge Charaktere, gespielt von durchwegs hochkarätig agierenden Schauspielern, ist ein bezauberndes Werk entstanden, angesiedelt zwischen unterhaltsamem Sozialdrama und klassischem Gaunerfilm. Foto: Bob Montagnet (Nick Nolte), Freundin (Nutsa Khukianidze)

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