Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Der Ziehsohn

CSU-Generalsekretär zu werden heißt, auf der politischen Karriereleiter endlich die wichtigen Sprossen erreicht zu haben. Das dürfte der 36jährige Markus Söder, Nachfolger von Thomas Goppel im wichtigsten CSU-Parteiamt nach dem von Edmund Stoiber, genauso sehen. Doch Söder übernimmt von dem ins bayerische Kabinett zurückgewechselten Goppel ein schweres Erbe: Der Erfolg im Amt des Generalsekretärs ist nach dem Gewinn der Zwei-Drittel-Mehrheit praktisch nicht mehr zu toppen. Söder wird bei künftigen Wahlergebnissen — das steht heute schon fest — Verluste zu erklären haben, auch wenn die CSU von einem Niveau kommt, das selbst die SPD zu ihren besten Zeiten im Ruhrgebiet selten erreichte.

Söder gilt als Stoibers „Ziehsohn“. Der CSU-Chef soll gesagt haben, daß er sich in dem Nachwuchspolitiker, der in den vergangenen acht Jahren Landeschef der Jungen Union war, selbst wiedererkennen könne. Genauso wie der junge Stoiber gilt Söder als politischer Draufgängertyp, als Mann mit schneller Zunge, der gekonnt Standpunkte mitteilen kann. Der gebürtige Nürnberger baute seine Karriere zielstrebig auf. Bereits mit 16 Jahren trat er in die CSU ein, absolvierte ein juristisches Studium mit Promotion und war außerdem beim Bayerischen Fernsehen tätig. Daher kennt Söder die Medienwelt. Und das ist seine Welt, was Stoiber besonders schätzt.

CSU-Politiker, die nicht im Bundestag sind, haben den Nachteil, daß sie außerhalb der bayerischen Grenzen kaum wahrgenommen werden. Söder zeigte bereits als JU-Landeschef und Vorsitzender der CSU-Medienkommission, daß es auch anders geht. Als zum Beispiel der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB) die beliebte und noch aus DDR-Zeiten stammende Kindersendung „Sandmännchen“ einstellen wollte, bot Söder dem DDR-Sandmännchen Asyl beim Bayerischen Fernsehen an. Die Schlagzeilen waren ihm sicher. Söder soll für Stoiber die publizistische Allzweckwaffe sein. In Fernsehsendungen setzt sich der Generalsekretär mit Behendigkeit gegen Mitredner durch. Traditionelle CSU-Politiker halten Söder daher für vorlaut.

Eine andere Frage ist, ob es dem Jungpolitiker gelingt, in puncto Parteiarbeit in die Fußstapfen seines Vorgängers zu treten. Goppel hatte sich in den letzten Jahren zu einer Vaterfigur entwickelt. An der Basis war er legendär — auch ein Grund für Stoiber, Goppel abzulösen und im Kabinett besser unter Kontrolle zu haben.

Einen Fehler, der die Sprosse der Karriereleiter fast hätte brechen lassen, hat Söder dennoch gemacht. Nachdem er das Versprechen, Generalsekretär zu werden, in der Tasche hatte, zog er es auf dem letzten Parteitag vor, für kein weiteres Amt zu kandidieren. Das nahm ihm Stoiber übel, denn in den Augen des Chefs muß sich ein Politiker ständig den Wählern stellen. Beinahe wäre Söder „nur“ Staatssekretär geworden. Doch einen besseren Nachfolger für Goppel konnte Stoiber dann doch nicht finden.

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