Schwieriger Wechsel auf dem Hradschin Carl Gustaf Ströhm

Als sich Václav Havel letzte Woche als tschechischer Staats-präsident verabschiedete und die Wahl eines Nachfolgers auch im dritten Anlauf mißlang, kam mir eine unvergeßliche Szene in den Sinn. Es war Mitte der achtziger Jahre, als ich den damaligen Wiener Außenminister Alois Mock bei einer Prag-Visite begleitete. Dort waren damals die Betonköpfe des tschechoslowakischen Kommunismus an der Macht – und niemand, die KP-Nomenklatura am allerwenigsten, ahnte, daß ihre Tage gezählt waren. Da beschloß Mock, abseits vom Protokoll, den moralischen Führer der Opposition – den Dramatiker Havel, zum Frühstück in die österreichische Botschaft zu bitten. Auf verschlungenen Pfaden wurde die Einladung übermittelt – und so sahen wir ihn kurz vor acht Uhr morgens behutsam entlang der Mauer der österreichischen Residenz mit eingezogenen Schultern daherkommen und durch eine Seitentür das Gebäude betreten. Sein Botschaftsfrühstück verursachte in Mocks Begleitung erhebliche Aufregung. Um Gottes willen, hörte man da, was fällt dem Minister ein – das könnte ja die Herrschenden so beleidigen, daß sie die guten Geschäftsbeziehungen zu Österreich abbrechen! Nichts dergleichen geschah – und wenige Jahre später kam es zu einer zweiten Begegnung zwischen Havel und Mock. Diesmal war Havel nicht mehr der geprügelte Dissident, der berichtete, er trage stets ein Handtuch, ein Stück Seife, eine Schachtel Zigaretten und Toilettenpapier mit sich: denn das seien Dinge, die man im Falle einer plötzlichen Verhaftung am dringendsten im Gefängnis benötige. Diesmal war Havel Staatsoberhaupt – und nun mußte Mock warten, bis die vergoldeten Türen im Hradschin sich öffneten und sein Gastgeber erschien. Nichts hätte die Dramatik der Wende deutlicher demonstrieren können, als diese Szene. Zwei Amtsperioden lang hat es Havel, der Schriftsteller und Intellektuelle, in der Prager Burg ausgehalten. Jetzt, da er geht, ist er weltweit anerkannt: ein Denker in der Politik, dazu noch eine moralische Instanz – eine Seltenheit in der modernen Massendemokratie. Und doch liegt eine gewisse Melancholie über dem Prag der nun beginnenden Nach-Havel-Ära. Allein die Tatsache, daß sich die Mehrheit der Prager Parlamentarier und Senatoren zunächst nicht auf einen Nachfolger einigen konnte – und jetzt am 24. Januar wahrscheinlich auch weder der sozialdemokratische Ex-Premier Milos Zeman noch sein rechtsliberaler Amtsvorgänger Václav Klaus eine Mehrheit bekommt – ist ein bedenkliches Symptom: die postkommunistischen Staaten Mittel- und Osteuropas könnten in eine Ära der Unregierbarkeit und Instabilität hineinschlittern. Von seinen hohen moralischen Ansprüchen hat Havel nur wenige in seiner Amtszeit verwirklichen können. Er wurde mit dem Alltag konfrontiert: Intrigen, Korruption. Er selber mußte sich immer wieder an die oft traurige politische Realität anpassen. Ein Beispiel dafür ist sein Herangehen an die sudetendeutsche Frage. Ganz am Anfang seiner Amtszeit wagte er es, die Vertreibung der Deutschen 1945 ein „unmoralisches Unrecht“ zu nennen. Proteste seiner Landsleute und Anhänger, die heute noch mehrheitlich der Meinung sind, die Vertreibung der Deutschen sei notwendig und rechtens gewesen, brachten ihn bald auf den Boden der Tatsachen zurück. Havel war (und ist) eine bedeutende Gestalt. Aber sein Lebenswerk bleibt unvollendet. Seine wirklich große Zeit war vielleicht doch jene, als er als gejagter Dissident die Hauswände entlangschlich.

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