Joachim Kuhs

 

Pressburger Impressionen Carl Gustaf Ströhm

Während des Kalten Krieges waren den meisten Wienern exotische Ziele geläufiger als die slowakische Hauptstadt Preßburg, obwohl diese nur 50 Kilometer entfernt liegt. Als ich in jener Zeit einmal mit der Eisenbahn vom Bahnhof Bratislava hlavná stanica nach Wien zurückfuhr, war der Zug leer, außer mir und einem Kollegen wollte (oder konnte) niemand den „Eisernen Vorhang“ in Richtung Westen überschreiten. CSSR-Grenzer überprüften langwierig und mißtrauisch Paß und Visum. Dann setzte sich der gespenstische Zug in Bewegung. Devínska Nová Ves (Theben-Neudorf) las man auf einer schlecht beleuchteten Tafel. Die Grenzpolizisten stiegen aus, draußen standen schwerbewaffnete Wächter um unseren Zug, der nur aus zwei alten Waggons bestand. Endloses Warten – endlich rattern wir über den Grenzfluß March. Dann kommt Marchegg, die erste österreichische Station. Wie ein Bleigewicht fiel die Anspannung von uns ab. Der „Westen“ zeigte sich uns in Gestalt freundlicher, grauhaariger österreichischer Zollbeamter. Es war, als hätten wir eine Weltreise hinter uns. Dieser Tage reiste ich erneut per Bahn nach Preßburg. Der Zug bestand jetzt aus einem halben Dutzend Waggons, die gut besetzt waren. Slowaken und Österreicher, viele Frauen mit Kleinkindern und Einkaufstaschen. In Marchegg, dessen verlassener Bahnhof einst das Ende der einen und den Beginn der „Zweiten Welt“ markierte, steigen die österreichischen Beamten aus. Es sind nicht mehr die gemütlichen Zöllner von damals, sondern drahtige junge Kerle mit kahlgeschorenem Schädel, die Handschellen sichtbar am Koppel befestigt. Die Grenze ist offen, aber keineswegs harmlos geworden. Besonders sorgfältig kontrollieren sie ein Pärchen mit Kleinkind: Sie ist eine glutäugige Schönheit mit langem, pechschwarzen Haar, er dem Aussehen nach ein Typ aus dem „Milieu“ – früher hätte man Zigeuner gesagt. Schließlich dürfen sie weiterreisen. Auch die Kontrolleure auf der slowakischen Seite haben sich gewandelt: die Uniformen sind olivgrün und erinnern an die amerikanischer Sheriffs. EU-Pässe werden nur flüchtig überprüft. Unter den slowakischen Grenzwächtern sieht man junge Frauen, die Uniformhosen hauteng und die Haare tizianrot gefärbt. Als ich in Preßburg meinem Gesprächspartner gegenübersitze, dem slowakischen Christdemokraten Ján Carnogursky, fällt mein Blick durchs Fenster auf eine große Reklametafel mit der Inschrift „West“. Gemeint ist eine Zigarettenmarke – aber der Symbolgehalt ist unverkennbar: die Slowaken sind im Westen angekommen. Wo einst im Stadtzentrum eine sowjetische Buchhandlung residierte, ist jetzt ein Luxusgeschäft. Viele Fassaden sind renoviert. Das im Jugendstil erbaute Hotel Carlton wurde von innen ausgeweidet und in einen westlich-amerikanischen Nobelschuppen verwandelt. Fast nostalgisch denke ich an die frühen sechziger Jahre, als ich hier der einzige westliche Gast war und mir ein alter Ober sagte: „Ich habe während der großen Weltwirtschaftskrise erlebt, wie sich der Besitzer erschossen hat. Ich habe für den Präsidenten Jozef Tiso serviert. Im April 1945 habe ich den deutschen Offizieren das Mittagessen aufgetischt. Und am nächsten Morgen habe ich bereits dem sowjetischen General das Frühstück hergerichtet.“ Das waren Menschenschicksale im Mitteleuropa des 20. Jahrhunderts. Die Touristenscharen, die durch die renovierte, aber leider auch kommerzialisierte Preßburger Altstadt schlendern, wissen von all dem kaum noch etwas.

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