Joachim Kuhs

 

Neues aus der Desinformationsgesellschaft

Vergangenes Wochenende veranstaltete die Münchner Burschenschaft Danubia die 21. Bogenhausener Gespräche, die sich mit "Moral und Gesellschaft" beschäftigten. Der erste Referent, Günter Zehm, der sich in den letzten Jahrzehnten nicht nur durch seine wöchentlichen Pankraz-Kolumnen im konservativen Lager einen Namen gemacht hat, beleuchtete die Bedeutung von Moral und Gesellschaft unter dem Blickwinkel der deutschen Problemlage. Hierbei bezog er sich auf Max Weber und zeigte die Unterschiede zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik auf. Erstere stehe bei uns offiziell sehr hoch im Kurs. Es sei leider ein Faktum, so Zehm, daß sich mittlerweile überhaupt kein Politiker mehr für etwas verantwortlich fühle. Aus der politischen sei eine diskutierende Klasse entstanden.

Zehm konstatierte, daß die Politik die Moral abgeschafft habe. Es gebe nur noch Sonntagsredner, die Verantwortungsethik halte man sich geschickt vom Leib. Aber auch die Gesinnungsethik verkomme mittlerweile zur bloßen Christbaumkugel am Tannenbaum. Sie sei nur noch Schmuck in der Bürovase. Indem der emeritierte Jenaer Philosophieprofessor einen Ausspruch von Max Weber aus dem Jahre 1919 zitierte, wonach dieser auf eine Rückkehr der Moral in die Politik insistierte, zeigte er, daß die Problematik von Moral und Politik eine alte ist. Resigniert stellte Zehm fest: "Ich kann das Gefühl der Verachtung der politischen Klasse immer weniger unterdrücken. Die Eliten sind total heruntergekommen. Wir leben in einer Desinformationsgesellschaft des Schwafelns, der Lüge und des Gequatsches!"

Im Anschluß an Zehm ergriff Michael Sika, der ehemalige Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit in Österreich und damit in den 1990er Jahren der höchste Polizeibeamte der Alpenrepublik, das Wort. Er zeigte die "Entwicklungstendenzen moderner Kriminalität – Moral und Vorbildfunktion von Eliten im Staat" auf. Den Kern seiner Ausführungen bildete das Problem der "Organisierten Kriminalität" (OK). Mit dem Fall des "Eisernen Vorhangs" Ende der 1980er Jahre, so Sika, sei die große Welle der Kriminalität nach Österreich gekommen. Heute gebe es die OK in allen Deliktsbereichen. Natürlich könne man im Rahmen der Osterweiterung nicht mit einem Absinken der OK rechnen. Die große Gefahr sei dabei die Geldwäsche, also die Vernetzung der OK mit der ordentlichen Geschäftswelt. In den USA gebe es schon eine Tendenz, wonach Kriminelle mehr aus legalen Geschäften gewinnen als aus illegalen. Die Folge sei eine schleichende Infiltration der OK in die Wirtschafts- und Finanzwelt.

Als Beispiele für praktizierte Geldwäsche in unseren Breiten nannte Sika die vielen China-Restaurants. Allein in Wien existierten 400 solcher Lokale. Davon arbeiteten zirka 40 korrekt, was bedeute, daß diese Schutzgelder zahlten, um von der Mafia unbehelligt zu bleiben. Die restlichen 360 seien reine Geldwäschebetriebe, indem bei der Finanzbehörde hohe Umsätze deklariert würden, obwohl sich kaum Gäste in diese Lokale verirrten. Als weitere Gefahr führte der Referent die Online-Geldwäsche an, die nur in Kooperation mit Bankangestellten und Telekom-Mitarbeitern funktioniere.

Eine gesellschaftliche Erneuerung ist notwendig

Um ein Ausufern der OK zu verhindern, sei eine Erneuerung der Gesellschaft erforderlich. Erst wenn die Menschen weitgehend immun gegen Korruption und Materialismus seien, könne von einem Wandel gesprochen werden. Hierzu müsse die Familie als Keimzelle des Staates ihre alte Bedeutung zurückgewinnen. Dies bedinge wiederum die Wiedererlangung der Vorbildfunktion der Eltern. Da gegenwärtig auch Schule und Kirche etwas "angeknackst" seien, gebe es kaum mehr moralische Instanzen in unserer Gesellschaft, betonte Sika.

Der Jurist Rudolf Willecke widmete sich dem Thema "Die ‚Moral‘ der Frankfurter Schule und ihre Folgen für die Gesellschaft". Brillant klärte der Referent über das gesellschaftszerstörende Werk der Protagonisten der "Frankfurter Schule" auf. Haupttäter sei Max Horkheimer gewesen, der sich mit seiner "historischen Theorie" der Abschaffung jeder Art von Gesellschaft verschrieben habe. Dieser "Marxismus der feinen Leute" (Golo Mann) sei gegen die gesamte bürgerliche Gesellschaft gerichtet gewesen. Ein SPD-Politiker habe daher einmal treffend gesagt: "Die Frankfurter Schule hat die Lufthoheit über Kinderbetten, Lehrstühle und Kirchenbänke errungen!"

Weiter beschäftigte sich Willecke mit dem "atheistischen Theologen" Theodor W. Adorno. Dessen religionsphilosophische These, wonach Gott tot und das Christentum eine Lüge sei, daher auch nicht Gott, sondern der Mensch das höchste Wesen sei, hätte zu einem Paradigmenwechsel geführt. Nicht zuletzt Herbert Marcuses unterschiedliche Gewaltbegriffe seien Nährboden und Legitimation von Gewalt für die 68er-Generation bzw. deren Epigonen gewesen. Außerdem habe der Moralbegriff von Jürgen Habermas das Denken in den 1970er Jahren wesentlich geprägt: "Ich verhalte mich nur so, wie es der andere von mir erwartet." Dies zeuge von einer hedonistischen Moral! So sei es kein Wunder, wenn Habermas den Erfolg der 68er in fünf Schlagworten charakterisiert habe: Entchristlichung und Entinstitutionalisierung der Gesellschaft, Entethisierung des Rechts, Entkriminalisierung des Verbrechens und Entpathologisierung der Krankheit.

Das vierte Referat beschäftigte sich mit "’Schuldstolz‘ statt Wahrheit – Daniel Goldhagens Triumphzug in Deutschland". Der emeritierte Professor für politische Wissenschaft an der Universität Bayreuth, Konrad Löw, widerlegte die These Goldhagens von der breiten Unterstützung für Hitlers Judenpolitik durch das deutsche Volk und die Katholische Kirche anhand von zahlreichen Beispielen. Während in Frankreich, Israel und den USA Goldhagens Bücher als unseriös bezeichnet wurden, hätten diese im deutschen Raum eine nicht nachvollziehbare Würdigung erfahren; man könne sogar von einem Triumphzug sprechen, der nur mit dem deutschen Schuldkomplex zu erklären sei. Es verwundert daher nicht, wenn Löw zu dem Schluß gelangte: Goldhagens Bücher sind indiskutabel.

Referenten unterstreichen akademischen Anspruch

Den letzten Vortrag hielt der erzbischöfliche Geistliche Rat Walter Lang: "Jenseits des Werte-Pluralismus der Moderne – Die normative Ethik des Christentums". Dieser stellte die christliche Werteethik dar, die "Werte an sich" und "Werte für mich" kenne. Die oberste sittliche Norm laute: "Tue das Gute, meide das Böse". Deutlich wandte sich Lang gegen die heutzutage weitgehend gelebte Nützlichkeitsethik, die sogar schon teilweise von der katholischen Bischofskonferenz im Bereich der Sexualität anerkannt werde.

Mit der Auswahl der fünf hochkarätigen Referenten unterstrich die Burschenschaft Danubia ihren akademischen Anspruch sowie die Fähigkeit, komplexe Themen allgemeinverständlich darstellen zu lassen.

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