Joachim Kuhs

 

Kampfflugzeuge für Malaysia

Eine der Auslandsreisen des russischen Präsidenten Wladimir Putin führte ihn vorletzte Woche nach Malaysia. Neuerdings wird dieser südasiatische Tigerstaat von dem russischen Bären immer intensiver umworben. Kein Wunder, denn Malaysia ist einer der wenigen Staaten, dem gegenüber das neue Rußland keine Minderwertigkeitskomplexe empfinden muß. Die malaysische Führung unter Regierungschef Mahathir Mohamad gibt sich in bezug auf Rußland – im Gegensatz zu Amerika oder Westeuropa – ohne Vorbehalte anspruchslos und unkritisch. Für Rußland bringt die aufkeimende Freundschaft mit der südostasiatischen Wahlmonarchie noch einen weiteren Vorteil: Kuala-Lumpur erklärte sich bereit, das wenige, was Rußland an konkurrenzfähigen Fertigprodukten zu bieten hat, zu erwerben: moderne Militärtechnik – vor allem russische Militärflugzeuge. Keine Frage: Dies trägt enorm zur Förderung des seit dem Amtsantritt Putins immer stärker werdenden Selbstwertgefühls aller Bürger Rußlands bei – und nächstes Jahr will der Präsident schließlich wiedergewählt werden. Am Tag, als der 900 Millionen US-Dollar schwere Vertrag über den Verkauf von 18 modernen Kampfflugzeugen vom Typ SU-30 MKM von der russischen und malaysischen Führung unterzeichnet worden war, brachte der erste russische Fernsehkanal in seinen Tagesthemen einen überdurchschnittlich langen Beitrag nach dem Muster der besten sowjetischen Berichterstattung: eine Lobeshymne auf den malaysischen Staat, seine wirtschaftlichen Spitzenleistungen der letzten Zeit und seine bilderbuchartige Fähigkeit, selber von den Sonnenseiten der Globalisierung zu profitieren, ohne sich den Vorschriften der internationalen Organisationen (wie etwa denen des Internationalen Währungsfonds) vollständig unterzuordnen. Im Anschluß folgte eine Präsentation der gerade veräußerten „Exemplare des Stolzes der fünften Generation der russischen Militärtechnik“. Der Kommentar zu diesem für Rußland äußerst lukrativen Geschäft entbehrte jeder Bescheidenheit: In Malaysia hätte Rußland und nicht die USA die Ausschreibung über den Flugzeugverkauf gewonnen und Washington somit „in einem unterschwelligen Wettkampf“ besiegt. Doch dabei geht es nicht nur um den wirtschaftlichen „Sieg“ über die USA, den der russische Präsident in Malaysia davongetragen hat. Putin, bekannt als Meister politischer Intrigen, hatte der Weltöffentlichkeit noch einen „pikanten“ Zusatz zu bieten: Eines der vorrangigen außenpolitischen Ziele Rußlands sei seine Aufnahme in die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC). Eine tatkräftige Unterstützung dieser Idee erwarte sich Rußland dabei von der malaysischen Führung. Der zu über der Hälfte muslimische Gaststaat reagierte mit Applaus – die Weltöffentlichkeit mit verhaltenem Staunen. Rußland gab somit in Kuala-Lumpur unzweideutig folgendes zu verstehen: Moskau sieht sich inzwischen nicht nur als Wiege und Hort des christlich-orthodoxen Glaubens, sondern – traditionell und geschichtlich bedingt – als eines der größten islamischen Länder. Putins Argument: Über 20 der knapp 150 Millionen in der Russischen Föderation lebenden Bürger seien schließlich muslimischen Glaubens – das sei mehr als die Bevölkerung vieler einzelner islamischer Länder (Malaysia hat etwa 22 Millionen Einwohner). Der offizielle Moskauer Fernsehkanal präsentierte seinen Zuschauern diese Nachricht als einen doppelten Erfolg für Putins Besuch in Malaysia. Bekräftigt wurde dies durch die Aussage des Vorsitzenden des Rates der Muftis Rußlands, Rawil Gajnutdin: Ihm zufolge kommt der Antrag des russischen Präsidenten den Bestrebungen von 20 Millionen russischer Moslems nach. In den Zeiten der weltweit um sich schlagenden terroristischen Gewalt sei die Mitgliedschaft seines Landes in der OIC für den Kampf gegen den internationalen Terrorismus unentbehrlich. Abgesehen von den Kreml-konformen Reaktionen der staatlich gelenkten Medien zeigten sich viele unabhängige russische Kommentatoren über diesen „islamischen Ausfall“ Putins entrüstet. Sie warnten, eine Mitgliedschaft in der OIC sei für den Kampf gegen den internationalen Terrorismus keinesfalls hilfreich: die angeblich „internationalen“ Terroristen säßen ja ohnehin überwiegend im eigenen Lande (sprich: Tschetschenien) und seien größtenteils russische Staatsbürger. Putins Kabinett sei dabei, einen erneuten Versuch zu starten, Rußland auf zwei Stühle gleichzeitig zu setzen. Das wiederum führe zwangsläufig dazu, daß Rußland sich – im besten Fall – eines seiner Körperteile heftig einklemme. Andere russische Kommentatoren sehen in Rußlands religiösem Vordringen in den Herrschaftsbereich des Islam einen Affront gegen den Vatikan, der sich nach Ansicht einiger russisch-orthodoxer Glaubensväter immer mehr das ihm nicht zustehende Vorrecht herausnehme, im Namen der ganzen christlichen Welt zu sprechen. Wsewolod Tschaplin, stellvertretender Leiter der Abteilung für außerkirchliche Beziehungen des Moskauer Patriarchats, meinte dazu, als Vielvölkerstaat könne Rußland sich eine Mitgliedschaft in religiösen Vereinigungen verschiedener Ausrichtungen leisten, ohne daß der russisch-orthodoxe Glaube dabei zu Schaden kommen müßte. Offensichtlich ist auch das offizielle Amt der russischen Kirche bereit, im Wettkampf mit dem Katholizismus anderen Religionen Zugeständnisse zu machen und sogar mit dem Islam Bündnisse zu schließen. Bei allen oben genannten Mutmaßungen scheint ein Faktor für die meisten Analytiker ausschlaggebend zu sein – die für Dezember dieses Jahres geplante Präsidentschaftswahl in der abtrünnigen autonomen Republik Tschetschenien. Die Aussicht auf Moskaus Mitgliedschaft in der OIC könnte dem föderalen Zentrum einen Trumpf mehr in die Hand geben, seine Positionen in Tschetschenien zu festigen und seinen Rechtsanspruch auf diese Region geltend zu machen. Welche Meinung im Streit um die Beweggründe für Rußlands Hinwendung zu den OIC-Staaten sich auch immer im nachhinein als richtig erweisen mag – bereits jetzt ist daraus definitiv eine Schlußfolgerung abzuleiten: Rußland schickt sich diesmal an, auf dem Wege zur Schaffung der bipolaren Welt keine Aufschübe mehr zu dulden. Zu diesem Zweck bemüht sich Putin, Amerikas Thron etwas wackliger werden zu lassen. Rußlands Bündnis mit den Ländern der islamischen Welt könnte der Dominanz der USA in der Weltpolitik tatsächlich einen schwerwiegenden Gegenpol bieten. Fotos: Putin (l.), Mahathir Mohamad: 20 Millionen russische Moslems

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