Jugoslawien endgültig beerdigt Carl Gustaf Ströhm

Als letzte Woche die Parlamente Serbiens und Montenegros den Staatenbund zwischen beiden Republiken absegneten, wurde damit auch ein Name gestrichen, der bis 1990 in aller Munde war. Titos Jugoslawien, die jugoslawische „Arbeiterselbstverwaltung“, Jugoslawiens „dritter Weg“ – unvorstellbar, daß sich noch vor nicht langer Zeit ernsthafte Politiker (von Jusos bis CSU-Amtsträgern) meinten, daß man Titos Vielvölkerstaat aus Gründen der Staatsräson und des Gleichgewichts „retten“ müsse. Nur die meisten „Jugoslawen“ dachten anders. Kaum war die Berliner Mauer gefallen, brach auch die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien auseinander. Slowenen und Kroaten wollten so schnell wie möglich raus, es folgten die bosnischen Moslems und die Mazedonier. Die Kosovo-Albaner (die keine „Südslawen“ sind) waren ohnedies mit Jugoslawien fertig. Nur die Serben, die „Jugoslawien“ bereits im Königreich nach dem Ersten Weltkrieg als „ihren“ Siegerpreis betrachteten, versuchten mit Gewalt – indem sie die „Volksarmee“ und serbische Milizen gegen die „Separatisten“ in Marsch setzten – ihre privilegierte Stellung zu bewahren. Als 1992 bis auf Serbien (jedoch inklusive des Kosovo) und Montenegro alle übrigen Nationen den 1918 entstandenen Kunststaat verlassen hatten, versuchte Belgrad (unter Slobodan Milosevic) die Fiktion aufrechtzuerhalten: der Staat hieß nun „Bundesrepublik Jugoslawien“. Dahinter verbarg sich die Hoffnung, man werde eines Tages die „Abtrünnigen“ wieder unter diesem Dach vereinigen. Jetzt ist das vorbei. Vor vielen Jahren, Staatschef Tito war noch an der Macht, hatte ich ein Erlebnis, das mich zutiefst nachdenklich machte. Ich hatte damals einen Schlafwagenplatz von Belgrad nach Laibach gebucht. Mein Bettnachbar, ein Slowene, erklärte mir, er sei höherer Funktionär der jugoslawischen Bundesregierung. Aber, so fügte er hinzu, obwohl er schon zehn Jahre in Belgrad arbeite, habe er noch nie ein Wochenende in der Hauptstadt verbracht und seine Familie lebe natürlich in Slowenien. Es komme für ihn überhaupt nicht in Frage, Frau und Kinder ins „schreckliche“ Belgrad zu holen, wo es weder Lebensqualität noch Kultur gebe. Er fahre nun jedes Wochenende „nach Hause“ und freue sich, am nächsten Morgen mit den Kindern am idyllischen Bled-See am Südhang der Karawanken zu wandern. Als ich am nächsten Morgen den Zug verließ, fühlte ich mich wie in ein anderes Land versetzt: alles war anders, ordentlicher, „westlicher“ als in Belgrad. Damals kam mir in den Sinn, daß ein Staat mit solch „separatistischen“ Kadern kaum die nächste Krise überstehen werde. So kam es denn auch. Im Frühjahr 1990 erlebte ich, wie sich beim letzten Parteitag des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens die slowenische Delegation geschlossen von ihren Plätzen erhob und den Saal verließ. Einige der slowenischen KP-Delegierten waren kalkweiß, manche hatten Schweißtropfen auf der Stirn. Niemand konnte voraussagen, ob der Ausmarsch der Slowenen – der das Ende des gemeinsamen jugoslawischen Staates bedeutete – von Milosevic und den serbischen Generälen nicht als Hochverrat betrachtet würde. Manche sahen den KP-Chef und ersten demokratisch gewählten Präsidenten Milan Kucan bereits in Handschellen. Aber nichts dergleichen – damals begann der erste Akt, der nun besiegelt wurde: Jugoslawien, dieses Produkt der Pariser Vorortverträge von 1919 und Jalta 1945, ist tot – und die Hoheit Belgrads über Montenegro und das Kosovo besteht nur noch auf dem Papier.

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