Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

FDP-Nachwuchs auf Abwegen

In Baden-Württemberg, dem Stammland der Liberalen, stehen vielen alten und jungen Freidemokraten die Haare zu Berge, weil ein führender Jungspund der FDP-Nachwuchsorganisation Junge Liberale (Juli) einen öffentlichen Auftritt hingelegt hat, der an Peinlichkeit nicht überboten werden kann. Was ist passiert? Der „Christopher Street Day“ (CSD) gilt als ganz und gar weltlicher Hochfeiertag der Schwulenbewegung, so auch in Baden-Württembergs Landeshauptstadt Stuttgart. Selbst in der CDU-geführten Landesregierung fand sich ein Kabinettsmitglied, das offiziell die Schirmherrschaft übernahm: FDP-Justizministerin Corinna Werwigk-Hertneck verzichtete aber – vielleicht aus Rücksicht auf ihren als katholisch-sittenstreng geltenden Chef Erwin Teufel – auf ein persönliches Erscheinen und überließ die Bühne dem 31jährigen Freiburger Tim Lucas, dem Landesvorsitzenden der Jungen Liberalen Baden-Württemberg. Der Nachwuchspolitiker erhöhte die Bedeutung seines Auftritts, indem er gleich zu Beginn darauf hinwies, daß er auch als Mitglied des Landesvorstands der FDP spreche. Als „braver Parteisoldat“ freilich wollte er die schrill-bunte Versammlung nicht langweilen. Mit den Worten „Als ich noch glaubte, heterosexuell zu sein“, startete Lucas ein freimütiges Bekenntnis zur Homosexualität, das ob seiner Wortwahl („geil“, „bullshit“, „fuck off“) und seiner inhaltlichen Ausrichtung selbst manchen Schwulen zuviel wurde. „Ich wünsche jedem Mann die Feststellung, daß ein Mann beim Küssen kratzt“, rief Lucas kreischend in die Menge, völlig verkennend, daß viele Männer sehr gut auf eine solche Erfahrung verzichten können. Wenn Lucas von einem „deeper understanding zwischen gleichen Geschlechtern“ schwärmt, das sein „bis dahin heterosexuelles Leben um ein Vielfaches bereichert habe“, unterstellt sein Komparativ, daß es ein echtes Verstehen zwischen Mann und Frau nicht geben könne. Lucas hält einige Lesben und Schwule für bessere Eltern Weiter sagte Lucas: „Ich glaube fest daran, daß all die Ängste und Vorurteile über Homosexualität, all die Fragezeichen in den Köpfen mit einem Mal verschwinden würden, wenn wir alle ein bißchen mehr miteinander poppen würden! Das täte sicherlich auch manchem Politiker gut!“ Weil es in seinem Freundeskreis Lesben gebe, die Lucas für die besseren Mütter hält, und Schwule, die die besseren Väter seien, fordert der FDP-Nachwuchspolitiker das Adoptionsrecht für Homosexuelle. Ausgerechnet er, der kurz zuvor keck die Frage in die Menge schleuderte: „Wozu mich einschränken?“, ausgerechnet der forderte nun das Recht, Verantwortung für Kinder zu übernehmen. Als Weg aus der Angst vor Homosexualität empfahl Lucas: „Das Schwule in uns allen selbst erkennen lernen und akzeptieren!“ Besonders hanebüchen ist Lucas‘ Gewalt-Begriff. Nach seiner Überzeugung beginnt Gewalt gegen Homosexuelle „nicht schon mit einem Wort, sie beginnt schon mit einem Blick“. Damit meint er den „verachtenden Blick, der sagt: Geh weg! Ich will dich nicht sehen!“ Den homophoben Menschen wünscht er die Erkenntnis, „daß zwischen der heterosexuellen Bierthekenfreundschaft auf der einen Seite und Analverkehr auf der anderen Seite eine ganze Welt liegt, deren Bereicherung uns erst ganz macht“. Aus diesem Grunde hält Lucas es auch für falsch, Toleranz zum Ideal der Schwulen zu erheben: „Ich will nicht, daß Homosexualität ausgehalten oder ertragen wird; ich will, daß sie akzeptiert wird, weil sie anders ist.“ Er machte umgehend klar, was er von Heterosexuellen als Akzeptanz erwartet: „Ich nehme dich an, ich schätze dich, weil du mich durch deine Andersartigkeit in meiner Unzulänglichkeit bereicherst.“ Das müsse das Ziel und Ideal der Schwulen und Lesben sein – und zwar weit über die Frage der Sexualität hinaus, ergänzte der FDP-Nachwuchspolitiker. Da fällt Heterosexuellen nur noch der Spruch ein: „Früher war Homosexualität verboten, heute ist sie erlaubt. Bevor sie zur Pflicht wird, wandern wir aus.“ Freiheit hat nichts mit Zügellosigkeit zu tun So wie Lucas sagen kann, niemand dürfe den Schwulen sagen, wie sie auszusehen haben, wie sie sich bewegen oder wen sie lieben sollen, so kann ein Heterosexueller darauf bestehen: „Niemand hat mir vorzuschreiben, wie ich zu gucken habe und wen ich mögen muß!“ Hier gilt es der Diktatur einer vermeintlichen „politischen Korrektheit“ den Riegel vorzuschieben. Der Jung-Liberale Lucas verwechselt Liberalität mit Libertinage. Doch wahre Freiheit hat mit Liederlichkeit und Zügellosigkeit nichts zu tun. Was sagt die FDP, wenn in ihrem Namen Heterosexuelle als kleinkarierte Spießer dargestellt werden, die das Beste im Leben verpassen? Baden-Württembergs FDP-Chef Jürgen Döring erklärt nach der Lektüre von Lucas‘ Redemanuskript beschwichtigend: „Das ist nicht unsere Ausdrucksweise – schon gar nicht, wenn man offiziell in Vertretung der Justizministerin spricht.“ Sechs Juli-Kreisverbände und ein Bezirksverband fordern indes den unverzüglichen Rücktritt ihres schwul missionierenden Landesvorsitzenden. „Lucas ist nicht mehr geeignet, für alle Mitglieder zu sprechen“, begründet als Wortführer der Juli-Kreisvorsitzende von Heilbronn, Oliver Helesky. Er fährt fort: „Die Fäkalsprache von Lucas habe ich und viele Kollegen als abstoßend empfunden.“ Das freilich ficht Lucas nicht an. „Vielleicht habe ich das eine oder andere Wort ein wenig unbedacht gewählt. Aber inhaltlich stehe ich voll und ganz zu der Rede, die mir viel positive Resonanz eingebracht hat. Für einen Rücktritt gibt es keinen Grund.“ Wieso auch? Die Internetseite der Jungen Liberalen ( www.julis-bw.de ) feiert ihren Vorsitzenden wie einst das SED-Zentralorgan Neues Deutschland den DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker: „Bei der Kundgebung auf dem CSD Stuttgart durften wir unseren Landesvorsitzenden Tim Lucas bei einer atemberaubenden Rede bewundern.“ In der Tat: Den meisten Heterosexuellen bleibt bei soviel Unverschämtheit die Luft weg. Michael Waldherr

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