Drohungen aus Düsseldorf

Genau das braucht der Mann. Als Jürgen W. Möllemann am 21. Februar den Raum des Düsseldorfer Novotel-Hotels betritt, in dem mehrere hundert Zuhörer bereits auf die Rede des skandalumwitterten FDP-Politikers warten, setzt im Blitzlichtgewitter eine Art morphologische Veränderung in der Physiognomie des Politprofis ein. Mit leicht hochgezogenen Schultern einige zusätzliche Zentimeter Körperwuchs imitierend (genau wie Schröder), den Gang staatsmännisch verlangsamend, tritt Möllemann ans Rednerpult. Der Fisch ist in seinem Wasser. Es ist eine Rede vor Getreuen. NRW ist Möllemanns Revier; erst recht, seit er mit dem „Projekt 8“ bei der letzten Landtagswahl die FDP mit Pauken und Trompeten wieder in den Düsseldorfer Landtag geführt hatte. Daß dem gegenüber das „Projekt 18“ bei der Bundestagswahl scheiterte, lag nicht an ihm und seinem skandalumwitterten Israel-Flugblatt, wird er später unter Applaus sagen. Sondern an „Kleingeistern“ und „schlappschwänzigen Hosenscheißern“ in den FDP-Führungsetagen selbst. Diese freilich, vor allem in Berlin, entscheiden zur Zeit über seine Zukunft. Während Möllemann, nach einer fast fünfstündigen Anhörung in der Landtagsfraktion, wohl mit einem Fraktionsverbleib in Düsseldorf rechnen kann, dürfte es bei der Bundespartei schwieriger werden. „Freiheit“ beschwört Möllemann denn auch eindringlich in seiner Rede vor den Düsseldorfer Getreuen. Und das bezieht er nicht nur auf die Freiheit, die er sich in Sachen Israel-Faltblatt nahm. Er bezieht sie auch auf den Umstand, daß sein langgeplanter Auftritt mehrmals verschoben werden mußte. Zunächst nämlich sollte die Rede vor dem konservativ-liberalen Gesprächskreis der „Herrenrunde“ im Düsseldorfer Industrieclub stattfinden. Dort wollte man die Veranstaltung jedoch nicht, und als dann auch noch das Hotel Nikko der Herrenrunde Schwierigkeiten machte, sagte der Kreis die Rede mit fadenscheiniger Begründung ab. Bemerkenswert indes, wie frank und frei Politker werden können, wenn sie erst mal aus Parteifesseln befreit sind. Beste Beispiele stellen Oskar Lafontaine, Oswald Metzger und eben Jürgen Möllemann, der bemerkenswert radikale Positionen zu Reformen am Standort Deutschland vorträgt: Kritik am Parteiendiktat aus CDU und SPD, deren Vormacht gebrochen werden müßte. Angriffserklärungen an den überbordenden Beamten- und Parteibuchstaat, deren hybriden Vertretern („Beamtenköpfe mit Diener-Mentalität wie Kinkel“) das Betätigungsfeld genommen werden müsse. Und scharfe Angriffe auf Amerikas „Krieg für Öl“. Worauf alle warteten, damit rückte Möllemann aber erst am Ende seiner eineinhalbstündigen Rede heraus: ob er eine neue Partei initiieren wird. „Deutschland braucht eine große Partei der Freiheit“, sagt Möllemann. Und: „Ob die FDP diese Partei sein wird, entscheidet sich in den nächsten Wochen.“ Doch was ist Drohung, was ist Realität? Dies ist bei Möllemann oftmals schwer zu erkennen. Der Focus vermeldet diese Woche zwar bereits den Arbeitstitel einer eventuellen Möllemann-Partei: „18 – die Freiheitlichen“. Doch Vertraute Möllemanns, wie der Ex-FDP-Fraktionschef in Düsseldorf, Achim Rohde, hüllen sich beim Thema einer neuen Partei in vielsagendes Schweigen. „No comment“, so Rohde gegenüber der JUNGEN FREIHEIT. Nur, daß ein Ausschluß eines „erfolgreichen Mannes wie Möllemann“ aus der FDP „ungewöhnlich problematisch“ sei, bestätigt Rohde.

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