Die Pyramide wird zum Grabstein

Die demographische Katastrophe spitzt sich zu. Im Jahr 2050 wird jeder dritte Einwohner Deutschlands 60 Jahre oder älter sein und die Hälfte der Bevölkerung über 48 Jahre. Trotz anhaltender Zuwanderung auf hohem Niveau wird die Bevölkerung nicht nur dramatisch altern, sondern auch erheblich schrumpfen. Beide Entwicklungen werden weit schwerwiegendere Folgen für den Zustand von Staat und Gesellschaft und für die Funktionsfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme haben, als man bisher einkalkuliert hat. Das ist das alarmierende Fazit der zehnten koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, die das Statistische Bundesamt auf der Basis des Bevölkerungsstandes vom 31. Dezember 2001 für den Zeitraum bis zum Jahr 2050 vorgenommen hat. Das Zahlenwerk beruht auf drei Annahmen in mehreren Szenarien: Einer gleichbleibend niedrigen Geburtenrate von 1,4 Geburten je Frau im gebärfähigen Alter, einem weiteren Anstieg der Lebenserwartung und einem angenommenen jährlichen Zuwanderungssaldo von 100.000, 200.000 oder 300.000 Personen. Als das wahrscheinlichste von mehreren durchgerechneten Szenarien stellte der Präsident des Statistischen Bundesamtes Johannes Hahlen die „mittlere Variante“ vor: Erhöhung der Lebenserwartung bis 2050 für Jungen auf 81,1 Jahre und für Mädchen auf 86,6 Jahre und ein jährlicher „positiver Wanderungssaldo“ von 200.000 Immigranten. Mit diesen Annahmen errechnet Hahlens Amt nach einem geringen Bevölkerungsanstieg von derzeit 82,5 auf 83 Millionen bis zum Jahr 2013 einen Rückgang auf 75 Millionen im Jahr 2050. In der Variante mit hoher Lebenserwartung und Zuwanderung wären es 81, mit den jeweils niedrigsten Annahmen 67 Millionen. Die Zuwanderung Deutscher – in erster Linie Aussiedler – wird in allen drei Varianten gleich angesetzt: Der Wanderungssaldo geht von aktuell etwa 80.000 pro Jahr auf 30.000 im Jahr 2010 zurück, verringert sich in zwei weiteren Stufen und wird ab dem Jahr 2040 ausgeglichen sein. Die zugrundegelegte Zahl von 75 Millionen Einwohnern im Jahr 2050 entspricht lediglich zahlenmäßig dem Niveau von 1963. Tatsächlich wird das niedrige Geburtenniveau dazu führen, daß die jüngeren Altersjahrgänge (bis etwa zum 50. Lebensjahr) generell schwächer besetzt sind als die älteren. Die Zahl der unter 20jährigen wird von aktuell 17 Millionen (21 Prozent der Bevölkerung) auf 12 Millionen im Jahr 2050 (16 Prozent) zurückgehen. Die Gruppe der mindestens 60jährigen wird mehr als doppelt so groß sein (28 Millionen bzw. 37 Prozent). 80 Jahre oder älter werden im Jahr 2050 9,1 Millionen Personen und damit 12 Prozent der Bevölkerung sein (2001: 3,2 Millionen bzw. 3,9 Prozent). Mit anderen Worten: Deutschland vergreist, die Bevölkerungspyramide, die 1910 noch eine Idealform hatte (breite Basis bei der Jugend, schmale Spitze bei den Alten), stellt sich auf den Kopf und wird zum „Grabstein“. Sinnfällig wird die vorhersehbare Entwicklung in zwei Faktoren: dem Geburtendefizit und dem „Altenquotienten“. Letzterer bezeichnet das Verhältnis von Personen im Rentenalter gegenüber denen im erwerbsfähigen Alter. Kamen – bei einem faktischen Rentenalter von 60 Jahren – 2001 noch 44 Personen über dieser Altersschwelle auf hundert im Erwerbsalter (20 bis 59), wird der Altenquotient, der Anfang der fünfziger Jahre noch bei 27 lag, nach der mittleren Variante der Vorausberechnung bis 2050 auf 78 steigen. Mit allen Konsequenzen für die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme: Bleibt es bei der Umlagefinanzierung mit Koppelung an die Erwerbseinkommen, verdoppeln sich die Lasten für die dann noch arbeitende Bevölkerung. Höhere Lebenserwartung gleicht spätere Rente aus Ernste Probleme, so die Statistiker, müssen dabei nicht erst 2050, sondern bereits in den kommenden zwei Jahrzehnten gelöst werden, wenn die letzten geburtenstarken Jahrgänge der heute 30- bis 40jährigen in den Ruhestand gehen. Der Altenquotient zeigt die kritische Beschleunigung der Alterung zwischen 2010 und 2030. Von 2001 bis 2010 erhöht sich der Altenquotient in der Abgrenzung bei 60 Jahren „nur“ von 44 auf 46, steigt dann bis 2020 deutlich auf 55 an und nimmt bis 2030 sprunghaft auf 71 zu. Danach fallen die Zunahmen nicht mehr so stark aus (2040: 73 und 2050: 78). Eine Anhebung des Renteneintrittsalters, errechnen die Statistiker, bringe zwar Entlastung, die aber durch höhere Lebenserwartung teilweise wieder neutralisiert werde. Durch Zuwanderung, räumt Hahlen ein, könne das Alterungsproblem zwar für einige Jahre gedämpft, aber keineswegs langfristig gelöst werden: Selbst bei einem Saldo von jährlich 300.000 Zuwanderern ab dem Jahr 2011 – bis 2050 insgesamt vier Millionen mehr als im „mittleren Szenario“ – würde der Altenquotient lediglich auf 74 sinken. Die jetzt schon geringe Geburtenrate wird sich infolge des Fehlens möglicher Mütter in den kommenden Generationen rasant potenzieren. Die Statistiker rechnen mit einem Rückgang der jährlichen Geburtenzahl von heute 730.000 auf 560.000 im Jahr 2050. Sie wird dann nur noch halb so hoch sein wie die ansteigende Zahl der jährlich Gestorbenen. Die Differenz zwischen Geburten und Todesfällen, das „Geburtendefizit“, wird sich von 94.000 im Jahr 2001 auf 580.000 in der Jahrhundertmitte vervielfachen. Bedauerlicherweise macht die Bevölkerungsvorausberechnung keine Angaben zur Entwicklung der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung Deutschlands unter den zugrundegelegten Wanderungsszenarien. Für die Planung der politischen und sozialen Folgekosten wären diese Zahlen von Bedeutung; um so mehr, als alle Zuwanderer zunächst integriert werden müssen und nicht nur diejenigen, die nach Wegzug anderer als „positiver Saldo“ übrigbleiben. Der Bielefelder Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg ermittelt in einem vergleichbaren Szenario bei einem jährlichen Wanderungssaldo von 170.000 eine Gesamtbevölkerung im Jahr 2050 von 68 Millionen, davon 49 Millionen Deutsche (39,5 Millionen in den alten Bundesländern) und 19 Millionen Zugewanderte (davon 17,4 Millionen in den alten Bundesländern). Die Integrations- und Verteilungsprobleme, namentlich bei einem Verhältnis von fast zwei zu eins in den Altländern, sollten die Politik beschäftigen. Bedauerlich auch, daß das Statistische Bundesamt weder bei den Geburtenquotienten differenziert (sie liegen laut Birg bei den deutschen Staatsangehörigen bei 1,2 Lebendgeborenen pro Frau, bei der ausländischen Bevölkerung dagegen bei 1,9, bei Zuwanderern aus der Türkei und Entwicklungsländern sogar über zwei) noch Szenarien für eine Erhöhung der Geburtenrate bei der deutschen Bevölkerung berechnet. Wie das Beispiel mehrerer skandinavischer Länder oder Frankreichs zeigt – dort liegt der Quotient zwischen 1,7 und 1,9 und damit nahe bei der Reproduktionsrate von 2,1 -, ist die Geburtenrate durch familienpolitische Maßnahmen durchaus zu steigern. Birg hat nachgewiesen, daß die Steigerung der Geburtenzahl pro Frau selbst um wenige Zehntelpunkte nach dem Komma nachhaltigere und entscheidendere Auswirkungen auf eine positive demographische Entwicklung hat als die Zuwanderung, der Hahlen selbst nur marginale Dämpfungseffekte zugesteht.

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