Ein Dollarregen für die Revolution Carl Gustaf Ströhm

Was ist die Wahrheit? Diese Frage des Pontius Pilatus blieb bis heute unbeantwortet. In Jugoslawiens Hauptstadt Belgrad ist jetzt ein Buch erschienen, das plötzlich eine bisher unbekannte „Wahrheit“ präsentiert. Mit beachtenswertem Mut (oder wegen dahinterstehenden mächtigen Interessen?) demontieren Dragan Bujosevic (47) und Ivan Radovanovic (40) die bisher gültige Version, wonach der böse Slobodan Milosevic durch einen Aufstand des nach Demokratie lechzenden Volkes im Herbst 2000 zu Fall gebracht wurde. Unter dem Titel „5. Oktober – ein 24-Stunden-Staatsstreich“ behaupten die beiden Journalisten, beim Sturz des inzwischen in Den Haag wegen Kriegsverbrechen angeklagten Milosevic habe das „Volk“ überhaupt keine Rolle gespielt. Erst als die „Schlacht“ geschlagen und alles entschieden war, sei es auf der Straße erschienen und habe das Parlamentsgebäude sowie das Fernsehen gestürmt (und verwüstet). Die Chefs des serbischen Oppositionsbündnis DOS hätten, so die Autoren, das vor Jahrzehnten erschienene Werk des Deutsch-Italieners Curzio Malaparte über die „Technik des Staatsstreichs“ gelesen (in dem Mussolinis „Marsch auf Rom“ von 1922 analysiert wird). Zudem hätten die DOS-Führer – darunter der in der Frankfurter Schule neomarxistisch geschulte Zoran Djindjic – Leo Trotzkis Umsturztaktik im Petrograd des Jahres 1917 studiert. Djindjic, der die legalistische und traditionalistische Polittaktik seines Rivalen Kostunica ablehnt, habe unter anderem von Trotzki gelernt, wie man den „Blutkreislauf des Staates“ in Besitz nimmt. Während sämtliche internationalen Fernsehkameras die turbulenten Szenen des „Volkszorns“ beim Sturm auf das Parlament filmten, hätten Vertrauensleute von Djindjic unbemerkt die Nationalbank gestürmt und die staatliche Zolldirektion in Besitz genommen. Damit hatte Djindjic den nervus rerum – nämlich das Geld – zur Verfügung, ohne das kein Umsturz Erfolg haben kann. Zwischen Djindjic (heute serbischer Premier) und der auf Milosevic eingeschworenen Geheim- und Spezialpolizei gab es lange vor dem Umsturz intensive (und natürlich geheime) Kontakte. Ein gewisser Sveta Djurdjevic, der vorher einer der Kommandeure der berüchtigten serbischen Sonderpolizei im Kosovo war, wurde Verbindungsmann zwischen Sicherheitskräften und demokratischer Opposition. Der Bürgermeister der Stadt Cacak wurde von der angeblich Milosevic unterstehenden serbischen Staatssicherheit geradezu ermutigt, Hunderte von militanten Lkw-Fahrern Richtung Belgrad in Marsch zu setzen. Es werde, so wurde ihm versichert, wenn überhaupt, dann nur symbolischen Widerstand der Sicherheitskräfte geben. Am Sturm auf das Fernsehzentrum hätten sich notorische Terroristen aus dem Umkreis des im Januar 2000 ermordeten „Tigers“-Milizenchefs Zeljko Raznatovic („Arkan“) beteiligt. Den „Sieg der Demokratie in Serbien“ haben demnach zahlreiche Veteranen ermöglicht, die in Kroatien, Bosnien und dem Kosovo ihre Blutspuren hinterlassen hatten. Nicht zuletzt spielten auch die Amerikaner eine Rolle. Sie unterstützen – laut Washington Post – die serbische Opposition mit mehreren Millionen Dollar und lieferten Zehntausende von Spray-Dosen für Anti-Milosevic-Parolen. Auch, daß kurz nach dem Umsturz der D-Mark-Kurs in mehreren serbischen Städten fiel, soll zu erklären sein: Die siegreichen Milosevic-Gegner hatten plötzlich größere Summen harter Valuta in den Taschen. War das etwa der Lohn der Angst?

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