Poesie als Alltagswirklichkeit

Mit fünf Ausgabe jährlich jährlich erscheint die 1974 gegründete Schweizer Literaturzeitschrift Orte bereits im 25. Jahrgang. Die Themenhefte mit dem Schwerpunkt moderne Lyrik werden herausgegeben von dem früheren Sportjournalisten und heutigen Schriftsteller und Verleger Werner Bucher. Mal nachdenklich, mal provozierend, mal unterhaltsam wird Poesie hier zu einem Teil Alltagswirklichkeit. Dogmen und literarische Tabus kennt man nicht, aber auch kein einengendes formales oder inhaltliches Konzept. Dafür versucht die Zeitschrift so etwas wie eine objektive Berichterstattung in der Kultur. „La réserve du patron“, lautet das Thema der jüngsten Ausgabe, dem Heft 123 von Orte. Und da Redaktionen von Literaturzeitschriften öfter unter dem Verdacht leiden, es gebe mehr Schreibende als Lesende, kommen nun endlich auch diejenigen Autoren zu Wort, deren Manuskripte manchmal seit Jahren aus Platzgründen – und weil jedes Heft ja zum großen Teil einem Schwerpunktthema gewidmet ist – noch nicht publiziert werden konnten. Vierzehn Autoren werden hier mit ihren Arbeitsproben vorgestellt, auch aus Italien, Deutschland, Österreich, dem Elsaß und Rumänien gingen Manuskripte ein, die die Redaktion überzeugten. Sehen lassen kann sich auch der Mantel der Zeitschrift: Barbara Traber stellt die vergessene, 1898 verstorbene Deutschschweizer Lyrikerin Gertrud Pfander vor, deren Gedichte längst vergriffen und nur in einer einzigen Anthologie vertreten sind. Daß feministisch geschärfte Argusaugen, die noch jede drittklassige Schreiberin in einer dunklen Ecke erspähen, an ihrer Erscheinung blind vorbeigehen, erscheint rätselhaft. In einer für die damalige Zeit unüblichen Offenheit der Gefühle und der Unbeirrbarkeit, mit der die knapp über Zwanzigjährige an ihre Berufung zum „Dichter“ glaubte, berühren ihre Gedichte heute noch. Trost fand sie, die immer auf der verzweifelten Suche nach Liebe und Geborgenheit war und zudem die letzten Jahre ihres kurzen Lebens an einer unheilbaren Lungenkrankheit leidend in Sanatorien verbrachte, nur im Schreiben. In ihren Gedichten versuchte sie (Liebes)-Schmerz, Einsamkeit und Sehnsucht zu verarbeiten und ihre enge Beziehung zur Natur auszudrücken. Eine Auswahl der Lyrik von Gertrud Pfander erschien 1896, herausgegeben von Karl Henckell unter dem bezeichnenden Titel „Passifloren“. Patrick Wurster übersetzt das Gedicht „Horizontentführung“ des Tuareg-Dichters Hawad, der wohl schon mit diesem einen Text sämtliche Postmodernen an poetischer Kraft einstecken dürfte. In einem Interview schreibt Hawad: „Ich betrachte Schreiben nicht allein als Waffe, sondern auch als Ankerplatz, zu dem wir uns hinschleppen, ein dunkles Kielwasser, das Gewicht gibt und Beständigkeit auf dem Marsch des Widerstandes. Jeder Ausgestoßene, der die Waffe des Schreibens ergreift, nimmt sich vor, die Gewalt auszuschalten, wird Fälscher der Zwecklüge und der wohlfeilen Wahrheit, wird Webkamm seiner Wahrheit auf dem Pfad der dunklen Gewißheit.“ Orte-Verlag. Wirtschaft Kreuz. CH Zelg (Wolfhalden) AR. Einzelheft: 14 sFr., Jahresabo: 72 sFr.

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