Schlimmer ging es nicht

We got him!“ verkündete der US-Zivilverwalter im Irak, Paul Bremer, am 14. Dezember 2003 auf einer Pressekonferenz. Das klang wie eine Szene aus einem Western: Die Sheriffs hatten den Schurken endlich geschnappt. Die fette Beute wurde auch sogleich vorgeführt. Der „glorreiche Führer“, der mächtigste Mann des Irak, der sein Land wie ein orientalischer König regiert hatte, der gefürchtete Diktator und Kriegsherr, seit 1990 Erzfeind der einst mit ihm verbündeten USA, war, wie es so schön hieß, „in einem Erdloch“ aufgestöbert worden und hatte sich widerstandslos ergeben. Die wirksam inszenierten Aufnahmen, die von der US-Regierung präsentiert wurden, zeigten einen alten, erniedrigten Mann mit zersausten Haaren und struppigem Bart, dem ein Soldat mit einer kleinen Lampe in den Rachen leuchtete. Damit war Saddam auch symbolisch entmystifiziert und entmachtet worden. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, daß der Feind nicht als Kriegsgefangener, sondern als überführter Verbrecher behandelt werden sollte. Der Prozeß begann am 19. Oktober 2005. Saddam wurde des in Nürnberg geborenen Straftatbestands des „Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ angeklagt. Der Ankläger war die von den USA eingesetzte neue irakische Regierung. Saddam Hussein wurde schließlich am 30. Dezember 2006 um sechs Uhr morgens hingerichtet, am Strang, der den gemeinen Verbrechern vorbehalten ist. Auch das Datum, der Tag des islamischen Opferfestes Eid Al-Adha, war bewußt gewählt. Ein Video von der Hinrichtung kursierte bald darauf im Netz; man hatte Saddam mitten im Sprechen des islamischen Glaubensbekenntnisses das Genick gebrochen. Hier hatte offenbar die Rache über das Recht gesiegt. Auf diesen Standpunkt stellt sich auch der Dokumentarfilm „Saddam Hussein – Der Prozeß“ des katalanischen Regisseurs Esteban Uyarra (Do., 14. August, 22.25 Uhr, Arte). Sein Team begleitete monatelang den Prozeß und einige seiner Protagonisten, vor allem auf der Seite der Verteidigung. Dabei werden die konkreten Anklagepunkte und das Für und Wider der Anklage nur am Rande gestreift. Uyarra maßt sich nicht an, die Schuldfrage entscheiden zu können und zeigt statt dessen, in welcher zweifelhaften Atmosphäre die Urteilsfindung stattfand. Während Gewalt, Terror und Unruhen zunehmend außer Kontrolle und Unterstützer wie Feinde Saddams in das Visier rivalisierender Gruppen geraten, wird deutlich, daß in Bagdad eine Bürgerkriegspartei über die andere zu Gericht saß. Dabei ist faszinierend zu sehen, wie der entmachtete Hussein trotzig versucht, seinen Status zu wahren und ständig die Legitimation des Gerichtes in Frage zu stellen. Seine Ankläger spricht er grundsätzlich mit einem herablassenden Du an. „Du bist Iraker, und sie sind Eindringlinge und Besatzer“, herrscht er den Richter an. „Du willst mich hinauswerfen, nachdem ich 40 Jahre lang das Land regiert habe … Es lebe die Nation! Nieder mit den Verrätern! Nieder mit den Invasoren.“ Auch Najeeb el-Numeini, einer von Saddams Verteidigern, sieht in dem Prozeß einen Racheakt von Kollaborateuren und Landesverrätern: „Die Zusammensetzung des Richterkollegiums ist bezeichnend. Es besteht aus Kurden, die Saddam hassen, und aus vier Richtern aus den drei schiitischen Regionen. Was kann man zu so einem Besatzungsgericht sagen?“ Im Laufe des Prozesses kam es immer wieder zu Tumulten, Boykotten und Todesdrohungen. Zwei Verteidiger Saddams wurden ermordet aufgefunden. Die entgleitende Kontrolle des Westens über die desaströsen innenpolitischen Zustände des Landes spiegelt sich auch im Scheitern des jungen US-Anwalts Eric Blinderman und des Kanadiers William Wiley, einem der westlichen Berater der Verteidigung, wider. Wiley ist der zentrale Protagonist des Films. Uyarra folgt schrittweise seiner Frustration, Angst und Verbitterung. Nach Saddams Hinrichtung zieht er das Resümee: „Das ist barbarisch. Die Männer, die das taten, und wie sie es taten, stehen auf der gleichen moralischen Ebene, wie der, den sie umbrachten.“ Auch Eric Blinderman mußte erkennen, daß seine idealistische Hoffnung, der Saddam-Prozeß werde im Nahen Osten ein moralisches Zeichen setzen, vergeblich war: „Schlimmer hätten sie es einfach nicht machen können.“ Angesichts dieser gutwilligen, aber einflußlosen Idealisten steht jedoch die Frage im Raum, inwiefern der Schauprozeß von den Besatzern nicht nur geduldet, sondern auch insgeheim gefördert wurde. An einer Stelle läßt William Wiley durchblicken, daß die amerikanischen Machthaber in der Tat Kenntnis von der Lage hatten, aber nicht eingriffen. Foto: Saddam vor dem Sondertribunal: „Du willst mich hinauswerfen?“

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