Melancholische Sehnsüchte

Es ist nicht nur das Christkind, das alle Jahre wiederkehrt. Auch die Russen kommen. Eine Invasion verschiedenster Kosakenchöre erobert jedes Jahr aufs neue Kirchen und Konzerthallen in ganz Deutschland — mit einem Atem, der bis weit hinter den Ural reicht: unerhörte Tenöre, gewaltige Baritone und nachtschwarze Bässe. Eine eigentümlich melancholische Sehnsucht sucht die Konzertbesucher heim. Ist unsere Seele doch östlich? Wer will es deuten? Zumindest ist die westeuropäische Erfolgsgeschichte der Kosakenchöre ein unfreiwilliges Produkt der russischen Revolution. Nach der Vertreibung der Donkosaken 1920 durch die Rote Armee gründete der legendäre Serge Jaroff (1896—1985) ein Jahr darauf im türkischen Galipolli den Don Kosaken Chor. Dessen Sänger waren sämtlichst im Exil lebende Donkosaken. Jaroffs Ensemble sollte zum Vorbild aller später entstehenden Chöre, er selbst zu einer allseits verehrten Vaterfigur werden. Sein Chor trat in Europa und in den USA auf, mit einem Repertoire vorwiegend russischer Volksmusik und Folklore. In den 1930er Jahren wurde Berlin zur Heimstatt. 1939 wurde Jaroffs Chor während einer Tournee durch die USA vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs überrascht. Seine Sänger nahmen schließlich die US-Staatsbürgerschaft an und wählten den „Big Apple“ als neues Domizil. In den fünfziger und sechziger Jahren waren sie auch wieder in Westdeutschland auf Tour und in fast jedem Plattenschrank zuhause. Überdies wurden sie zu Stars in Heimatfilmen. Ein Grund für ihre Popularität war sicher auch die Erinnerung deutscher Landser und ein enormes Solidaritätsgefühl mit den Donkosaken. In Paris gab der Chor 1979 sein letztes Konzert anläßlich des 83. Geburtstages von Jaroff. Offiziell bestand der Don Kosaken Chor unter seiner Leitung noch bis 1981. Schon bald nach Jaroffs Tod bildeten sich zahlreiche Nachfolgeensembles, die zumeist von Sängern des Originalchores gegründet wurden, etwa die „Maxim Kowalew Don Kosaken“ oder die Bolschoi Don Kosaken von Petja Houdjakov. Neben diesen gibt es noch eine Vielzahl weiterer Chöre: den St. Petersburger Kosaken Chor, die Original Wolga Kosaken, den Don-Kosaken-Chor Victor Kuleschow, die Rostov Don Kosaken, den Don KosakenChor Rußland oder den Don Kosaken Chor Wanja Hlibka. Wer denkt, daß es damit genug sei, irrt. Denn schon zu Zeiten des ursprünglichen Don Kosaken Chors gab es mehrere Konkurrenz-Ensembles. Zwei stechen hier hervor: der 1924 in Paris gegründete Ural Kosaken Chor unter dem Dirigenten Andrej Scholuch und der 1938 von Boris Ledkowsky im deutschen Exil ins Leben gerufene Schwarzmeer Kosaken Chor. 1966 aufgelöst, wurde letzterer Anfang der neunziger Jahre neu gegründet. Seit 1993 wird er vom einstigen Schlagerstar Peter Orloff geführt, der seine Karriere hier einst begonnen hatte: Von 1958 bis 1967 sang er in der damaligen Formation „als jüngster Solist aller Kosakenchöre der Welt“, so die Eigenwerbung. Unter dem Namen „Peter Orloffs Schwarzmeer Kosaken“ versucht der Chor heute, ein großes Stück vom Mantel der Geschichte zu erhaschen. Der Chor war bereits von Orloffs Vater Nikolai (1900 — 1990) geführt worden. Laut Legende entstammte dieser einem alten russischen Adelsgeschlecht, dessen Geschichte bis ins 14. Jahrhundert reichen soll. So war der Vorfahr Graf Alexei Grigorjewitsch Orlow 1762 an der Ermordung Peters III. beteiligt und spielte eine wesentliche Rolle bei der Thronbesteigung Katharinas II. Bei Peter Orloff wird daraus eine „heimliche Ehe“ und besagter Vorfahre zum „Kaiser der Nacht“ — nun denn, jeder Chor hat heute sein eigenes Bett gemacht. Der erfolgreichste aller Sänger war indes ein gebürtiger Deutscher, der im Februar 2008 verstorbene Hans Rolf Rippert. Als Ivan Rebroff war er so echt, daß er gleich in allen drei maßgeblichen Chören auftrat: bei Jaroffs Don-, den Ural- und den Schwarzmeer-Kosaken.

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