Das Spiel mit dem Feuer

Nach Uli Edels und Bernd Eichingers mißlungener Verfilmung von Stefan Austs „Der Baader-Meinhof-Komplex“ oder Steven Spielbergs „München“ (2005) war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich auch andere Filmemacher an den Themenpark „Die coole Terrorszene der wilden Seventies“ heranwagen würden. Mit „Mogadischu“ (30. November, 20.15 Uhr, ARD) präsentiert das Erste eine gelungene Verfilmung der Entführung der Lufthansamaschine „Landshut“, die am 18. Oktober 1977 von Männern der GSG 9 erstürmt und aus den Händen von „Captain“ Mahmud und seiner Killer-Crew befreit wurde. Trotz blutroter Che-Guevara-T-Shirts und wilder Slang-Ausbrüche der palästinensischen Antagonisten, war Regisseur Roland Richter sichtlich um Authentizität bemüht. Die Schleyer-Entführung bildet die Rahmenhandlung, deren Schraube rasch anzieht und in der klaustrophischen Enge des Flugzeugs die beklemmende Situation der Regierung bespiegelt. Trotz eines nicht sonderlich einfallsreichen Drehbuchs, das übrigens die echte Geschichte so schrieb, schafft es der altgediente Kamerahase Holly Fink, echte Spannung mit suggestiv aufgeladenen Bildern zu generieren. Der Film vermeidet auch lobenswerter Weise die krampfhaft eingebauten Romanzen typischer TV-Produktionen. „Mogadischu“ schildert ein reines Machtpokerspiel, das exemplarisch verdeutlicht, daß den Regierenden nie vertraut werden kann und daß das Leben von Bürgern nichts zählt, wenn es um Machterhalt geht. Die Terroristen hatten die Lage falsch eingeschätzt. Ihre vermessene Absicht, die in Stammheim inhaftierte erste RAF-Generation freizupressen, war von Anfang an zum Scheitern verdammt. Zu keiner Zeit dachte die Regierung daran, mit den Geiselnehmern zu verhandeln. Der Film erlaubt sich keine Märchenstunde, sondern schildert die grimme Realität, in der auch der russische Geheimdienst — als Drahtzieher des Terrors — nicht fehlt.  Insofern kann einen Richters Film nachdenklich machen. Oder wie es die Stewardeß Gabrielle Dillmann als Geisel in ihrem Appell an den damaligen Bundeskanzler ausdrückte: „Vielleicht ist es besser zu sterben, als in einer Welt zu leben, in der es wichtiger ist, neun Menschen im Gefängnis zu halten, als 91 Menschen das Leben zu retten.“ Bekanntlich wurde die „Landshut“ erstürmt, die Terroristen erschossen, alle Geiseln befreit. Kapitän Jürgen Schumann wurde als einziger hingerichtet. Der Verantwortliche für diese Befreiungsaktion war kein anderer als Alt-Kanzler Helmut Schmidt, der im Film von Christian Berkel als kettenrauchender und elegant kühler Machtmensch dargestellt wird. Würde Ende des Monats gewählt — die absolute Mehrheit wäre ihm sicher. Die Tatsache, daß Schmidt de facto das Leben der Geiseln riskierte, nimmt man — im Film — eher gelassen zur Kenntnis: So muß es wohl sein, denn es geht ja um „die Rettung der Demokratie“, wie Schmidt gleich zu Anfang betont. Neben Thomas Kretschmann zeigen auch Nadja Uhl und Jürgen Tarach ihr Können. Überragend ist der Ex-Boxer Saïd Taghmaoui als der zwischen Brutalität und Verzweiflung schwankende Anführer des Terrorkommandos. Taghmaoui, schafft es, eine Intensität der Gewalt zu verbreiten, die einen die Todesangst der Geiseln regelrecht nachfühlen läßt. Bemerkenswert, daß einen am Schluß fast Mitleid mit dem Entführer überkommt, der mit seinen Geiseln einen Sieg feiern will, der sich dann als geschickt eingefädelte Finte erweist. Fazit: Kein „Verdummungsabend“ von „erbärmlichem Niveau“ (Reich-Ranicki), sondern ein hochwertiger Film, der beweist, daß es doch geht, wenn man will. Fotos: Ch. Berkel als Kanzler Schmidt; Entführerin: „Shut up! — Faschist!“; Terrorist Mahmud (Said Taghmaoui, re.) erschießt Kapitän Jürgen Schumann (Th. Kretschmann)

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