Bekenntnis zur Leistung

Einer Forsa-Umfrage zufolge wäre Dieter Bohlen im Falle einer Ausrottung der Menschheit derjenige, der sich die größten Chancen ausrechnen dürfte, als einziger zu überleben. Fast alles, was er angefaßt hat, ist zu Gold oder Platin geworden. 160 Hits darf er für sich reklamieren, und auch aus dem Fernsehen ist er mit einem der erfolgreichsten Formate aller Zeiten, „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) und „Das Supertalent“ bei RTL, das derzeit mit Superquoten bei den werberelevanten 14- bis 49jährigen punktet, nicht wegzudenken. Vor einigen Jahren hat er sogar auf dem Buchmarkt als der Domäne der Hochkultur seinen Siegeszug angetreten und Auflagen erzielt, die wahrscheinlich jene aller Literaturpreisträger der letzten Jahre zusammengenommen bei weitem in den Schatten stellen. Auch wenn man ihn somit als einen etablierten Autor betrachten darf, nimmt er mit seiner neuesten Veröffentlichung ein Wagnis auf sich. Während er bei der schriftlichen Fixierung seiner Gedanken und Erinnerungen in den Werken „Nichts als die Wahrheit“ (2002) und „Hinter den Kulissen“ (2003) noch auf den journalistischen Beistand von Katja Kessler, der Ehefrau des Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann, zurückgriff und sich in „Meine Hammer-Sprüche“ (2006) auf eine Blütenlese seiner Aphorismen beschränkte, hat er nun in „Der Bohlenweg — Planieren statt Sanieren“ nicht bloß selbst zur Feder gegriffen, sondern eine erste philosophische Ausdeutung seines längst Gemeingut gewordenen Lebens unternommen. Die Gabe, freimütig so zu formulieren, daß breite Bevölkerungsschichten seine Botschaften mühelos begreifen, setzt Bohlen darin souverän ein. Selbst in der Literatur ansonsten eher ungewöhnliche Begriffe aus der sogenannten Fäkal- oder Comicsprache wirken in diesem Kontext keineswegs deplaziert. So sehr er dem Volk auch aufs Maul schaut, so wenig redet er ihm nach dem Mund. Im Gegenteil: Der weitverbreiteten und vielleicht auch durch DSDS unbeabsichtigterweise bestärkten Einstellung, man könnte es bloß durch „Talent“ und ganz ohne Schweiß zu etwas bringen, erteilt er eine derbe Abfuhr. Arbeit und noch einmal Arbeit ist, so Bohlen, die unabdingbare Voraussetzung für jeden Erfolg — und natürlich nicht minder die Standfestigkeit, an Zielen, die man sich gesetzt hat, auch festzuhalten. „Hast du Erfolg, hast du Geld, hast du Geld, hast du Autos, hast du Autos, hast du Frauen“: Der landläufigen Verächtlichmachung materiellen Wohlstandes, von ihm als eine Pseudophilosophie der Neidhammel und Erfolglosen demaskiert, setzt Bohlen ein offenherziges Bekenntnis zur Legitimität des Reichtums entgegen. Gestützt auf zahlreiche Beispiele aus seinem eigenen Leben, mahnt er allerdings, die Freuden, die der Luxus spendet, nicht zu überschätzen: „Kleines Haus, kleine Probleme, großes Haus, ganz ganz große Probleme.“ Und nicht allein das Hausen in einer Villa, in der Personal herumläuft und die Intimität stört und immerzu irgendetwas kaputtgeht oder aufwendig instandzuhalten ist, kann einem den Spaß vergällen.  Wer außer den Betroffenen selbst kann schon ermessen, welche Last einem aufgebürdet ist, wenn man eine Yacht besitzt? Oder wie widerwärtig es sein kann, den gesellschaftlichen Zwängen der oberen Zehntausend ausgesetzt zu sein und Austern („salzige Kinderrotze“) schlürfen zu müssen? Wie gut haben es hingegen jene, die unbekümmert einer Currywurst frönen dürfen: „WOW! Das ist Geschmack! Und Pommes? Richtig geil!“ Dieter Bohlen — nach eigenem Bekunden war er in seiner Jugend bei den Jusos, anderen Quellen zufolge soll er sogar der DKP nahegestanden haben — ist vor jeglicher Verachtung der Massen gefeit. Und mehr noch: Er läßt durchblicken, daß Kernaussagen der marxistischen Philosophie nicht in Vergessenheit geraten sind, sei es die Erkenntnis, daß im Kapitalismus Geld mehr Geld heckt, oder die Hoffnung, daß nicht entfremdete Arbeit möglich ist — Bohlen verweist hier auf sich selbst als leuchtendes Beispiel. Der rote Faden des Buches ist jedoch ein fulminantes Bekenntnis zum Leistungsprinzip und der Marktwirtschaft als dem System, in dem es produktiv zum Tragen kommt. Wo Friedrich Merz mit einer vergleichbaren Botschaft ein bereits hinlänglich konfirmiertes Publikum noch einmal konfirmiert, verfügt Bohlen über das Potential, in die Massen zu wirken. Wenn die Bundeszentrale für politische Bildung ihren Auftrag tatsächlich ernst nähme, insbesondere jungen Menschen unsere Ordnung nahezubringen, müßte sie dieses Buch verbreiten — und nicht die Ladenhüter aus der zweiten Garnitur des Wissenschaftsbetriebes, also, um mit Bohlen zu sprechen, die übliche Klugscheißerscheiße. Dieter Bohlen: Der Bohlenweg, Planieren statt sanieren, Heyne Verlag, München 2008, gebunden, 448 Seiten, 19,95 Euro

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