Aufforderung zum Schlaf

In der Winterzeit ist nicht alles erfreulich: So geht man als "Bürohengst" im größten Schmuddelwetter im Dunkeln zur Arbeit und kehrt nach Hause zurück, wenn die Sonne sich schon wieder verabschiedet hat. Besonders nach dem Mittagessen, wenn der Magen auf Hochtouren läuft, werden die Augen schwer, die Bewegungen langsamer. Was dann folgt, hatte in der Schule eine Ermahnung des Lehrers zur Folge: das Nickerchen. Was in früherer Jugend völlig verpönt war – nun vermißt man es schmerzlich. Bauarbeiter und der Teil des Volkes, der nicht hinter einem Schreibtisch sein täglich Brot verdient, haben kaum Probleme damit. Dabei ist der Büroschlaf keineswegs eine bloße Ausrede arbeitsunwilliger Faultiere.

Nach dem Kurzschlaf bleibt die Konzentration konstant

Im August des letzten Jahres scheiterte Michael Kessler (SPD), immerhin Bürgermeister der niedersächsischen Kleinstadt Peine, mit seinen Plänen in der Stadtverwaltung: Er wollte regulär zum Schläferstündchen bitten, und das hatte einen triftigen Grund. Wissenschaftlich gilt als erwiesen, daß nach einer Ruhephase von rund zehn Minuten die Konzentration und die Leistungsfähigkeit um ein Vielfaches zulegt. Denn die Arbeitsleistung wird nicht nur davon bestimmt, wieviel Zeit wir am Arbeitsplatz verbringen, sondern ob und wieviel davon wirklich effizient gearbeitet wird.

Wissenschaftler wollen errechnet haben, daß weltweit jährlich durch Müdigkeit am Arbeitsplatz rund 400 Milliarden Euro verlorengingen. Arbeitet der workaholic zehn Stunden durch, bringt er seinen Biorhythmus gehörig durcheinander. Sollte dem Arbeitgeber das vollkommen egal sein, könnten zumindest die Aufgaben schlauer über den Tag verteilt werden: komplizierte Aufgaben am besten zwischen 10 und 11 Uhr vormittags oder am späteren Nachmittag erledigen statt am frühen Morgen oder mittags zwischen 13 und 14 Uhr. Das spart geistige Kräfte und schont die Nerven.

Den "Berufspennern" sollte aber stets vor Augen geführt werden, daß mit einem Nickerchen am Schreibtisch nicht gemeint ist, daß die Arbeit gleich mal ein, zwei Stunden liegenbleibt. Nach einem ausgiebigen Mittagsschlaf steigt die Leistungskurve zwar an, fällt dann aber rasch wieder ab. Mit einem Kurzschlaf bleibt die Konzentration bis nach 20 Uhr fast konstant. Also: notfalls den Wecker stellen und sich nach 15 bis 20 Minuten wieder munterläuten lassen, denn sonst fällt man in Tiefschlaf und kommt am Nachmittag nur noch schwer wieder auf das gewohnte Niveau.

Was den städtischen Angestellten von Peine verwehrt blieb, ist in der Steiermark für die 1.700 Mitarbeiter der Sparkassen offiziell genehmigt und in den Vereinigten Staaten und Japan längst der Normalfall. Es ist dort nicht nur gestattet, den Kopf einmal irgendwo hinzulegen; für das "Powernapping" (was soviel wie "Kraft-Nickerchen" bedeutet) wurden extra Ruheräumlichkeiten eingerichtet!

Ein kurzer Mittagsschlaf während der Arbeitszeit fördert die Leistung des Angestellten – egal ob auf dem Bau, am Fließband oder im Büro. Dies sei inzwischen "unbestritten", so der Regensburger Schlafforscher Jürgen Zulley im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT. Ein "strategisches Nickerchen" von maximal 30 Minuten reiche aus, um wieder neu Kraft zu schöpfen. Gute Erfahrungen habe damit unter anderem die Stadt Vechta gemacht, die ihren Angestellten eine solche Ruhepause verordnet habe – allerdings reagiere man in der Stadtverwaltung leicht "genervt" auf Presseanfragen bezüglich der vom Bürgermeister verteilten Schlafmatten, so Zulley. In Deutschland wolle sich kein Chef vorwerfen lassen, daß er eine Firma leite, wo zum Schlaf aufgefordert wird. "Lieber läßt man wissentlich in der Mittagszeit Ausschuß produzieren, als den Bedürfnissen der Angestellten zu folgen", sagte der Chef des Schlafmedizinischen Zentrums. "Dabei machen 22 Prozent der Deutschen mehrmals pro Woche ihr Mittagsschläfchen" und sind damit mehr am Ratzen als die für ihre "Siesta" verschrienen Südeuropäer.

Die Kosten der Schlafschule trägt die Krankenkasse

Ob, wie manche gar vermuten, für diese Schlaffeindlichkeit der westlichen Kultur gar die Bibel verantwortlich ist, wußte Zulley nicht mit Sicherheit zu sagen. "Auf alle Fälle wissen asiatische Völker besser damit umzugehen als wir." Nur in den USA mache man sich verstärkt Gedanken. Damit dies auch in Deutschland besser klappt, kann sich der "Powernapping"-Willige in Zulleys Schlafschule ausführlich über die Vorzüge von Morpheus‘ Armen informieren. Die Kosten hierfür trägt die Krankenkasse! 90 Prozent seiner Schlafschüler wissen von einer Verbesserung zu berichten. Für müde Hauptstädter bietet sich sogar die Gelegenheit, bei Dieter Kunz in der Charité im Schlaflabor ein Schläfchen zum Nutzen der Wissenschaft zu halten.

Wenn im Sommer das Wetter wieder besser wird, können Büroschläfer auf ihre Kosten kommen: Ausgerechnet am Tag, an dem die Sonne am längsten scheint, jährt sich der "Tag des Schlafes" zum neunten Mal. Also Füße hoch am 21. Juni und den Chef überzeugen, daß die Arbeit nach dem Mittagsnickerchen wieder frisch von der Hand geht!

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