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Letzte Versuchung am Pfingstsonntag

Als Arnold Schönberg einmal gefragt wurde, ob er nicht Schuberts „Unvollendete“ vollenden könne, entgegnete der Komponist: Er könne schon, würde es sich aber nicht trauen. Soviel Hochachtung vor einem verehrungswürdigen Gegenstand scheinen offenbar nur wirklich große Künstler zu haben. Andere nehmen es da leichter. Vor allem in der Traumfabrik Hollywood gehört es mittlerweile zum Tagesgeschäft, sich an Menschheitsmythen und Glaubenslehren heranzumachen, sie provokativ umzudeuten und effektvoll zu verwursten. Jüngstes Beispiel: Der Film „Da Vinci Code“, den ein Kardinal des Vatikans mit der Einsicht abstrafte, daß sein Leben zu kurz sei, um sich derlei Unsinn anzuschauen. Unzählige Filmemacher haben sich an der Leidensgeschichte Christi abgearbeitet, kaum jemanden ist die Umsetzung jedoch gelungen. Defoe als Jesus, Keitel als Judas, Bowie als Pilatus Warum, so stellt sich die Frage, will man überhaupt etwas deutend bebildern, was in der Sprache der Evangelien bereits wahrhaftig und formvollendet existiert? Die Antwort darauf findet vielleicht, wer am Pfingstsonntag „Das Vierte“ einschaltet, das „Die letzte Versuchung Christi“ von Martin Scorsese zeigt (4. Juni, 22:00 Uhr). Auch Scorseses Version der Passionsgeschichte wirkt irgendwie flach und bemüht (Stichwort: Jesus als Mensch, seine Liebe zu Maria Magdalena etc.). Daran ändert weder die Starbesetzung mit Willem Dafoe, Harvey Keitel noch die Musik von Peter Gabriel etwas. Vielleicht sollte man statt TV-Fernbedienung einfach das Original zur Hand nehmen, denn, wie sagte Kardinal Poupard treffend: „Das Leben ist kurz.“

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