Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Die neue Suche nach dem Sinn

Als „wir“ Papst wurden, sah der staunende Fernsehzuschauer ungewöhnlich viele junge Leute, die auf dem Petersplatz in entfesselten Jubel ausbrachen, wie er sonst nur bei Fußballspielen oder Tokio Hotel aufbraust. Hatte Ministerpräsident Edmund Stoibers (CSU) einstige Forderung nach einem Bekenntnis zur christlich-abendländischen „Leitkultur“ so schnell gefruchtet? Natürlich nicht. Und trotzdem ist Jesus Christus heute in einer Jugendszene „hip“, die eher in die Kiezkneipe statt zum Kirchentag geht. Wer von religiöser Jugendsubkultur hört, würde wohl zuerst an Gangs muslimischer „Migrantenkids“ denken. Doch der christliche Glaube verzeichnet wachsende Anhängerschaft bei den unter 30jährigen. Und das, obwohl sich die Kirchen weiterhin leeren. Kein Wunder: Die jungen Apostel sind kaum die Gemeinde für einen „Oldschool“-Gottesdienst! Zum Beispiel die Jesus-Freaks: Vielfach Jugendliche, die Punk-Clique und Meßdienerschaft nicht mehr miteinander vereinbaren konnten – und sich darum eben die eigene Punk-Kirche geschaffen haben. In der „Underground Church“ kommt die Predigt nicht von der Kanzel, sondern durch die Verstärker von Punkbands. Die Jesus-Freaks organisieren jährlich die „fetteste“ Party christlicher Jugendsubkultur in Deutschland: das Freakstock-Festival. Aktivist Timm Ziegenthaler erklärt: „Da geht es auf jeden Fall anders ab als beim Kirchentag, Alter!“ Anfang August ging auf der Pferderennbahn Boxberg bei Gotha das elfte Festival vor über sechstausend internationalen Evangelium-Fans über die Bühne. Die gemeinsame Morgenandacht heißt hier ganz aktuell „Morning Praise“ und findet auf der „Main Stage“ statt. Wer es zur Predigt noch nicht aus dem Schlafsack geschafft hat, kann sie zeitgemäß als kostenlose MP3 von der Festival-Webseite herunterladen. Die Kirchenlieder der Jesus-Freaks findet man in keinem katholischen Gesangbuch: Death Metal im Namen des Herrn. Die schöpfergläubigen Musiker erteilen der Evolution eine klare Absage: eine deutsche Band nennt sich „Darwin was wrong“. Eine andere Combo heißt gar „Knights of the new crusade“ (Ritter des neuen Kreuzzuges). Die Musiker sind US-Amerikaner. Ein Schelm, wer böses dabei denkt. Bei den „Holy Riders MC Germany“ steht PS nicht für Psalm: Dieser christliche Motorradclub wurde in Norwegen gegründet. Die Harleys der Mitglieder vom „Chapter Germany“ parken vor dem Clubhaus in Göppingen. In der Gesäßtasche steckt statt der Geldbörse an der dicken Kette – die Bibel. Natürlich im schwarzen Lederumschlag. Ob Jesus Harley fahren würde? Die skurrilste Gemeinde junger Christen sind wohl die „Jesus Skins“, die im Jahre 1997 in Berlin gegründet wurden. Gewalt lehnen diese Jünger keineswegs ab: Hier geht es echt alttestamentarisch zu. Aus dem Song „8 Fäuste für ein Hallelujah“: „Wenn wir durch die Straßen ziehen, um Skinheads zu bekehren, sind manche nicht begeistert und wollen sich beschweren! Wenn wir auf solche Typen treffen, dann geht es ihnen schlecht: Wir sind wie unser Heiland: hart – aber gerecht!“ Christiane Aka erforscht am Institut für Volkskunde der Universität Münster den Wandel religiöser Vorstellungen und Rituale. Aka meint: „Nach einer Phase der Verdrängung spiritueller Themen gibt es jetzt eine Gegenbewegung; eine neue Suche nach Sinn. Die Jugendlichen haben nicht mehr die Protesthaltung der 68er Generation gegen die Kirche. Sie betrachten die christliche Lehre eher wohlwollend distanziert und entwickeln viel unbefangener Interesse.“ Für Aka ist die neue Suche nach Sinn auch ein Abwehrreflex auf den fortschreitenden Verfall ideeller Werte im Zuge der Globalisierung. Salopp gesagt: Wenn das „C“ in CDU nicht mehr für „christlich“, sondern „chaotisch“ steht, sucht die Jugend eben selbst nach Orientierung. Dabei ist jeder seines Glaubens Schmied: Laut Erkenntnissen der Forscherin wird das Seelenheil vielfach individuell zusammengestellt. „Statt des allein gültigen Glaubens wird der Inhalt mit dem aufgeladen, was einem gefällt. Dabei ist den Jugendlichen soziales Gruppengefühl besonders wichtig, das in der Gesellschaft nicht mehr vorgelebt wird.“ Das Paradoxe: Gerade durch die relative Unverbindlichkeit des privaten „Patchwork-Evangeliums“ hat auch die traditionelle Kirche bei Jugendlichen wieder eine Chance. Sicher ist diese Orientierung an Christus keine schlechte Perspektive: Immerhin hat Jesus die Händler aus dem Tempel vertrieben…

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