Superwahljahr

 

„Seine Ehre hieß Treue“

Onkel Franz wird sterben. Er wird uns verlassen und uns mit der Rest-Lindenstraße einfach so allein lassen. Es muß so kommen, da Martin Rickelt, der Darsteller des Franz Wittich („Onkel Franz“), am Karfreitag an den Folgen einer Darmerkrankung verstorben ist. Und das heißt: Die Kultfigur wird in den kommenden Monaten von uns gehen. Für alle, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht regelmäßig am Sonntagabend die ARD-Serie sehen: Franz Wittich ist der Onkel von Helga „Mutter“ Beimer, dargestellt von Marie-Luise Marjan, der auch zeitweise bei ihr und ihrer Familie lebte. Mit seinen beiden rüstigen Freunden Hilmar und Fritjof schwingt Onkel Franz stets rechtsnationale Parolen und wird daher von den ansonsten stramm politisch korrekten Bewohnern der Lindenstraße meist geschnitten. Unvergessen ist Franz Wittichs Engagement bei der Erziehung von Helga Beimers Sohn Klaus. Dem schenkte Franz, bevor „Klausi“ mit ein paar rechts-extremistischen Freunden („Kameraden“) in ein Wehrertüchtigungslager fahren wollte, „seinen alten Wehrmachtstornister“.1991 erlebte Franz seinen zweiten Frühling mit Amélie von der Marwitz. Er faßte sich ein Herz und machte der Adeligen einen Heiratsantrag – doch Amélie wies Franz ab. Ein paar Jahrespäter erleidet Franz einen schweren Herzinfarkt – die Zuschauer bangen um sein Leben. Doch er fängt sich wieder und muß für einige Zeit in ein Seniorenheim an der Tauber ziehen. 1999 zieht er abermals zu seiner Nichte Helga und strebt mit seinem Kompagnon Hilmar die Gründung einer deutschnationalen Partei an, was ihnen aber nicht gelingt. Selbst als Onkel Franz wegen wachsender Altersdemenz von Helga, der die Pflege ihres Onkels über den Kopf wächst, in ein Pflegeheim gebracht wird, kommt er einfach nicht zur Ruhe -diesmal allerdings ohne eigenes Zutun. Hildegard Scholz, die eigentlich Onkel Franz noch bei Helga Beimer zu Hause pflegen sollte, wähnt in ihm einen schlimmen Kriegsverbrecher. Während des Zweiten Weltkriegs soll er in Rußland einen Kameraden aus Neid auf dessen Ritterkreuz erschossen haben. Als Frau Scholz von Onkel Franz Parteigründungsvorhaben erfährt, scheint für sie „alles klar“. Und nun wird Franz Wittich aller Voraussicht nach still und friedlich in seinem Pflegeheim sterben -wenn es der Produzent der Lindenstraße, Hans W. Geißendörfer, so will. Geißendörfer ist auch der Vater und Schöpfer von „Onkel Franz“. Der Altlinke, der stets nur mit einer schwarzen Freischärler-Mütze posiert, wollte mit Franz Wittich eigentlich den Prototyp des fiesen, unverbesserlichen, CSU-wählenden Alt-Nazis kreieren – und herauskam eine in Teilen sogar sympathische Karikatur dessen, was sich Linke als“Rechte“ vorstellen. Franz Wittich trägt hellgraue Hausjacken mit Krawatte, beklagt sich über die Verrohung der Sitten und schimpft auf Asylbetrüger. Gerne beginnt er seine Sätze mit „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber …“ und schwärmt von der Schützengrabenkameradschaft der Weltkriegslandser. Seinem Großneffen Klaus, der heute miteiner Polizistin verheiratet ist und als Redakteur belangloses Zeug für eine Münchner Zeitung verfaßt, brachte er sogar bei, wie man mit einem Gewehr richtig schießt. Onkel Franz brachte Handlung ins linksliberale Fernsehspiel. Denn im Vergleich zu ihm sind die anderen Charaktere weichgespülte Lang-weiler. Da wäre Hans Beimer, der seine Frau Helga verlassen hat und seit einigen Jahren in seiner Patchwork-Familie den Hausmann machen muß. Passend hierzu sondert er zu politischen Themen Betroffenheitsaussagen ab, die so klingen, als wäre Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sein Souffleur. Ebenso unerträglich wie „Hansemann“ ist Hajo Scholz, bei dem man früher wegen seiner nervenden Stotterei schon mal den Ton abstellte. Er, der stets alles immer „gut meint“ wirkt unfreiwillig noch tattriger als Onkel Franz. Ganz zu schweigen von Andreas „Andy“ Zenker, einem stets grantigen „Taxifahrer mit Herz“, was eigentlich schon schlimm genug ist. Momentan betrügt ihn seine Ehefrau Gabriele („Gaby“) – ganz kli-scheemäßig – mit einem Postboten. Oder der Obdachlose „Harry“, der immer wieder endlos schlaumeiert und sich durch alle mögliche Lokale durchschnorrt -auch zu ihm war Onkel Franz Wittich stets das verläßliche Korrektiv. Für Franz hatte man sogar – wahrscheinlich vom Produzenten unbeabsichtigt – Verständnis. Etwa als er für die Gründung seiner „Partei der Freunde des Vaterlands“ eine Benefiz-Veranstaltung im griechischen Lokal Akropolis machen will, da dort schließlich bereits eine Veranstaltung zur Unterstützung des Ogoni-Stammes in Nigeria abgehalten wurde. Ogoni oder Deutsche -schließlich gehe es doch um das Volkstum. Doch Vasily Sarikakis, der Inhaber des Lokals, mag dem ethnopluralistischen Ansatz von Onkel Franz nicht folgen und erteilt ihm eine Absage. Die eigentliche Parteigründung geht in die Hose, da ein Partyservice den Auftrag mißverstand und die Beimersche Wohnung, wo die Veranstaltung dann stattfinden sollte, faschingsmäßig statt feierlich dekorierte. Dadurch scheiterte die nationale Sammelbewegung bereits im Ansatz, und Onkel Franz wandte sich verbittert vom politischen Engagement ab. Typisch rechts…Was bleibt, ist ein tiefes schwarzes Loch, das Onkel Franz hinterläßt. Keiner der Darsteller wird es ausfüllen können, nicht einmal die ewig nörgelnde Else Kling, die zwar ab und an die klein-bürgerliche CSU-Sozialneiderin und Blockwärtin spielen darf, aber weit von der ideologischen Unbeirrbarkeit eines Franz Wittich entfernt ist. Selbst ihr Sohn Olaf, der eine bayerische Würstchenbude betreibt, mutierte in den vergangenen Jahren vom fiesen Schweinebauch-Rechten zum „netten Kerl“. Auch Geißendörfer selbst ahnt bereits, daß mit Onkel Franz kein x-beliebiger aus der Vorabendserie entschläft. So würdigt er den Schauspieler Rickeltals einen „der wenigen, für die ‚Treue und Ehre‘ wichtiger waren, als Erfolg“. Kein Wunder, daß auf der Lindenstraßen-Internetseite ein „Skullmann666″kondoliert: „Ein ganz Großer ist gegangen!“ – die Lindenstraße wird ohne Onkel Franz noch ärmer sein, als sie ohnehin schon war.

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