Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Keine fünf Ringe für die Sachsenmetropole

Mittlerweile hat sich die anfängliche Wut in der Leipziger Region über die Tatsache, daß die traditionsreiche Messestadt nicht in die offizielle Liste der Olympiabewerberstädte des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) für 2012 aufgenommen wurde, bereits wieder etwas gelegt. Zurück bleibt – zumindest im Augenblick – das Gefühl einer allgemeinen Enttäuschung; aber auch genug Zeit, einmal nüchtern die Ursachen der mißlungenen Bewerbung zu analysieren. Der ausführlichen Beleuchtung dieser zumeist von den Medien nur in wenig transparenter Form dargelegten Hintergründe widmet sich das zum Jahresbeginn 2004 im Leipziger Forum-Verlag erschienene Buch „Operation 2012 – Leipzigs deutscher Olympiatrip“. Der Sammelband, gestaltet von dem Autorenteam Grit Hartmann, Cornelia Jeske und Jens Weinreich, besteht überwiegend aus Reportagen und Interviews. Mit ihrer Hilfe wird ein zwar durchaus differenziertes, zugleich aber auch durchweg ehrliches und schonungsloses Bild der konkreten Zustände in den kommunalen Gremien des heutigen Leipzig entworfen, welches zutiefst erschrecken läßt. Die Autoren decken bei ihrer Untersuchung jedes einzelnen Schrittes der Olympiabewerbung der Stadt etwas auf, was nicht nur im schroffen Widerspruch zum offiziellen Motto „One Family“ steht, sondern diesem zugleich einen höchst unangenehmen Beigeschmack verleiht. Da wurden Personen, die sich bereits in den letzten Jahrzehnten durch äußerst fragwürdiges Geschäftsgebaren ausgezeichnet haben und eine zumeist unklare Vergangenheit besitzen, bedenkenlos mit Unterstützung des Oberbürgermeisters Wolfgang Tiefensee (SPD) in Schlüsselpositionen des Bewerberkomitees beschäftigt. Da wurden ohne jede offene Ausschreibung an „Freunde“ Großprojekte vergeben, so daß das Gebaren und die Begleitumstände eher an Zeiten des 1989 durch das mutige Auftreten der Bevölkerung implodierten Systems als an marktwirtschaftliche Verhältnisse erinnern. Eine brisante Mischung von Details aus Sport, Politik und Wirtschaft macht „Operation 2012“ äußerst lesenswert, löst aber auch tiefe Betroffenheit aus. Nach der Lektüre des Buches kann kein Zweifel darüber bestehen, daß zunächst der Leipziger „Sumpf“ beseitigt werden muß, bevor sich die Stadt weiteren Bewerbungen für Großprojekte erfolgreich widmen kann. Operation 2012 – Leipzigs deutscher Olympiatrip. Forum-Verlag, Leipzig 2004, 296 Seiten, 22,90 Euro

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