Immerhin eine Bedrohung

Am vorvergangenen Montag zog der 47jährige John Lydon im Rahmen des auf ITV ausgestrahlten britischen Pendants zum neuen TV-Klassiker „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ in ein australisches Dschungelcamp ein, um sich gemeinsam mit neun weiteren Kandidaten einigen Prüfungen und vor allem dem Votum der Zuschauer zu stellen. John Lydon, zeitweilig besser bekannt unter dem Namen Johnny Rotten, war in den Jahren zwischen 1976 und 1978 als Frontmann der Sex Pistols auf seine Weise eine internationale Berühmtheit. Nach der Auflösung der Band stellte er mit Public Image Limited (PIL) unter Beweis, daß er mit ausgereifteren musikalischen Mitteln über den schnellebigen Tag hinaus Aufmerksamkeit verdiente – allerdings verfolgte er seit dieser Zeit auch bereits bescheidenere Ziele als die überfällige Apokalypse. Die Ziele, die ihm bei seiner neuen TV-Präsenz vor Augen stehen, dürften sich nun nicht mehr sehr wesentlich von jenen seines deutschen Kollegen Costa Cordalis unterscheiden. Immerhin schließt sich für John Lydon durch sein Mittun im ITV-Spiel ein Kreis. Ihr Blitzauftritt am 1. Dezember 1976 in der von diesem Sender ausgestrahlten Show „Thames Today“ hatte die Sex Pistols als Feinde eines angeschlagenen Common Sense in die Schlagzeilen gebracht. Sie entfesselten den Skandal, den zumindest ihr Manager Malcolm McLaren intendierte. Wer das Protokoll dieses Auftritts im Abstand von fast drei Jahrzehnten nachliest, kann die damalige Aufregung kaum noch nachvollziehen. Die Höhepunkte schriller Formate des Privatfernsehens von heute wurden lediglich vorweggenommen. Es ist also nicht unbedingt ein Stilbruch, den man John Lydon vorzuwerfen hätte. Auch das Bemühen, Popularität oder das, was von ihr übriggeblieben ist, in bare Münze umzusetzen, widerspricht nicht der Praxis, die den Punk bereits in seiner Blüte auszeichnete. Der anderen Leitfigur der Sex Pistols ist diese Chance zur Vollendung nicht gegeben gewesen. Sid Vicious, mit bürgerlichem Namen John Simon Ritchie, schied bereits vor 25 Jahren, am 2. Februar 1979, aus dem Leben. Kurz zuvor war seine Lebensgefährtin, die Amerikanerin Nancy Spungen, im New Yorker Chelsea Hotel unter nie restlos aufgeklärten Umständen gestorben. Ob das Messer in ihrem Leib einen verabredeten, jedoch nicht komplett realisierten Doppelselbstmord zum Ausdruck brachte oder aber seinen Weg dorthin in einem anderen Zusammenhang gefunden hatte, blieb offen. Die Überdosis Heroin bewahrte jedenfalls Sid Vicious davor, mit welcher Urteilsbegründung auch immer für eine längere Zeit hinter amerikanische Gefängnismauern zu wandern. Zu diesem Zeitpunkt bestanden die Sex Pistols bereits nicht mehr, und die Welle, die losgetreten zu haben sie sich auf ihre Fahnen schrieben, war gebrandet. Punk hatte sich als ein Pop-Phänomen etabliert und war damit, wenn man es puristisch betrachten wollte, ad absurdum geführt. Die Plattenindustrie und die Vereinnahmung durch eine organisierte Linke mit wenig Flair, aber viel Infrastruktur beraubte ihn seines Reizes, gegen alles, bei Bedarf aber auch für alles zu sein. Der Tod von Sid Vicious paßte in diese Seelenlandschaft: Er markierte, daß etwas zu Ende war. Jeder war seiner Verpflichtung gegenüber dem Geist der im Krematorium verabschiedeten Vergangenheit entbunden. Man darf darüber nicht erzürnen. Viele interessante Karrieren mit viel immer wieder hörenswerter Musik waren die Folge. Nur wenige sind daran zugrunde gegangen, daß sich das Unmögliche zwar fordern, aber nicht erreichen ließ. Man litt eher darunter, daß der über einige Monate hinweg sehr intensive Augenblicksgenuß nicht zu konservieren war. Auch der Tod von Sid Vicious geht nicht auf die Rechnung verflüchtigter oder gar verratener Ambitionen. Er hat ihn ereilt, wie ihn seine ganze kurze Karriere ereilt hat: letztlich ohne eigenes Zutun. Sid Vicious ist in die Sex Pistols hineingeraten, als diese musikalisch bereits alles zum Ausdruck gebracht hatten, wofür sie zu stehen schienen. Nur ganz wenige Songs entstanden noch, nachdem Glen Matlock von ihm am Bass abgelöst worden war, es sind per se nie sehr viele gewesen, die die Gruppe im Repertoire hatte. Sid Vicious wurde ein Sex Pistol, weil er besser in das Konzept von Malcolm McLaren paßte, der die jungen Männer, ohne daß sie bislang viel mit Musik zu tun gehabt hatten, so zur Band formte, wie es später Majors mit manch anderen Boy Groups zu tun pflegten. Der Manager schien das Gefühl zu haben, daß es in der Live-Performance neben John Lydon noch eines unberechenbaren, explosiven Elements bedurfte. Mit Sid Vicious, der auf Konzerten bereits aus dem Zuschauerraum heraus für einiges Aufsehen gesorgt hatte, war die richtige Wahl getroffen. Allerdings blieb ihm auch hier nur wenig Spielraum, um wirklich etwas Neues zu bieten. Den Terror gegen das Publikum und sich selbst hatte schon Iggy Pop längst auf die Bühne geholt. Punk lebte weniger von der Innovation als von dem Vermögen, sich des Arsenals der Subversion zum richtigen Zeitpunkt zu bedienen. Man konnte die Gesellschaft nicht verändern. Man konnte sie aber immerhin bedrohen. Selbst ein Jimmy Carter hat seinerzeit den Fehdehandschuh aufgegriffen und die „nationale Malaise“ beklagt, als deren Symptom der Punk sich manifestiere. Seither lebt man in dem beruhigenden Gefühl, daß Konventionen immer wieder erschüttert werden können. Auch die Mechanismen der Popindustrie wurden nicht außer Kraft gesetzt. Die Sex Pistols haben den „Great Rock’n’Roll Swindle“ aber auf die Spitze getrieben und damit transparent gemacht. Davon zehren wir noch heute. Da wir die Spielregeln durchschauen, ist der Popgenuß von Illusionen ungetrübt.

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