Eine Resilienzübung mit Neil Diamond – auf diese Kurzformel könnte man den Inhalt des musikalischen Filmdramas „Song Sung Blue“ bringen. Das ist – Musikexperten haben es längst bemerkt – der Titel eines Evergreens des Sängers aus dem 1972 auf den Markt gekommenen Album „Moods“. Um den begnadeten Interpreten dreht sich so ziemlich alles in dieser filmischen Hommage von Regisseur und Drehbuchautor Craig Brewer, die ebenso sehens- wie hörenswert ist.
„Ich bin ein Entertainer.“ Mit diesem schlichten Bekenntnis eröffnet Brewer seinen Film – und zeigt uns dann auch bald, in welch wenig berauschendem Rahmen es fällt: in einer Versammlung der Anonymen Alkoholiker. Gesprochen wird der Satz von Mike Sardina (Hugh Jackman, bekannt geworden als Wolverine in den „X-Men“-Filmen), der vor versammelter Runde den zwanzigsten Jahrestag seines Trockenwerdens begeht. Mit einem Liedchen, wie es sich für einen Musiker gehört. Wenn er nicht bei den AA sitzt, verdingt sich Sardina als Tingeltangel-Sänger auf Veranstaltungen von mittlerer bis geringer künstlerischer Qualität. In diesem Milieu der sogenannten Cover-Bands kommt es zum Eklat, als er die ihm zugewiesene Rolle (samt alberner Perücke) ablehnt.
Was anmutet wie der Auftakt zum endgültigen Absturz des Mannes, der sich schon jetzt privat als Mechaniker Geld hinzuverdienen muß, um seine fast erwachsene Tochter Angelina (King Princess) durchzubringen, wird zum Glücksfall. Denn als Sardina, der gern als Lightning („Blitz“) mit den dazu passenden fulminanten Klamotten singen möchte, in seiner neuen Rolle auftritt, trifft er die Liebe seines Lebens: seine Seelenverwandte Claire Stengl (Kate Hudson), die ebenfalls mit häßlichen Perücken zu kämpfen hat und sich vorzugsweise als Interpretin von Patsy-Cline-Liedern auf die Bühne stellt.
Neil-Diamond-Tribute-Band hat reales Vorbild
Der Blitz ist wie vom Donner gerührt. Die Chemie stimmt sofort. Schnell werden die beiden ein Paar, zunächst beruflich, dann auch privat. Mit Claire an seiner Seite glaubt der Vietnam-Veteran seinen lang gehegten Traum verwirklichen zu können, als Neil-Diamond-Interpret aufzutreten. Kongenial fügt sich Claire in sein Bühnenkonzept ein und gibt sich den Namen Thunder („Donner“). Unter dem neuen Namen Lightning & Thunder treten sie als Neil-Diamond-Tribute-Band auf und ernten rasch Erfolge. Auch privat läuft es nach Startschwierigkeiten prima. Beide sind alleinerziehend, ihre Töchter Rachel und Angelina, etwa gleich alt, verstehen sich auf Anhieb. Bald läuten die Hochzeitsglocken, und der Himmel hängt voller Geigen, als zur totalen Begeisterung ihrer Kinder der Frontmann von Pearl Jam, Eddie Vedder, anruft und das Duo als Vorgruppe für seinen Auftritt in Milwaukee engagiert.
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Doch was sich nach einer Bilderbuchkarriere anhört, steht von Anfang an unter einem ungünstigen Stern: Sardinas lange Alkoholsucht hat sein Herz geschwächt. Die Anzeichen für einen Zusammenbruch mehren sich. Jäh ereignet sich ein tragisches Unglück, das Claire völlig aus der Bahn wirft und Kate Hudson zu Hochform auflaufen läßt. Lange Zeit sieht es nicht so aus, als ob die vom Schicksal Geschlagene wieder auf die Beine kommen könnte. Resilienz ist gefragt. Wer mit dem Modewort nichts anfangen kann – hier bekommt er Anschauungsunterricht. Ein Foto am Schluß des Films verrät es: Lightning & Thunder hat es tatsächlich gegeben. Claire und Mike Sardina tingelten in den Achtzigern und Neunzigern des letzten Jahrhunderts tatsächlich unter diesem Namen durch die Clubs von Milwaukee.
Ein bißchen „Crazy Heart“ (2009), ein bißchen „A Star Is Born“ (2018) und eine Prise „Walk the Line“ (2005): So könnte man das Rezept für „Song Sung Blue“ umreißen. Klar, es gibt Elemente aus bekannten Genre-Vorbildern, die dieses engagierte Musikdrama von Craig Brewer nicht gerade wie frisch aus dem Ei gepellt aussehen lassen. Und doch weiß „Song Sung Blue“ zu begeistern.
„Song Sung Blue“ könnte Hudson Oscar einbringen
Dabei hilft es natürlich enorm, wenn man die Musik von Neil Diamond mag, dessen berühmteste Stücke (natürlich ist „Sweet Caroline“ dabei) Jackman und Hudson alias Lightning & Thunder hier mehr als einmal zu Gehör bringen. Wen aber dessen eingängige Melodien nicht so vom Hocker reißen, den dürften die darstellerischen Höhenflüge der beiden Hauptdarsteller für die so entstehenden Längen entschädigen. Denn sowohl Hugh Jackman als auch Kate Hudson, die schon am Beginn ihrer Karriere in „Fast berühmt“ (2000) in einem Musikdrama mitwirkte und somit für die Rolle der Claire eine naheliegende Wahl war, gehen voll in ihren Rollen auf.
Hudson, die vor allem in der Filmmitte, in der Claire an den Folgen des Unglücks zu zerbrechen droht, ungeahnten Mut zur Häßlichkeit an den Tag legt, wird bereits für den Oscar gehandelt. Und bei den am kommenden Wochenende vergebenen Golden Globes dürfte sie mit ihrem wuchtig-emotionalen Auftritt zum Favoritenkreis gehören.
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Filmstart von „Song Sung Blue“ war der 8. Januar.





