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Filmkritik: Generation kaputt

Filmkritik: Generation kaputt

Filmkritik: Generation kaputt

Das Provinzdrama „Wann kommst du meine Wunden küssen“ porträtiert drei Schwestern im Schatten der 68er Generation
Das Provinzdrama „Wann kommst du meine Wunden küssen“ porträtiert drei Schwestern im Schatten der 68er Generation
Das Provinzdrama „Wann kommst du meine Wunden küssen“ porträtiert drei Schwestern im Schatten der 68er Generation Foto: MFA+ FilmDistribution
Filmkritik
 

Generation kaputt

Das Provinzdrama „Wann kommst du meine Wunden küssen“ porträtiert drei Schwestern, die in einen Zustand totaler Heillosigkeit abgleiten. In einer beklemmenden Atmosphäre versuchen sie, das Erbe der 68er-Generation für sich persönlich neu auszuhandeln.
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Filme, die mit den Werten und Idealen der Achtundsechziger-Generation nicht mehr so wohlwollend umgehen, wie man das jahrzehntelang in der Kulturbranche gewohnt war, haben in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen. Das liegt zweifellos an der simplen Erkenntnis, daß man – frei nach Abraham Lincoln – alle Menschen (einschließlich sich selbst) eine Zeitlang betrügen kann und einen Teil der Menschen (einschließlich sich selbst) die ganze Zeit, aber nicht alle Menschen die ganze Zeit. In Anbetracht der jüngsten Fehlleistungen der politisch regen Regenbogenliga dürften noch eine ganze Reihe satirischer oder sarkastischer Beiträge auf die Zuschauer zukommen.

Die Regisseurin Hanna Doose beschreitet mit dem auch von ihr geschriebenen Film „Wann kommst du meine Wunden küssen“ einen Mittelweg: Sie blickt zwar durchaus wohlwollend auf ihre drei strauchelnden Heldinnen, die Schwestern Kathi (Katarina Schröter), Maria (Bibiana Beglau) und Laura (Gina Henkel), verhehlt die verhängnisvollen Ursachen der Fehlentwicklungen, die ihre Lebenszüge aus den Gleisen geschleudert haben, jedoch nicht.

Ihre gemeinsame Mutter, eine Künstlerin mit typischer Biographie der Achtundsechziger-Generation, hat sich vor vielen Jahren umgebracht. Vom Vater ist nie die Rede. Als alte Skulpturen der Mutter öffentlich ausgestellt werden, sagt eine Nachbarin: „Das ist furchtbar.“ Sie meint aber nicht die Kunst, sondern die Tatsache, daß die Mutter ihre Töchter um der Kunst willen total vernachlässigt hat.

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Der Hof im Schwarzwald, auf dem die seltsamen Skulpturen ausgestellt werden, gehört den drei Schwestern gemeinsam. Laura, die jüngste der drei Geschwister, züchtet dort Ziegen. Das Herz ihres Mannes Jan (Alexander Fehling) schlägt jedoch weniger für Öko-Ziegenmilch als für sein privates Tonstudio, das er sich in einem Zimmer des Gehöfts selbst eingerichtet hat. Da die Liebe zwischen den beiden längst erkaltet ist und die 42jährige außerdem endlich ein Kind möchte, betrügt sie Jan mit dem Gastwirt Michi (Godehard Giese).

Selbstfindung am Rande des Wahnsinns

Was die drei Schwestern zu Beginn der SWR-Koproduktion eigentlich zusammenbringt, ist aber das Damoklesschwert, das über der ältesten Schwester Kathi hängt. Die ist nämlich lebensbedrohlich an Krebs erkrankt. In ihrer Not sucht sie ihr Heil in schamanistischen Ritualen. Mit einer schwarzen Augenmaske streift sie durch die nahen Berge, bringt sich im Rahmen der rituellen Kambo-Therapie, die sie sich bei indigenen Völkern abgeschaut hat, Brandverletzungen bei und bereitet Kräutertees zu.

Während Kathi sich in ihren nutzlosen Kulthandlungen verliert, rechnen Maria und Laura miteinander ab. Jan war nämlich früher, als die Schwestern in Berlin erfolgreiche Szene-Musiker waren, mit Maria zusammen, ehe Laura ihn ihr ausspannte. Schließlich kommt auch noch heraus, daß Maria, die in Berlin zuletzt als Video-Künstlerin an einem Projekt in LGBT-Kreisen gearbeitet hat, beruflich vor einem Scherbenhaufen steht und ihre Miete nicht mehr bezahlen kann.

Fast zu viele Milieu-Klischees der 68er-Generation

Es sind fast zu viele Milieu-Klischees, die Hanna Doose ihren durch den Zerstörungsgeist der Generation von 68 gezeichneten Heldinnen ins Drehbuch geschrieben hat. Egal, welche Rezepte Kathi, Maria und Laura ausprobiert haben und auch jetzt während ihres Zusammenseins im Schwarzwald wieder ausprobieren, ökologische Landwirtschaft, Promiskuität, Rauschgift, Esoterik, Mystizismus – nichts funktioniert richtig, nichts hilft weiter, nichts befreit. Eher wird alles nur noch schlimmer.

Es ist beklemmend, mit anzusehen, wie schwer die drei Schwestern an dem schweren Erbe, das ihre verantwortungslose Mutter ihnen hinterlassen hat, zu tragen haben. Es ist der sprichwörtliche Mühlstein um den Hals, der sie jederzeit endgültig in den Abgrund ziehen kann. Ungehört verhallt in diesem aufwühlend realistischen Film der Hilferuf, der sich im Filmtitel äußert. Denn wer soll da schon kommen?

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Filmstart von „Wann kommst du meine Wunden küssen“ ist der 2. Februar. 

JF 05/23 

Das Provinzdrama „Wann kommst du meine Wunden küssen“ porträtiert drei Schwestern im Schatten der 68er Generation Foto: MFA+ FilmDistribution
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