Joachim Kuhs
ARD
Helge Fuhst Foto: NDR/Nadine Rupp

„Tagesthemen“
 

ARD-Journalist wünscht sich überraschende Meinungen statt Mainstream

BERLIN. Der Zweite Chefredakteur von ARD-aktuell, Helge Fuhst, hat sich für mehr Meinungsvielfalt bei den Kommentaren der „Tagesthemen“ ausgesprochen. Man wolle das Meinungsspektrum in der Nachrichtensendung stärken, sagte Fuhst der Welt. „Denn es gibt die unterschiedlichsten Meinungen bei uns in der ARD. Wir müssen sie nur noch sichtbarer machen. Gerade die föderale Struktur der ARD zeigt verschiedene Perspektiven, wir müssen dabei allerdings die richtige Mischung finden.“

Es gebe bei den Zuschauern den Wunsch nach einer größeren Meinungsvielfalt. Dies habe sich zum Beispiel 2019 bei den Kommentierungen zum Klimawandel gezeigt. „Wir dürfen in den ‘Tagesthemen’ nicht den Eindruck erwecken, daß wir die Menschen missionieren wollen. Wir geben Einschätzungen und Denkanstöße. Die ARD ist so breit aufgestellt, daß wir unseren Meinungspluralismus sichtbar machen und sich die Zuschauerinnen und Zuschauer selbst eine Meinung bilden können.“

„Müssen die Gesellschaft abbilden“

Teilweise gelinge es auch schon, mehr Meinungsvielfalt abzubilden, zeigte sich der Zweite Chefredakteur von ARD-aktuell erfreut. „Inzwischen kommentieren in den ‘Tagesthemen’ endlich etwa so viele Frauen wie Männer. Was uns beispielsweise noch guttun würde, sind jüngere Gesichter. Wie blickt jemand mit Mitte 20 auf das Weltgeschehen?“ Er sei optimistisch, daß die Auswahl der Kommentatoren sich weiter verändern und dadurch auch diverser werde.

Die Entscheidung, wer in den „Tagesthemen“ kommentiere, fälle die ARD-Chefredaktion mit den Kollegen aller neun ARD-Sender, erläuterte Fuhst. Dabei werde dem Kommentator aber nicht vorgegeben, in welche Richtung sein Beitrag gehen solle. Inhaltlich einzugreifen, sei tabu. „Früher ging es da viel um politischen Parteienproporz, der spielt heute keine Rolle mehr. Statt dessen müssen wir sicherstellen, daß wir die Gesellschaft abbilden und sich die Zuschauerinnen und Zuschauer in den verschiedenen Meinungen wiederfinden können.“ Dazu brauche man mehr als beispielsweise urbanes Lebensgefühl.

„Jede Meinung kann Reflexe auslösen“

Es sei zwar durchaus möglich, daß es bei den Öffentlich-Rechtlichen derzeit zu wenig konservative Stimmen gebe, die wahrgenommen würden. Auch seien einige konservative Kollegen vielleicht vorsichtig mit ihren Aussagen, weil sie einen Shitstorm fürchteten oder sich sorgten, in eine Ecke gestellt zu werden. Damit hätten aber alle Journalisten zu kämpfen, denn jede Meinung könne heute heftige Reflexe auslösen.

Wenn es aber um das Vertrauen der Zuschauer gehe, sei ein anderer Punkt entscheidend: „Daß wir uns nicht immer in den Mainstream einreihen, sondern immer wieder andere, überraschende Meinungen als Denkanstöße geben.“ (krk)

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