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„Unsere Mütter, unsere Väter“
 

Kein Klischee ausgelassen

In den letzten Tagen konnte man meinen, das Rad sei neu erfunden worden. Auf allen öffentlich-rechtlichen Kanälen und Medien wurde die ZDF-Serie „Unsere Mütter, unsere Väter“ vor und nach der Ausstrahlung als der künftige Maßstab für die Zeitgeschichte abgefeiert. Endlich solle ein Gespräch der Generationen zustande kommen, ließ beispielsweise die FAZ wissen. Jetzt erst sei zu sehen, wie die Älteren zu dem geworden seien, was sie waren.

Das konnte natürlich nur scheitern. Längst sind die Zeitzeugen entweder verstorben oder in sehr hohem Alter. An einem Gespräch mit ihnen waren in den letzten Jahrzehnten gerade die großen Medien demonstrativ desinteressiert. Man konstruierte sich besonders nach der Vereinigung von 1990 eine Vergangenheit, wie sie in das gewünschte Reueverhalten der deutschen Gesellschaft passen sollte, nicht wie sie war.

Das geschah ganz bewußt gegen die Erinnerung der Kriegsgeneration. Wer von sich behauptete, er habe tapfer gekämpft und auf die Nöte und Zwänge in einem Krieg, zumal gegen verbrecherische Gegner verwies, der wurde umgehend aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen.

Der Krieg ist irgendwie vom Himmel gefallen

Im ZDF-Film läßt sich das noch einmal gut beobachten. Er komprimiert die Klischees in einer Kurzbiographie von fünf Personen. Der Krieg ist irgendwie vom Himmel gefallen, als der Film im Jahr 1941 einsetzt. Es wird die UdSSR angegriffen, warum wird nicht gesagt. Alle Figuren, die Dienst tun, bringt der Film umgehend mit Verbrechen in Zusammenhang.

Dabei wird kein Standard ausgelassen. Kommissare der Roten Armee werden erschossen, als wenn nicht Hitler selbst sich lauthals beschwert hätte, daß die Wehrmacht dies unterlassen hätte. Zivilisten werden über Minenfelder getrieben. Ukrainerinnen sind menschlich und medizinisch kompetent, deutsche Krankenschwestern in beidem inkompetent und außerdem verräterisch. Die SS ist betrügerisch und korrupt. Sowjetische Verbrechen gibt es nicht. Die Kamera fährt nicht durch die Leichenberge an Ermordeten, die die Rote Armee 1941 auf dem Rückzug hinterlassen hat, und von denen es entsetzlich beeindruckende Aufnahmen gibt, sondern irgendwie durch blühende sowjetische Landschaften.

Jene systematischen Vergewaltigungsorgien, mit denen der Krieg in Berlin 1945 endete und vor denen die Opfer noch jahrelang „nachzitterten“ wie Bert Brecht in sein Tagebuch schrieb, verhöhnt der Regisseur mit dem Auftritt eines weiblichen Sowjetoffiziers. Offenkundig frisch aus dem Friseursalon kommend, stoppt die Brünette die Vergewaltigung – man sei schließlich als Befreier unterwegs. Dann wird das Beinahe-Opfer noch für den Wiederaufbau rekrutiert, während der Westen – kleiner Fußtritt aus der Ära des realsozialistischen Films – dafür den rechtzeitig gewendeten SS-Chargen einsetzt.

Künstlerisch legitim

Aus der Perspektive eines Regisseurs ist es künstlerisch legitim, einen solchen Film zu drehen. Er darf verkürzen, er kann bringen, was er für richtig hält. Aber dieser Dreiteiler war und ist eben nicht als Kunstwerk konzipiert worden, das sich auf einem freien Markt zu behaupten hätte.

Es ist Teil einer umfassend per „Demokratieabgabe“ subventionierten politischen Bildung. Umgehend führte das ZDF eine Schulklasse vor, die den Film aktuell ansehen mußte. Ungezählte weitere werden folgen. Zu einer Aufklärung über die jüngere deutsche Geschichte, die diesen Namen verdienen würde, trägt das wenig bei. Aber das ist ja nichts neues, das Rad der politischen Bildung war in Bundesdeutschland schon immer eckig.

Ahriman Verlag
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