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Rezension: Drehscheibe Indischer Ozean

Rezension: Drehscheibe Indischer Ozean

Rezension: Drehscheibe Indischer Ozean

Deutsche Truppen in Tunesien 1943: Indischer Ozean als Schlüssel zum Sieg der Briten? Foto: picture-alliance / akg-images | akg-images
Rezension
 

Drehscheibe Indischer Ozean

Am 6. Juni 1941, kurz vor Beginn des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion, hatte Großadmiral Erich Raeder einen wichtigen Termin auf dem Berghof. Ein letztes Mal – und natürlich wieder vergeblich – wollte der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine den auf Eroberung von „Lebensraum im Osten“ fixierten Adolf Hitler von seiner „Mittelmeerstrategie“ überzeugen. Die bestand darin, die britische Machtstellung zwischen Malta und dem Persischem Golf zu erschüttern.

Zu diesem Zweck, so führte eine von ihm überreichte Denkschrift Hitler vor Augen, sollten der Suezkanal und die Seeverbindungen im Roten Meer vermint werden, um die über den Indischen Ozean anlandenden, der Bewaffnung und Versorgung der gegen Rommels Afrikakorps kämpfenden 8. Britischen Armee dienenden Lieferungen der offiziell noch „neutralen“ USA zu unterbinden. Raeders Memorandum endet mit der vollen geopolitischen Durchblick verratenden Feststellung, die Beherrschung des östlichen Mittelmeers sei von einer „beträchtlichen Ausstrahlung auf den gesamten Nahen Orient und darüber hinaus nach Indien von ausschlaggebender Bedeutung für die Entwicklung der Gesamtkriegführung“.

Mit anderen Worten: Wer die Levante und den Vorderen Orient wie Hitler als „Nebenkriegsschauplatz“ behandle, werde den Krieg verlieren. Diese als kühle Lageanalyse verkleidete Prophetie erfüllte sich bekanntlich im Herbst 1942, als Rommels Vormarsch bei El Alamein, der „Alexanderzug“ (Peter Bamm) des deutschen Ostheeres im Kaukasus und in Stalingrad endete.

Unterschätzte Drehscheibe

Den israelischen Historiker Dan Diner, der aus Raeders Denkschrift zitiert, hat sie offenbar angeregt, den Zweiten Weltkrieg aus einer „wenig geläufigen Perspektive“ darzustellen. Anders als, immer noch, die meisten bundesdeutschen Zeithistoriker, die ihre „eurozentrischen“ Scheuklappen nicht ablegen können, schaut Diner nicht vom Dritten Reich aus, das für ihn der „zentrale Verursacher des Weltenbrandes“ bleibt, sondern vom äußersten nordwestlichen Zipfel des britischen Herrschaftsbereichs in Asien auf dieses Menschheitsdrama.

Vom arabisch-jüdischen Palästina, seit 1922 britisches Mandatsgebiet, das, abgesehen von wenigen Angriffen der deutschen und italienischen Luftwaffe auf Haifa und Tel Aviv, vom eigentlichen Kriegsgeschehen nicht betroffen war und auf dessen Geschichte Diner sich leider zu sehr konzentriert, weitet sich der Horizont glücklicherweise nach Osten. Daher wird Indien „beständig als Referenz der Gesamterzählung aufgerufen“. Und folglich kommt bei ihm auch dem Indischen Ozean, „dem britischen Binnenmeer“, aufgrund seiner herausragenden Stellung für die global ausgelegte alliierte Logistik eine überragende Bedeutung zu. Von jener maritimen Drehscheibe gerat für Diner der Zweite Weltkrieg eigentlich erst „als Ganzes“ in den Blick.

Über Persien lief Stalins kriegsentscheidender Nachschub

Über den Indischen Ozean lief die anglo-amerikanische Versorgung der drei wichtigsten Fronten des Krieges. Erstens: Durch den vom Golf zur Wolga führenden „Persischen Korridor“ erhielt die Rote Armee Öl, vor allem Flugbenzin, die Hälfte ihres Bedarfs an Sprengstoffen, 10.000 Jagdflugzeuge, 10.000 Panzer, 400.000 Jeeps und Lastkraftwagen. Der kriegsentscheidende Wert dieser Nachschublieferungen ist von linientreuen Sowjethistorikern zwar stets bestritten worden, doch für Diner steht außer Zweifel, daß sie der Roten Armee zu einem „Mobilitätsschub“ gegenüber der „untermotorisierten Wehrmacht“ verhalfen. Der habe sich schon während der Kursker Schlacht im Juli 1943 ausgewirkt und erst recht bei der Großoffensive gegen die Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944. Auf motorisierten US-Radfahrzeugen seien die Russen nach Berlin gefahren.

Zweitens erreichten, wie von Erich Raeder befürchtet, vom Indischen Ozean aus die größtenteils mit Rüstungsgütern aus US-Produktion bestückten Transporte via Rotes Meer Ägypten und die 8. Britische Armee, die dank dieser üppigen Versorgung bis Anfang 1943 Rommels deutsch-italienische Verbände bis nach Tunesien zurückschlagen konnte. Und drittens wurde in indischen Häfen jene Fracht gelöscht, die dann von den Flugbasen des östlichen Subkontinents nach Südchina abging, um die dort gegen die japanischen Invasoren fechtenden Truppen Tschiang Kaischeks zu versorgen.

Panische Fluchtbewegungen

Daß es den Westalliierten gelang, den Indischen Ozean als Dreh- und Angelpunkt ihres komplexen Nachschubsystems zu behaupten, habe zur Niederlage der Achsenmächte entscheidend beigetragen. Obwohl im Frühjahr 1942 der Zusammenbruch der britischen Herrschaft über Indien wahrscheinlicher schien. Eine japanische Flugzeugträgergruppe hatte bis Ceylon vorgefühlt, was dort und in indischen Küstenregionen bis hinauf nach Kalkutta panische Fluchtbewegungen auslöste.

Der sich damit ankündigenden Expansion der Kaiserlichen Marine bis in afrikanische Gewässer hinein konnte die Royal Navy jedoch sofort einen Riegel vorschieben, indem sie in einer aufwendigen amphibischen Operation Anfang Mai 1942 den einzigen Tiefwasser-Hafen, Diego Suarez an der Nordspitze Madagaskars, okkupierte und damit das Empire im globalen Süden bis zum Kriegsende sicherte.

Kaum bekannter „bengalischer Hungertod“

Eine Schattenseite des Triumphs alliierter Nachschuborganisation berührt Diner nur beiläufig. Weil fast der gesamte Schiffsraum für Kriegsgüter reserviert war, gab es im Sommer 1943 keine Kapazitäten, um eine von der Cholera-Epidemie begleitete Hungerkatastrophe in Bengalen abzuwenden. Churchills Londoner Kriegskabinett weigerte sich beharrlich, Frachter freizugeben, um statt Panzer nach Rußland Weizen von Australien nach Indien zu bringen. Eine drakonische Entscheidung, die 3,5 bis 4 Millionen Menschen in Bengalen dem Hungertod preisgab. Historiker würden heute diesen „bengalischen Hungertod“ zu den großen, während des Krieges verübten Massenverbrechen rechnen „und in die Nähe des von den Nazis verübten Holocaust an den Juden rücken“.

An dieser Stelle bricht Diner seinen methodisch so überaus fruchtbaren Perspektivenwechsel jedoch ab, um fortan bei jeder passenden Gelegenheit seine alte Black-Box-These von der Singularität des Holocaust obsessiv zu verteidigen und sie mit einem Beispiel vom Kriegsschauplatz östliches Mittelmeer neu zu unterfüttern. Nichts beweise die Einzigartigkeit des Judenmords als die Irrationalität der Täter. Ohne Rücksicht auf die prekäre Kriegslage sei darum noch im August 1944 die jüdische Bevölkerung von Rhodos nach Auschwitz deportiert worden.

Die Deutschen, so lautet die zuletzt auch von Saul Friedländer bemühte Argumentation Diners, hätten lieber den Krieg verloren als auf den Judenmord verzichtet. Diese Begründung für ein historisch tatsächlich einzigartig widersinniges Verhalten leuchtete freilich nur ein, wenn Diner den Nachweis erbrächte, daß der Holocaust-Einsatz der Reichsbahn über den Kriegsausgang entschied und Adolf Hitler sich dessen vollauf bewußt war.

JF 15/22

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