Michael Klonovsky und sein neues Werk Fotos: picture alliance/dpa/JF-Montage
Michael Klonovsky

Er schlachtet die heiligen Kühe des linksliberalen Justemilieu

„Über dem ganzen ‘Diversity’-Gerede liegt ein Geruch von demografischer Erschöpfung.“ Einer von vielen typischen Klonovsky-Aphorismen, die seinem Internettagebuch Acta diurna eine beträchtliche Leserschaft eingebracht haben. Doch oben zitierte Sentenz stammt nicht aus dem erwähnten digitalen Eckladen, sondern erschien erstmals 2013 im Artikel „Das Salz der Erde“ im Focus.

Ja, so etwas konnte vor nur sechs Jahren noch im Focus veröffentlicht werden, ein Satz, wegen dem heute sofort die allseits bekannte Empörungsmaschinerie für „Vielfalt“, „Buntheit“ und „Weltoffenheit“ sowie gegen „Diskriminierung“ und natürlich „gegen Rechts“ anlaufen würde. Im Artikel bezieht Klonovsky klar Stellung für die traditionelle Familie bestehend aus Mann, Frau und Kindern als einzige Konstellation, bei der das Kindswohl an erster Stelle stehe. Bei einer „Regenbogen-Familie“, so Klonovsky, sei das Wohl des Kindes „jenem von Papi und Papi oder Mami und Mami nachgeordnet“.

Eine Provokation, die heute wohl bereits unter dem weit gefaßten neu erfundenen Straftatbestand der „Haßkriminalität“ fällt. Der Sammelband „Der fehlende Hoden des Führers“ umfaßt 27 zwischen 2001 und 2018 erschienene Aufsätze und Reden Klonovskys, aus denen nicht zuletzt deutlich wird, wie umfassend sich der als zulässig empfundene Korridor des Sagbaren in Deutschland verändert und welche Konsequenzen – inhaltliche und rhetorische – ein Freigeist wie Klonovsky als Reaktion auf diesen sich verschärfenden Zeitgeist gezogen hat.

Meister des stilvollen Spotts

Die Beiträge sind nicht chronologisch, sondern inhaltlich sortiert und lassen sich grob drei Themengebieten zuordnen: einem historisch-religiösen, künstlerisch-musischen und philosophisch-literarischen. Dabei behandelt er so unterschiedliche Personen und Phänomene wie Churchill, Preußen und die Leugnung des Holocaust; das deutsche Regietheater, das seltsame Privatleben Anton Bruckners und die Frage, ob Bach ein Antisemit war; Houellebecq, Kant und die substanzlose Reputation von Jürgen Habermas. Klonovsky ist ein Meister des stilvollen Spotts, dem häufig ein Satz genügt, um alles, was zu sagen ist, auf den Punkt zu bringen. So formuliert er über das Geschwurbel Habermas’: „Sein Werk wurde in alle Weltsprachen übersetzt außer ins Deutsche.“

Die Auswirkungen des Gender-Hypes faßt er prägnant zusammen: „Doch die Lektüre der launigsten Gender-Studies vermag die Melancholie nicht zu vertreiben, die sich auf das Gesicht der kinderlosen Endvierzigerin malt.“ Vergleicht man seine frühen mit heutigen Texte, fällt einem unweigerlich eine rhetorische Verschärfung auf. Humorvoll war Klonovsky immer, aber heute ist er bissiger, angriffsfreudiger. Mit spürbarer Wonne schlachtet er sämtliche heiligen Kühe des linksliberalen Justemilieu und scheint die zu erwartenden empörten Reaktionen geradezu herbeizusehnen.

Kampf für das freie Wort mit dem freien Wort

In seinem bereits 2005 verfaßten Beitrag über Friedrich Schiller findet sich der Schlüssel zum Verständnis seiner Angriffslust, die einer Empörung über das sich wandelnde geistige Klima geschuldet ist: „Die demokratische Variante der Gedankenfreiheitsbeschneidung heißt Political Correctness, und ihre Geßlerhüte umstehen hierzulande jeden politischen Redner und jeden Leitartikler.“ Seit 2005 hat sich die Lage noch einmal dramatisch zuungunsten der Meinungsfreiheit verschlechtert und Klonovsky hat sich entschieden, seine Rhetorik nicht wie so viele andere anzupassen, sondern an vorderster Front den Kampf für das freie Wort mit dem freien Wort zu führen.

Insgesamt läßt sich an Klonovsky und seinen Beiträgen erkennen, wie sich unser Land in den vergangenen Jahren verändert hat: Es ist politischer geworden. Bis 2016 arbeitete er beim Focus, bevor man sich schließlich entschied, getrennte Wege zu gehen. Wirklich überraschend kam diese Entscheidung für den aufmerksamen Beobachter nicht. Unter Herausgeber Helmut Markwort wies das Magazin noch so etwas wie ein klassisch liberal-konservatives Profil auf.

Als dieser 2010 in die zweite Reihe zurücktrat, entwickelte sich der Focus zu einer Art zweiten Stern – weniger Text, dafür viele bunte Bilder. Klonovsky wurde mehr und mehr zu einem Fremdkörper in der Redaktion und wagte nach seinem Abgang 2016 schließlich den Gang in die Politik, wurde zuerst Berater von Frauke Petry und arbeitet zur Zeit für die AfD-Bundestagsfraktion. Erfreulicherweise findet er trotzdem weiterhin die Zeit, den Wahnsinn des Alltags spitzfindig-entlarvend aufs Korn zu nehmen.

Michael Klonovsky und sein neues Werk Fotos: picture alliance/dpa/JF-Montage

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