Buchbesprechung „Unterwerfung“

Was nach Hollande kommt

Unter größter öffentlicher Anteilnahme erscheint jetzt im Kölner DuMont-Buchverlag die deutsche Übersetzung des neuen Romans „Unterwerfung“ („Soumission“) von Michel Houellebecq, nur wenige Tage nach dem französischen Original – und gerade noch rechtzeitig! Denn die Ereignisse überschlagen sich. Direkt nach Erscheinen des Originals löschten islamistische Attentäter die Redaktion der Pariser Satirezeitschrift Charlie Hebdo aus, weil sie „den Propheten beleidigt“ habe, und Houellebecqs Buch liest sich über weite Strecken wie ein erhellender prognostischer Begleitkommentar zu der unerhörten Tat. Das Interesse an dem Text ist gewaltig, in Deutschland nicht weniger als in Frankreich.

Hätte man das Massaker nicht verhindern können, wenn man rechtzeitig auf Leute wie Houellebecq gehört hätte? Verwandeln die Immigrantenströme aus muslimischen Ländern, in denen sich die radikalen Glaubenskämpfer wie Fische im Wasser bewegen, den Westen nicht unaufhaltsam in islamische Kalifate, während dessen herrschende „Eliten“ den Prozeß bewußt ignorieren, ihn unentwegt klein- und schönreden und all jene, die vor der Entwicklung warnen, mit billigsten Totschlagwörtern wie „Rassismus“, „Islamophobie“ oder „Fremdenfeindlichkeit“ überziehen? So wird in vielen Quartieren immer dringlicher gefragt, und Houellebecqs Roman beflügelt und befestigt die kritischen Anfragen.

Keine politische Kampfschrift

Buchcover: Im JF-Buchdienst erhältlich
Buchcover: Im JF-Buchdienst erhältlich

Der Leser sollte freilich keine politische Kampfschrift und auch keinen vor ätzender Polemik strotzenden Polter-Essay à la Akif Pirinçci erwarten. „Soumission“ ist stattdessen, wenn man will, ein „ganz normaler Roman“, eine Art Bildungsroman, in dem ein vom Alkohol umwölkter französischer Literaturhistoriker und Mittvierziger mit einer Vorliebe für Vielweiberei und für die Belle-Epoque-Autoren Joris-Karl Huysmans und Charles Péguy schildert, wie er allmählich Abschied nimmt von der in seinen Kreisen üblichen „Aufgeklärtheit“ und sich religiösen Optionen annähert, zunächst dem Katholizismus und schließlich dem Islam. Das Buch endet damit, daß er ein Jünger Allahs wird.

Der Erzählton, den Houellebecq anschlägt, ist überwiegend lässig-sachlich, mit ironischen, manchmal sarkastischen Zwischentönen, aber von vorn bis hinten gänzlich unaggressiv. Man spürt auf jeder Zeile: Der Mann will nicht diskutieren, sondern eben schlicht erzählen. Das gilt auch und nicht zuletzt für die Passagen, die sich auf die politischen Zeitumstände beziehen, unter denen der Ich-Erzähler lebt und deren Schilderung in Frankreich so viel Mediengetöse verursacht hat und weiter verursacht.

Ein erstarkter Front National

Houellebecq hat sein Buch (wie die meisten seiner bisherigen Bücher) als Dystopie angelegt, also als Science-fiction mit kurzer Reichweite in die Zukunft und realistischster Gegenwartsbezogenheit. Die Handlung spielt im Jahre 2022, Frankreichs Präsident François Hollande ist nach seiner zweiten Amtszeit nicht mehr angetreten, der Front National von Marine Le Pen ist inzwischen so stark geworden, daß sich die übrigen Parteien inklusive einer neugegründeten „Islamischen Bruderschaft“ gegen sie zusammengeschlossen und eine gemeinsame Regierung gebildet haben.

Präsident aber ist der Gründer und Chef jener Muslimbruderschaft geworden, Mohamed Ben Abbès, ein charismatischer, spät zum Islam übergetretener Belgier, der alle übrigen Mitglieder der Anti-Le-Pen-Koalition spielend in die Tasche gesteckt hat und nun darangegangen ist, die laizistische Republik Zug um Zug, dabei ganz vorsichtig und wie im Nebenbei, in einen mohammedanischen Gottesstaat umzubauen, von der Rücknahme des Burka-Verbots bis zur (zunächst häppchenweisen) Einführung der Scharia und der Polygamie, welche den alkoholbedudelten Ich-Erzähler des Buches so beeindruckt und so verführerisch umfächelt.

Unterwerfung auf breitester Front

Unterwerfung auf breitester Front findet statt, und ins Visier Houellebecqs geraten dabei gar nicht so sehr die frisch zur Macht gekommenen muslimischen Exekuteure als vielmehr ihre „bürgerlichen“, „hochdemokratischen“, „christlich beziehungsweise aufklärerisch geprägten“ Zuarbeiter, all die Berufspolitiker, Gewerkschaftsfunktionäre, Kirchenvertreter, Alphajournalisten, wie sie heute schon die Szene bevölkern. Von 2015 bis 2022, so zeigt Houellebecq nur allzu glaubhaft, ist ein kurzer Weg; die Rutschbahn von hier zu dort ist jedenfalls schon aufgestellt, und sie ist ungeheuer gut geschmiert und glatt.

Mit der Beschreibung der zur Zeit in Frankreich wie anderswo dominierenden Rutschbahnschmierer erreicht das Buch von Houellebecq seinen unbestreitbaren Höhepunkt. Ein Abgrund von Heuchelei, Feigheit und ideologischer Dummheit wird erkennbar; der Leser weiß nicht, ob er darüber lachen oder weinen soll. Besonders auffällig der geradezu wahnwitzige Eifer, mit dem die Rutschbahnspezialisten immer wieder von den „aufgeklärten, friedlichen Muslimen“ schwärmen, die doch als Mitbürger im Westen so willkommen seien und die vor ihren wilden Glaubensbrüdern von uns geschützt werden müßten.

Unsere eigenen Gesetze wirkungsvoll durchsetzen

Dabei läßt doch selbst der aufgeklärteste, friedlichste „Euro-Islamist“ (siehe Professor Tariq Ramadan in Genf) nicht den geringsten Zweifel daran, daß es für jeden rechtgläubigen Muslim nur ein einziges „Haus des Friedens“ geben könne, und das sei „Dar al-Islam“, das Haus des Islam, das vollendete Kalifat. Jedes andere Haus sei „Haus des Krieges“ („Dar al-Harb“), und jeder Gläubige bewege sich darin wie eben in Kriegsland, im Herzen ohne Loyalität gegenüber den traditionellen örtlichen Gewalten und ihren Gesetzen, jederzeit zu Taten bereit, die Gott wohlgefällig sind.

Aufgabe der traditionellen hiesigen Gewalten ihrerseits wäre es, ihre eigenen Gesetze endlich wirkungsvoll durchzusetzen und dafür zu sorgen, daß der Zuzug fremder Völkerschaften und Glaubensgemeinschaften in gut kontrollierten Maßen vonstatten geht und den öffentlichen Frieden nicht gefährdet. Daß sie das nicht tun und was sie stattdessen tun, schildert der Roman „Soumission“ in genialer Drastik.

Ein Pluspunkt für den französischen Kulturbetrieb

Das Echo, das er bisher gefunden hat, ist nicht weniger drastisch, wenn auch weniger genial. Houellebecq wird mit den wildesten Anwürfen aus der Kiste der Politischen Korrektheit überschüttet und taucht nun, statt auf Werbereise für sein Buch zu gehen, zunächst einmal ab; den ihm nach dem Massaker an den Mitarbeitern von Charlie Hebdo angebotenen Polizeischutz hat er abgelehnt.

Immerhin, sein Buch ist bereits jetzt, wenige Tage nach Erscheinen, zum „Buch der Saison“ und zum „Buch des Jahres 2015“ erklärt worden und beherrscht die Schlagzeilen nicht nur in den Literaturteilen. Ein Pluspunkt für den französischen Kulturbetrieb. Es ist ja schon bemerkenswert, daß es dort noch Belletristen wie Michel Houellebecq gibt, die es wagen, überhaupt ein solches Buch zu schreiben und dabei den Sermon der Alphatiere und ihrer politischen Stichwortgeber der verdienten Lächerlichkeit preiszugeben.

In Deutschland ist dergleichen allem Anschein nach nicht mehr möglich. Hier macht man sich in literarischen Kreisen stattdessen lustig über die angebliche Provinzialität und „Dumpfbackigkeit“ biederer, politisch und kulturell interessierter Bürger, die in spontanen Straßendemonstrationen à la Pegida ihrer Sorge über eine drohende Islamisierung des Abendlands Ausdruck geben und die von der Berliner Politik deshalb in übelster Weise beschimpft und verteufelt werden. Juli Zeh ist eben nicht Michel Houellebecq. Die deutsche Fassung von dessen „Unterwerfung“ wird hierzulande wohl viele Leser finden.

—————

Der Roman „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq ist in deutscher Übersetzung am 16. Januar erschienen. Bestellen sie jetzt über den Buchversand der JUNGEN FREIHEIT.

JF 04/15

„Unterwerfung“ von Michel Houellebecq Foto: picture alliance / dpa

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

aktuelles

All articles loaded
No more articles to load