Literaturbetrieb

Ein weites Feld für dressierte Trüffelschweine

Nehmen wir den berühmtesten deutschsprachigen Roman des 20. Jahrhunderts, die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann, und unterstellen, es gäbe für die Figur des Thomas Buddenbrook ein einziges, definitives Urbild. Und nehmen wir an, ein findiger Literaturwissenschaftler würde ermitteln, daß diese Person keineswegs, von Konkurrenzkämpfen und Selbstzweifeln zermürbt, mitten in Lübeck einen Schlaganfall erlitt, sondern rechtzeitig die Notbremse gezogen, die Familienfirma verkauft und sich an der Côte d’Azur ein frohes Leben gemacht hat. Was würde für den Roman daraus folgen? Gar nichts! Die literarische Fiktion hat sich von ihren realen Ur- und Vorbildern längst abgelöst und führt ein Eigenleben. Das ist das Wesen großer Kunst.

Warum soll es dem Roman „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz anders gehen? Verliert er seine „innere Balance“, „ein Gutteil an Glaubwürdigkeit“ und seine „mythischen Kraft“ (so FAZ-Redakteur Jochen Hieber), nur weil der Maler Emil Nolde, der für eine NS-kritische Hauptfigur Pate stand, in Wirklichkeit ein glühender Anhänger Hitlers gewesen war? Die Antwort ist komplizierter, als es zunächst scheint. Widerlegte Realitäten können die von ihnen inspirierte literarische Fiktion durchaus einholen und mit in den Orkus ziehen. Worauf es ankommt, ist die künstlerische Qualität.

Wegfall einer persönlichen Beglaubigung

1979 veröffentlichte Stephan Hermlin das Buch „Abendlicht“, eine Komposition aus erlesenen Texten über einen jungen Mann, der den Schritt aus dem kultivierten Großbürgertum zur Arbeiterbewegung wagt. Zentrale Passagen wirkten klischeehaft, doch statt dahinter fehlende Substanz zu vermuten, stellten Kritiker in Ost und West Vergleiche mit Proust und Canetti an, lobten die Kunst der Verknappung, der Aussparung, die Ästhetik des „versteckten Zeigens“. Der Autor nämlich hatte zahlreiche Spuren gelegt, die auf eine verschlüsselte Autobiographie hindeuteten. Das verlieh dem Werk seine Glaubwürdigkeit.

„Abendlicht“ bildete das Herzstück eines ganzen Systems aus unterschiedlichen Texten – Erzählungen, Interviews, Reden, autobiographischen Andeutungen Hermlins –, die sich gegenseitig bestätigten. Innerhalb dieses Systems entwickelte „Abendlicht“ seine poetische Strahlkraft, die schlagartig verblaßte, als sich 1996 herausstellte, daß der großbürgerliche Hintergrund des Autors nur Imagination war. Der Wegfall der persönlichen Beglaubigung machte den Blick frei auf den Mangel an literarischer Substanz.

Ein allzu schlichtes, antifaschistisches Paradigma

Die Rahmenhandlung der „Deutschstunde“ setzt ein im Jahr 1954, mitten in der Adenauer-Ära. Siggi Jepsen, Insasse einer Jugendstrafanstalt, soll einen Aufsatz über „Die Freuden der Pflicht“ verfassen und erinnert sich daran, daß sein Vater, ein Dorfpolizist, das 1943 über den als „entartet“ geltenden Maler Hansen (Nolde) verhängte Malverbot mit unerbittlichem Pflichtgefühl überwachte. Er selber – damals ein zehnjähriges Kind – aber wurde zum Helfer und Vertrauten Hansens. Eine Konstellation, die wesentliche Bestandteile aus dem Arsenal der Vergangenheitsbewältigung versammelt: die Figur des stupiden Pflichtmenschen; die Gegenfigur des modernen Künstlers, Nonkonformisten, Regimegegners, der den Halbwüchsigen fasziniert; dieser wiederum steht für die Rebellion der Jugend gegen die Welt der Väter, passend zu 1968, dem Erscheinungsjahr des Buches.

Propagandaminister Joseph Goebbels besucht die Ausstellung „Entartete Kunst“, links zwei Gemälde Noldes: Die Wirklichkeit ist komplexer Foto: Bundesarchiv mit CC-Lizenz  http://tinyurl.com/3hth25
Propagandaminister Joseph Goebbels besucht die Ausstellung „Entartete Kunst“, links zwei Gemälde Noldes: Die Wirklichkeit ist komplexer Foto: Bundesarchiv mit CC-Lizenz http://tinyurl.com/3hth25

Siegfried Lenz wollte im Roman erklären, „wie geschehen konnte, was geschehen ist in diesem Land“. Doch die Wirklichkeit war, das zeigt der „Fall“ Nolde, viel widersprüchlicher, vielschichtiger und paradoxer, als sie bei ihm erscheint. Lenz hat sie in ein allzu schlichtes, antifaschistisches Paradigma gepreßt. Ein Vertreter der klassischen Moderne, der sich zum Nationalsozialismus bekennt, ließ sich darin nicht unterbringen – genausowenig übrigens wie eine abgeklärte Schilderung des Entscheidungsprozesses, der den 17jährigen Günter Grass zur Waffen-SS führte.

Es gibt nur ein absolutes Böses

Das antifaschistische Paradigma ist manichäisch angelegt. Es kennt keine Zwischentöne, keine komplexen historischen Begründungen und Zusammenhänge, keine Eskalationsstufen, internationalen Interdependenzen, sondern nur ein absolutes Böses, das sich im nationalsozialistischen Deutschland manifestiert und zur unzweideutigen moralischen Entscheidung zwingt. Das Ergebnis ist eine moralisierende Literatur, die sich dem Engagement für das Gute widmet und dabei bloß erbaulich wirkt, weil sie über ihren Gegenstand weder sachlich noch ästhetisch Erhellendes mitzuteilen hat.

Genau das könnte sich als entscheidender Unterschied zwischen den „Buddenbrooks“ und der „Deutschstunde“ erweisen. Thomas Mann hat die Realität verdichtet und vertieft und aus dem „Verfall einer Familie“ eine Parabel über den Zustand des Bürgertums geformt. Lenz wollte eine Parabel über das Überleben im Dritten Reich verfassen, hat dessen Wirklichkeit aber verflacht und simplifiziert. Deshalb ist es denkbar, daß seinem Roman das Hermlin-Schicksal winkt und seine Entstehungs- und Wirkungsgeschichte „umgeschrieben“ werden muß. Aus ganz anderen Gründen allerdings, als Jochen Hieber im Aufsatz „Der Erzähler Siegfried Lenz und sein Modell Emil Nolde“ (FAZ vom 26. April 2014) meint.

Das antifaschistische Paradigma perfektionieren

Hieber hat den Kern und die Dimension des Problems gar nicht begriffen. Er moniert an der Hansen-Nolde-Figur keine unterkomplexe Motivierung, sondern im Gegenteil ihre fehlende Eindeutigkeit; außerdem mißbilligt er die Abwesenheit des „völkischen Antisemitismus“ im Roman. Er will das antifaschistische Paradigma nicht sprengen, sondern perfektionieren und fällt mit seiner biederen Realismus-Auffassung weit hinter Lenz zurück. Dessen Veredelung eines realen NS-Anhängers zum fiktiven Antifaschisten wirkt dagegen wie ein Stachel der Subversion.

Das antifaschistische Paradigma ist im Kern eine Geschichtsdogmatik, die sämtliche Bereiche der Gesellschaft inklusive der Literatur und Literaturkritik kontaminiert. Es gibt ja keinen Zweifel, daß der Nationalsozialismus im Rückblick ein „Böses“, sogar ein „radikal Böses“ darstellt, wenn man darunter die gesteigerte Intensität und den organisierten Charakter in der Negation des Guten versteht.

Literatur wird zum Bußritual

Blumengarten von Emil Nolde (1908): Ein allzu schlichtes, antifaschistisches Paradigma
Blumengarten von Emil Nolde (1908): Ein allzu schlichtes, antifaschistisches Paradigma Foto: Wikimedia

Doch wird der Begriff in einem viel weitergehenden, im Sinne eines „absolut Bösen“ gebraucht, das sich der historischen, politischen, überhaupt jeder menschlichen Erklärung entzieht, weil es keinen anderen Grund kennt als den Genuß der Bosheit selbst. Ihm wird, wie Kant schreibt, der „Widerstreit gegen das (moralische) Gesetz selbst zur Triebfeder“. Er nannte das „teuflisch“ und auf den Menschen nicht anwendbar, was die heutigen Geschichtsdogmatiker nicht davon abhält, es auf das Deutschland von 1933 bis 1945 zu beziehen.

Weil dieses Böse (vermeintlich) grundlos ist, soll niemand, der ihm verfallen oder ihm in irgendeiner Weise dienstbar gewesen ist, nach Gründen, Zusammenhängen oder Parallelen suchen dürfen, sondern nur seine Verdammnis bekennen und um Begnadigung bitten. Die Literatur wird zum Bußritual und durch ihr Bemühen, sich im Ethischen zu bewähren, unter ästhetischen Gesichtspunkten läppisch.

Das antifaschistische Paradigma in Theorie und Praxis widerlegen

Denn diese Dogmatik ist eine Mystifikation, die alle, die sich ihr unterwerfen, dazu zwingt, ihrer Biographie untreu zu werden und menschliche und geschichtliche Tatsachen zu unterdrücken beziehungsweise zu camouflieren. Günter Grass’ Danziger Trilogie zum Beispiel thematisiert die verbreitete Empfänglichkeit der Danziger für die braune Ideologie, verschweigt aber die polnischen Begehrlichkeiten, die auf der Stadt lasteten. Den Beitritt zur Waffen-SS konnte er erst nachträglich, auf der Höhe des Ruhms, bekennen. Und selbst dann war es ihm unmöglich, naheliegende Gründe wie jugendlichen Idealismus oder den Vorsatz anzuführen, die Unversehrtheit seiner Mutter und seiner Schwester vor dem Zugriff der Rotarmisten zu schützen.

Für die dressierten Trüffelschweine eröffnet sich damit ein weites Feld. Sie schnüffeln nach dem Verschwiegenen und Verschlüsselten und reißen es aus dem Kontext, um es unter dem Vorwurf, hier sei etwas verdrängt worden, triumphal zu präsentieren. Was für ein elendiges Geschäft! Gebraucht werden eine Literatur und Literaturkritik, die das antifaschistische Paradigma in Theorie und Praxis widerlegen.

JF 20/14

Der Schriftsteller Siegfried Lenz: Die Attacke auf den Roman „Deutschstunde“ geht am Kern vorbei Foto: picture alliance / dpa

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