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Standhalten in allen Zeiten

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Der Philosoph und „Pankraz“-Kolumnist Günter Zehm: Sorge um den Bestand von Volk und Vaterland Foto: Visiomedia

Wenn Günter Zehm vom „Standhalten“ in schwieriger Zeit spricht, beruft er sich gern auf einen seiner Hausheiligen. Schon Friedrich Nietzsche habe völlig richtig erkannt, daß Philosophen mit dem jeweiligen Heute im Widerspruch stehen. Im Zarathrustra heißt es: „Ach, nur zwei Generationen weiter, und niemand hat mehr die Meinungen, die jetzt herrschen und euch zu Sklaven machen wollen.“

Speziell Philosophen, so Zehm in seinem aus einer Vorlesungsreihe an der Friedrich-Schiller-Universität Jena hervorgegangenen Buch „Maske und Mimesis“ (2007), müßten sich darüber klar sein, daß es historische Lagen geben könne, „die nach keiner Richtung geistige Konzessionen gestatten“. Sie müßten standhalten. Mit vorgeschriebenen Meinungen oder gar Theorien dürfe man sich nicht abfinden, „auch und gerade wenn sie nicht von einer politischen Diktatur vorgeschrieben werden, sondern ‘nur’ vom Zeitgeist“.

„Pankraz“-Kolumnen erscheinen jetzt im 38. Jahrgang

Diesem Credo ist Günter Zehm stets treu geblieben, ob in der DDR oder später im Westen. In der SED-Diktatur bezahlte er für den Luxus seiner eigenen Meinung mit einer Gefängnisstrafe, in Westdeutschland wurde er zweimal beruflich kaltgestellt. An diesem Samstag (12. Oktober) nun kann der Philosoph und Publizist Günter Zehm alias „Pankraz“ seinen 80. Geburtstag feiern – und sein fünfzigjähriges Berufsjubiläum als Journalist gleich mit.

Allein seine „Pankraz“-Kolumnen erscheinen jetzt im 38. Jahrgang, Woche für Woche. Sie ist damit die am längsten laufende Kolumne in der deutschsprachigen Publizistik. Dazu hat er eine Unmenge an Feuilletonartikeln, Rezensionen, Reiseberichten, Kommentaren, und philosophischen Essays geschrieben.

Stete Präsenz in der Beobachtung des geistigen Flusses

Doch nicht nur das vollbrachte Pensum, nicht nur die Disziplin, die Kontinuität der sensiblen Wahrnehmung, die stete Präsenz in der Beobachtung des geistigen Flusses, die Wachheit des Erkennens, das Zusammenspiel zwischen dem, was immer gilt und dem, was unsere Aktualität bestimmt, nicht nur die in Worte gefaßte Realität der Überschneidungen von Geisteswelt und Lebenswelt, der Berührungspunkte zwischen Geschichte und Gegenwart, sein Wertekanon mit den Konstanten von Freiheit und Vaterland – dies alles läßt uns zum Ehrentag des Jubilars Respekt und Freundschaft ausdrücken.

Ich kenne Günter Zehm seit 1969. Beide arbeiteten wir schon einige Jahre in verschiedenen Abteilungen des Verlagshauses Axel Springer – Zehm bei der Welt in Hamburg, ich im Buchverlag Ullstein-Propyläen in Berlin. Unser erster Kontakt war ein Brief, in dem er mich einlud, für die Wochenendbeilage „Geistige Welt“ eine ganze Seite über ein Thema zu schreiben, über das ich mich an anderer Stelle gerade geäußert hatte.

Zehm setzte voraus, daß es mich unbedingt reizen müsse, in diesem „Flaggschiff des Konzerns“ so prominent gedruckt zu werden. Ein paar Tage später nahm der tägliche „Koffer“ mein Manuskript mit nach Hamburg, und so kam ich zur Begegnung mit Günter Zehm. Von außen schien mir Zehm repräsentativ für das, was der Verleger Axel Springer damals vertrat – und das, was und wie Zehm es schrieb, gefiel mir auch.

Die Bundesrepublik befand sich im Umbruch

Ein paar Monate später war ich selbst an Bord, Redakteur der Welt, leitete zunächst das Ressort Kulturpolitik, das  sich vor allem mit der Bildungspolitik der Achtundsechziger befaßte. Allein schon wegen der thematischen Nähe der Ressorts arbeitete ich eng mit Zehm zusammen. Es war eine spannende Zeit, und die Welt, damals mit Times, Le Monde und La Stampa eine der vier europäischen Qualitätszeitungen, war in diesen Jahren in schwerer See: Die Bundesrepublik befand sich im Umbruch, wandelte Selbstverständnis und Gesicht. 1962, in der Spiegel-Affäre, hatte „die Straße“ erstmals politische Entscheidungen erzwungen, Adenauer war zurückgetreten, sein Nachfolger Erhard zur politischen Herrschaft weniger begabt als zu richtigen Antworten auf wirtschaftliche Fragen. Unter Kiesinger war es 1966 zur Großen Koalition gekommen, und die SPD regierte erstmals mit.

Der westdeutsche Teilstaat driftete sichtbar nach links. An den Universitäten führten die Achtundsechziger das Wort. Ihr Lieblingsfeind: Axel Springer. Er war denen ein Ärgernis, die eine andere Republik wollten, die vom „Sozialismus“ träumten und von der „Anerkennung der Realitäten“. In ihren Augen stellte, wer noch für die Wiedervereinigung eintrat, „die Nachkriegsordnung“ in Frage und war deswegen „Friedensfeind“, rückwärtsgewandter Reaktionär oder ganz einfach „Faschist“.

Kampf gegen die Achtundsechziger

Das Flaggschiff Springers, die Welt, zog das Feuer auf sich, doch war es auch selbst gut bestückt. 1969, zu Beginn des Jahres, das Willy Brandt an die Macht bringen sollte, holte Springer Herbert Kremp, bis dahin Chefredakteur der Rheinischen Post, ein „im Zweifel rechter“ Intellektueller mit kaltem Verstand und glanzvoller Feder, auf die Kommandobrücke der Welt. Kremp stemmte sich gegen die „neue Ostpolitik“ und ihre Anerkennung der deutschen Teilung, gegen die „permissive Gesellschaft“, gegen neomarxistische „Rahmenrichtlinien“ in der Bildungspolitik und gegen einen diffusen „Sozialismus“.

Kulturchef Zehm stritt in der Auseinandersetzung mit in vorderster Front. Er führte nicht nur selbst eine streitbare Feder, sondern verfügte mit den täglich drei Seiten des aktuellen Feuilletons, mit der Wochenendbeilage „Geistige Welt“ und der „Welt des Buches“ über die größte Truppenstärke. Die oft eindimensional verlaufende politische Auseinandersetzung überhöhte er mittels seiner weitgefächerten Kenntnisse und Interessen mit kulturellen, künstlerischen, philosophischen Facetten. Stets machte er deutlich, daß Kultur gerade in einem so sehr gebeutelten und verwirrten Volk wie dem deutschen auch eine konstitutive politische Bedeutung hatte.

Bei Springer gehörte er zum „Offiziersstoßtrupp“

Die kleine Gruppe herausragender Journalisten, von Kremp im „inneren Kreis“ als sein „Offiziersstoßtrupp“ tituliert, teilte gern aus und mußte noch mehr einstecken. Von außen, zuvörderst von der „Hamburger Mafia“ um Zeit, Stern und Spiegel, die eine symbiotische Beziehung mit den Kräften für eine „andere Republik“ eingegangen war, wurden Kremp und sein „Offiziersstoßtrupp“ als „kalte Krieger“ (Zwerenz), als „Reaktionäre“ (Bissinger) oder als „Renegaten vom Schlage eines Günter Zehm“ (Havemann) abgestempelt.

Zehms Vita war zweifellos die interessanteste, jedenfalls die politischste von uns allen – auch weil sich in ihr die ungeschminkte Realität spiegelte, in der sich das geteilte Deutschland befand. Am 12. Oktober 1933 im sächsischen Crimmitschau geboren, studierte er nach der Oberschule erst Publizistik, dann Philosophie an der Leipziger Karl-Marx-Universität, wurde Schüler und bald auch Vertrauter von Ernst Bloch, dem Direktor des Philosophischen Instituts. 1956 wurde Zehm wissenschaftlicher Assistent am Philosophischen Institut der Universität Jena. In der gespannten Atmosphäre des Ungarn-Aufstands geriet er dort mit seinem Eintreten für einen „humanen Sozialismus“ ins Visier der DDR-Staatssicherheit; seine fertige Doktorarbeit („Marxistische Anthropologie“) wurde beschlagnahmt – und er selbst wurde im Juni 1957 verhaftet und wegen „Boykotthetze“ zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, die er in Waldheim und Torgau verbüßte.

Sorge um den Bestand von Volk und Vaterland

Nach seiner Entlassung gelang ihm kurz vor dem Bau der Mauer die Flucht nach West-Berlin. In Frankfurt setzte er bei Adorno und Carlo Schmid sein Philosophie- und Politikstudium fort und promovierte über Jean-Paul Sartre („Historische Vernunft und direkte Aktion“).

Mit dem Eintritt in die Feuilleton-Redaktion der Welt begann 1963 seine journalistische Karriere: 1975 wurde er Ressortleiter, 1977 stellvertretender Chefredakteur. Die erste Pankraz-Kolumne erschien im Juli 1975. Namensgeber ist „Pankraz der Schmoller“ aus Gottfried Kellers Novellen über „Die Leute von Seldwyla“. Auch Zehms „Pankraz“ schmollt, weil ihm so vieles, das er in unserer Welt mit sensorischem Gespür registriert, Unbehagen bereitet: das drohende Ende unserer Kultur, der Untergang dessen, was uns groß gemacht hat, der Bestand von Tradition, Anstand, von Volk und Vaterland.

Ausgerechnet in der Zeit der deutschen Wiedervereinigung 1989/90, für die er unbeirrbar gestritten hatte, wurde er nach Auseinandersetzungen mit dem damaligen Welt-Chefredakteur Manfred Schell über den zunehmend konformistischen Kurs der Zeitung zum Ausscheiden gedrängt.

Von 1990 bis 1994 veröffentlichte Zehm seine Kolumne dann in der Wochenzeitung Rheinischer Merkur, bis sie dort auf dem Index der Politischen Korrektheit landete. Seit Januar 1995 erscheint „Pankraz“ – unangefochten und unzensiert – in der JUNGEN FREIHEIT.

JF 42/13

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